24. Dezember 2016

Scheitern gilt als das goldene Kalb der Kunstgeschichte. Das SCHIRN MAGAZIN widmet sich den vielen Varianten des professionellen Misserfolgs, gerade und auch im Kunstbetrieb.

Von Katharina Cichosch

“Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better.” Dieses längst zu Postkarten-Berühmtheit avancierte Zitat von Schriftsteller Samuel Beckett bringt zum Ausdruck, wieso Kunst und Scheitern scheinbar so viel miteinander zu tun haben: Ähnlich wie in den Naturwissenschaften, so wird der künstlerische Prozess auch hier als eine Art Versuchsanordnung gemäß des Trial-and-Error Prinzips betrachtet.

Womit über die Kategorien, in denen gescheitert wird, noch gar nichts gesagt wäre: Sind es die eigenen Ansprüche, die der Außenwelt oder beide? Gleichzeitig formuliert Beckett hier bereits den Glauben an einen wie auch immer gearteten Fortschritt: Nochmals scheitern, besser scheitern. Wobei offen bleibt, ob er hiermit tatsächlich einen künstlerischen Fortschritt meint, wie gern interpretiert wird (und was dann wiederum seinen Glauben an objektivierbare Kategorien guter und schlechter Kunst voraussetzen würde). Oder ob hiermit nicht genau das Gegenteil gemeint ist: Besser scheitern als noch radikaleres, furchtbareres, folgenreicheres Scheitern.

All jene im Hamsterrad

Die Vorstellung vom scheiternden Künstler ist eine romantische, wenngleich sie wie viele Überzeichnungen einen realen Kern hat: Aus ihr spricht die Sehnsucht nach einem, der außerhalb gesellschaftlicher Konventionen stehen kann und deshalb nicht nur scheitern darf, sondern regelrecht bitte soll – stellvertretend für all jene, die im Hamsterrad bleiben. Der Zustand des permanenten Scheiterns wird als konstituierende Eigenschaft der Künstlerexistenz schlechthin betrachtet, was sowohl als ambivalent bewundernde Zuschreibung von außen wie auch als Selbstdefinition für Künstlerin und Künstler selbst taugt.

Und natürlich lässt sich das kreative und freiheitliche Potential des Nichterreichens, des Nichteinhaltens kaum unterschätzen – allerdings impliziert Scheitern eben auch, dass zunächst trotzdem ein Versuch gemacht wurde, sich und sein Tun Konventionen, Zielen und Rahmenbedingungen zu unterstellen.

Auf dem Markt erfolgreich scheitern

Dass sich aus dem omnipräsenten Begriff vom Scheitern Paradoxes ergeben kann, beschreibt auch Kunsthistorikerin Susana S Martins in ihrem Essay „Failure as Art and Art History as Failure“: Schlechte Kunst, die schlecht sein wolle – man denke an die Bad Paintings von Kippenberger et al – sei eben gerade nicht gescheitert, sondern gemessen an ihren eigenen Kategorien (und, nebenbei, nicht selten auch auf dem Kunstmarkt) höchst erfolgreich. Ähnliches gilt größtenteils wohl auch für jene Arbeiten, die 2013 in der Hamburger Kunsthalle in der Ausstellung "Besser Scheitern" präsentiert wurden.

Im August proklamierte Annette Weisser in der „Zeit“ das Lebensmodell Scheitern für Künstler als beendet. Echtes Scheitern, so die These, könne sich heute niemand mehr leisten, auch für autonome Künste gelte mehr denn je das Leistungsprinzip – wobei Weisser nahelegt, dass Scheitern in Zeiten des jederzeit zum Einspringen bereiten, virtuellen Ersatz-Ichs als Prinzip eigentlich sowieso keine große Rolle mehr spiele.

