02. November 2015

Auftakt der Online-Performance "The Possibility of an Army".

Von Constant Dullaart

Während ich einen stillen Kirchenvorplatz in einem kleinen niederländischen Ort abschreite, telefoniere ich mit einer Journalistin der »New York Times«. Das Gespräch ist seltsam unangebracht an diesem Ort, an den ich zusammen mit meiner Freundin gefahren bin, um den Tod eines nahen Familienmitgliedes, ihrer Mutter und meiner Vertrauten, zu betrauern. Meine Freundin sitzt noch immer im Café, welches den Platz überblickt und trinkt dort mit ihrer Schwester Tee, während ich nach draußen gegangen bin, um zu telefonieren. 

Nina Siegel, eine freie Journalistin aus Amsterdam, interessiert sich so wie ich für Kunst auf Instagram. Sie erzählt mir, dass sie meinen Kontakt durch das Stedelijk Museum in den Niederlanden und meine Londoner Galerie CarrollFletcher erhalten habe. Wahrscheinlich gingen sie davon aus, dass ich für ein Interview geeignet sei, weil ich im Oktober 2014 im Rahmen einer Intervention mehrere Millionen gekaufte Follower auf eine Reihe ausgewählter Instagram-Accounts in der Kunstszene verteilt hatte.

Die Fake-Follower hatte ich über eine Person in Litauen erworben, mit der ich auf Ebay in Kontakt getreten war: Fiktive Profile, die derart erstellt sind, dass sie wie wirkliche Leute aussehen und für jeweils 0.002 $ jedem Profil meiner Wahl folgen. 5.000 US$ kauften mir 2,5 Millionen Follower.

Da ich wusste, dass gefälschte Follower häufig eingesetzt werden, um das Image von Marken, Parteien, Musikern oder Prominenten zu pushen, interessierte ich mich schon seit Längerem für dieses künstliche Publikum: Profile bzw. Identitäten, die aus entwendeten Bildern und kopierten Biografien mit Schreibfehlern zusammengesetzt werden. Was würde geschehen, wenn man dieses künstliche Publikum als Material einer künstlerischen Geste verwendet? Man erhält natürlich eine pervertierte Perspektive auf die Ökonomie der Aufmerksamkeit, die in meinen Augen im gegenwärtigen Zeitalter des Hyperkapitalismus bitter nötig ist.

Wir sprachen über die Accounts, die ich ausgewählt hatte und darüber, wie die Menschen hinter diesen Accounts häufig die Anzahl ihrer Follower nutzten, um ihre kulturelle Wirkmacht zu belegen. Es ist selbstverständlich nichts Neues, dass die Relevanz eines Kunstwerks oder eines Künstlers mithilfe von PR-Maßnahmen optimiert wird, aber die Möglichkeit dieser Art von Markenmanagement beeinflusst mittlerweile auch die Künstler.

Brad Troemel spricht beispielsweise über »Aesthletes«, um diejenigen Künstler zu beschreiben, die versuchen den ästhetischen Vorstellungen ihres Publikums zu entsprechen, um so die begehrte Zustimmung in Form von »Likes« zu erhalten und den sozialen bzw. finanziellen Wert ihrer künstlerischen Praxis zu stärken. Ein anderes Beispiel ist Petra Cortright, die als Künstlerin in LA lebt und eine gute Freundin von mir ist, und die Preise ihrer Videoarbeiten anhand der Sichtungszahlen ihrer YouTube-Videos festlegt. Während die Glaubwürdigkeit solcher Zahlen in einer Zeit, in der Clickzahlen beschönigt werden und Twitter eingesteht, dass sich hinter Millionen seiner Accounts keine realen Personen verbergen, fragwürdig ist, ist dies dennoch ein interessantes Konzept. Bots sind als Teil unseres sozialen Gefüges akzeptiert, solange sie uns nicht mit Spam belästigen, oder? Aber was passiert mit der künstlerischen Praxis, wenn das Verhältnis zwischen Publikumswahrnehmung und Marktwert quantifiziert wird? Worin besteht die Qualität der Follower, wie viele »gesteuerte« oder künstliche Identitäten werden eingeschleust, um Marktwerte zu erhöhen?

Viele andere Künstlerkarrieren werden in der Presse allein anhand ihrer Popularität in den sozialen Medien bewertet. Ai Weiwei wird oft zusammen mit einem Link auf seinen Twitter- oder Instagram-Account und der Anzahl der Personen erwähnt, die ihm in den westlichen sozialen Medien folgen. Je größer das Publikum, desto wertvoller der kulturelle Beitrag, so scheint es. Wer kann sich dagegen verwehren über Blockbuster-Ausstellungen zu sprechen, für die man stundenlang anstehen muss oder von einem Bild, das 3 Millionen Mal »geliked« wurde? Nehmen wir zum Beispiel Kylie Jenner, die aktuelle Rekordhalterin für die meisten »Likes« eines Bildes auf Instagram, die für ihren Körper, für ihre familiäre Herkunft und ihren Popularitätsgrad selbst berühmt zu sein scheint. Es ist schwer, sich dessen zu entziehen, aber müssen wir ihren kulturellen Beitrag näher diskutieren? Das Regime der Zuschauervalidierung hat in der Kulturkritik mittlerweile ein erschreckendes Ausmaß angenommen.