Bruce Nauman scheitert

Die Erfahrung, dass sich ein Kunstwerk für den Künstler selbst selten als Erfolg anfühlt, hat Bruce Nauman in verschiedenen Performances und Filmarbeiten thematisiert: In den 60er-Jahren filmte er sich selbst im Studio beim Versuch, selbst gestellte Aufgaben zu erfüllen – um schließlich an diesen verärgert, frustriert und erschöpft zu scheitern. „Failing To Levitate In The Studio“ trägt das Uneinlösbare des eigenen Vorhabens, nämlich im Atelier zu schweben, ja bereits im Namen. Es fühle sich gut an, so Nauman, die Dinge erledigt zu haben – aber es mochte sich keine längere Zufriedenheit oder Entspannung einstellen. Wechselt man von der akuten Beobachtung auf die Außenperspektive, so ist jener hier im eigentlichen Sinne natürlich nicht gescheitert, war doch ebenjenes Voraussetzung für die Arbeit (die längst zur vielfach kopierten und adaptierten Inspirationsquelle geworden ist).

Scheitern, finanziell und überhaupt

Bei aller Verklärung des Scheiterns hat jenes ja durchaus Potential, ganze Existenzen zu zerstören – vor allem in finanzieller Hinsicht: Die Liste an Millionenprojekten, die schließlich doch nicht umgesetzt werden konnten, an Blockbustern, die zehn Mal so viel verschlungen wie schließlich eingespielt haben und an Vaporware, die groß angekündigt, aber niemals auf den Markt gebracht wurde, ist entsprechend lang. Und manch ein Videospieler wartet immer noch auf jene Konsole, die schon 2004 Gaming on Demand versprach - ihr Name: Phantom.

Scheitern als Show

Nicht zum Kunstwerk, aber doch zur gepflegten Unterhaltung hat "Die Show des Scheiterns" ebenjenes gemacht. Eigentlich 2002 als Bühnenprogramm in Berlin etabliert, wurde das Konzept zur Zelebrierung der Verlierer und ihrer gescheiterten Vorhaben 2011 auch in ein TV-Format übersetzt. Wobei die Definition von den Formatmachern aus Unterhaltungszwecken großzügig ausgelegt wurde: Als gescheitert galten hier gern illegale, mit viel kreativem Einfallsreichtum umgesetzte Aktivitäten, die dann auf die ein oder andere Weise doch aufgeflogen sind.

Scheitern als ultimative Selbstvermarktung

Keine negative Erfahrung, die nicht noch zu irgendetwas nutze sein und gemäß der Losung des positiven Denkens entsprechend umgedeutet werden soll: Kaum ein Kreativ- und Lebensratgeber möchte seinen Lesern das vermeintlich massive Potential des Scheiterns vorenthalten, wie es in seiner romantischen Umdeutung auch in den Bildenden Künsten (siehe oben) eine Rolle spielt. Eine kleine Auswahl an Buchtiteln: Scheitern als Chance, Scheitern als Weg; Vom Glück des Scheiterns, und natürlich darf auch die Kunst nicht fehlen: Die Kunst des Scheiterns, Die Kunst des spielerischen Scheiterns und jene des erfolgreichen Scheiterns; Von der Kunst, hemmungslos zu scheitern; Scheitern, na und?, Geschichten vom schönen Scheitern (immerhin kein Lebensratgeber, sondern der Untertitel eines Roman von Kathrin Bauerfeind).

Auf dem englischsprachigen Lebens- und Karriereverbesserungsmarkt konkurrieren Buchtitel wie „Why Success always starts with Failure“ oder, etwas ausführlicher „ How To Use What Others Call Failure As Your Ticket To Astounding Success (Ultimate Success Program Book 14)“ um die Gunst potentieller Leser. Es gibt aber auch Gegentitel: „Scheitern ist okay, nicht scheitern ist okayer“ von Stefan Dörsing und Olivier Kleiner zum Beispiel scheint zumindest eine Ahnung davon zu vermitteln, dass Scheitern im eigentlichen Sinne nicht zwangsläufig eine Angelegenheit sein muss, die man lässig wegsteckt.