Die freundliche Journalistin hörte sich meinen detaillierten Bericht darüber, wie meine Arbeit für das Jeu de Paumes, einem bekannten Museum für Fotografie in Paris, zu Stande gekommen ist, an. Ich erklärte ihr genau, warum ich mich dazu entschieden hatte, Instagram-Accounts auf 100k (100.000 Follower) aufzurunden. Und diese somit gleich wichtig zu machen – wenn man sich nur auf die Anzahl der Follower bezieht. Ich hörte sie tippen, während ich ihr erzählte, dass ich 70 Tausend »Likes« für Richard Prince, 50 Tausend für Klaus Biesenbach, 40 Tausend für Ai Wei Wei, 96 Tausend für Stephan Simchowitz, 97 Tausend für Petra Cortright und etwa 2.700 für Hans Ulrich Obrist gekauft hatte. Ich bekam ein schlechtes Gewissen, sie mit so vielen Zahlen und meiner Forschung aus der Welt der »Fake-Likes« und »-Follower« zu bombardieren, sodass ich mich unterbrach und ihr anbot ihr meine Vorher- und Nachher-Screenshots zu schicken.

Nach einer kurzen Pause fragte sie: Haben Sie jemals eine künstlerische Arbeit direkt über Instagram verkauft und denken Sie, dass dies anderen Künstlern häufig passiert? Ich antwortete, dass ich dies ehrlich nicht wisse und auch ungern darüber spekulieren wollte, wie viele Leute eine meiner Galerien aufsuchten, weil sie zuvor meine Arbeit auf Instagram gesehen haben, ganz zu schweigen davon, Zahlen über andere Galerien oder Künstler zu nennen. Allerdings verwies ich sie auf einige Kunsthändler und Sammler, die auf Instagram aktiv seien.

Später hakte sie noch einmal nach, ob ich nachvollziehen könne, welche meiner Verkäufe tatsächlich durch Instagram erzielt wurden. Also entschied ich mich dazu, nochmals zu betonen, dass meine Arbeit als Kommentar zur Bedeutung der Publikumsmessung in einer Zeit in der alles, sogar auch soziale Beziehungen (nun Sozialkapital genannt) monetär definiert werden, zu sehen ist. Als ich zu meiner Freundin ins Restaurant zurückkehrte, lächelte sie mich an und sagte, sie sei stolz auf mich, wie sie mich dort draußen über den Dorfplatz schlendern und mit der »New York Times« telefonieren sah, während sie wisse, dass das ganze Leben noch vor uns liege.  

Leider entschied sich Siegal dazu, meine Hinweise nicht in ihren Artikel vom 5. August 2015 in der New York Times aufzunehmen. Stattdessen führte sie die Instagram-Follower-Zahlen von Simon de Pury, Ai Weiwei und anderen auf, um die Bedeutung der in ihrem Artikel erwähnten Künstler zu unterstreichen und bezog sich selbst auf diejenigen Accounts, von deren Manipulation ich ihr berichtet hatte, wie den Account von Simon de Pury. Der Artikel endete als Werbung für Instagram, der die falsche Aufmerksamkeitsökonomie, die es etabliert, bestätigte und für ein Auktionshaus votierte, das auf dessen ökonomischen System basiert.

www.nytimes.com/2015/08/10/arts/design/instagram-takes-on-growing-role-in-the-art-market.html

Dies ist lediglich das jüngste Beispiel eines journalistischen Versuchs, kulturelles Schaffen durch gefälschte Nutzerzahlen zu bewerten. Es kommt der Verwendung von Besucherzahlen eines Museums gleich, obwohl man weiß, dass diese gefälscht sind, ähnlich wie eine Präsidentschaftswahl mit gekauften Stimmen (Hi UBERMORGEN!). Frühere Artikel erwähnten meine Arbeit sogar zusammen mit der Kunst von Ryan Gander oder Richard Prince, die sie mit Followerzahlen verknüpften: Eine Validierung künstlerischer Praxis anhand der nachweislich gefälschten Zahlen einer kommerziellen Bildsharing-Plattform.

Wie können wir der hemmungslosen Verwendung dieses falschen Validierungssystems im Journalismus ein Ende setzen? Und wie können wir klar machen, dass Follower-Zahlen wie »Seitenaufrufe« oder »Likes« kein vertrauenswürdiges Maß für ein soziales Interesse sind oder jemals sein werden, so lange es finanzielle Anreize gibt diese Zahlen zu manipulieren? Und dass quantifiziertes soziales Feedback nicht mit Qualität gleichzusetzen ist? Wie verhindern wir, dass dieses objektivistische System, das Kunst und Kultur den Kriterien von Effizienz und westlichen unternehmerischen Prinzipien unterwirft, die Kulturkritik beeinflusst? Müssen wir erst T-Shirts und Tragetaschen auf Kickstarter verkaufen, bevor wir dieses falsche Wertesystem kritisieren können? Ich denke es ist Zeit für drastischere Maßnahmen. Ich sollte anfangen mit der Rekrutierung einer virtuellen diskordianischen hessischen Armee.

Constant Dullaart