31. März 2017

Staatstheoretisch geschulte Windhunde, psychotronische Trips und ein Filmepos, das vermutlich nie in die deutschen Kinos kommen wird: Sieben Filme, die man am letzten Wochenende beim Lichter Filmfestivals sehen sollte.

Von Schirn Magazin

Der koreanische Regisseur Hong Sang-soo ist, wie kürzlich wieder auf der Berlinale bewiesen, ein Festival-Liebling – dabei wäre es nur zu wünschen, dass seine Filme in Europa viel öfter auch einem breiteren Publikum zu Gemüte geführt werden könnten. Mit „Yourself and Yours“ zeigt Hong, warum er immer noch Meister seines Fachs der nur scheinbar simplen Erzählung von Liebe, Misstrauen und den eigenen Unzulänglichkeiten ist: Aller scheinbaren Verhaftung im realen Leben zum Trotz glaubt dieser Film noch an die Transformation durchs Kino. Was er mit einem surreal anmutenden Twist auch angemessen zelebriert.

Yourself and Yours (Dangsinjasingwa dangsinui geot), Image embedded via imdb.com

Haben Sie genug von Politik- und Kunstdiskursen? Dann schauen Sie doch zur Abwechslung anderen dabei zu: Der palominofarbene Windhund begleitet den Zuschauer als Alter Ego des Regisseurs Julian Radlmaier, der natürlich niemals kongruent mit dem tatsächlichen Filmemacher ist, auf der Suche nach dem Glück einer klassenlosen Gesellschaft – auch wenn es, wie so oft vielleicht, irgendwie doch bloß um das ganz private mit der coolen Camille geht. Die Reise führt über Berliner Artsyfartsy-Kreise und ostdeutsche Apfelplantagen in ein mythisch aufgeladenes Italien, um irgendwann gar mit dem Erzähler leibhaftig aufzuwarten. Spätestens hier wissen Sie nicht mehr, auf welcher Meta-Ebene Sie eigentlich gerade steckengeblieben sind, und finden das in diesem tosenden Satire-Gewitter eventuell gar nicht so verkehrt.

Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes, Image embedded via rbb-online.de

Ein philippinischer Film noir, angelehnt an eine Tolstoi-Erzählung, der sich über dreieinhalb Stunden Zeit nimmt: Der neue Film von Lav Diaz ist das, was man ein zeitgenössisches Epos nennt. Auf dem kommerziellen Markt wird es der Gewinner der Filmfestspiele von Venedig entsprechend schwer haben, weshalb das Lichter Filmfest eine der raren Gelegenheiten bietet, die Geschichte einer nach 30 Jahren Unschuld in Haft freigelassenen Frau und ihrer Suche nach Vergeltung zu sehen. Eine gewaltige Geschichte, eingefangen in ebenso gewaltigem, kontrastreichen Schwarz-Weiß.

The Woman Who Left (Ang Babaeng Humayo), Image embedded via hollywoodreporter.com

Zwei Mädchen verirren sich im tiefen Wald, irgendwo im Niemandsland, als es noch Ost- und Westblock gab: Mit seinem HfG-Abschlussfilm „Der hermetische Zirkel“ nimmt Moritz Uebele das klassische Märchen zum Ausgangspunkt eines visuellen Trips durch die Niederungen des Psychotronic-Films– wo Spiel- und Experimentalfilm, Krudes und Fantastisches, Okkultismus und Sci-Fi miteinander vermengt werden. Ein filmtechnischer Faustschlag gegen das über-präsente HD mit seinem cleanen Look: Einen Großteil des Budgets hat allein das analoge Filmmaterial geschluckt, und der überwältigende Soundtrack geriert zusammen mit den schwelgerischen Zelluloid-Aufnahmen zum bombastischen Gesamterlebnis.

Der hermetische Zirkel

Dokumentarisch, fiktional oder experimental, aber immer in 360 Grad: Bei Lichter widmet man sich der virtuellen Realität 2017 in einer neuen Dimension. Zum Kucken der fünf Finalistenfilme ist ein Ausweis als Pfand für die VR-Brille ratsam. Die braucht man, um mit Friedrich Liechtenstein durchs Tankstellen-Musikvideo zu schwofen oder zum Freediving mit Meerjungfrauen abzutauchen.

Tankstelle des Glücks, Image embedded via medienboard.de

Wer einmal einer süditalienischen Karfreitagsprozession beigewohnt hat, der wird dieses ebenso feierliche wie düstere Ereignis schwer vergessen können – ganz unabhängig vom eigenen Glauben oder Nichtglauben. Der Frankfurter Filmemacher Peter Rippl begleitet die Prozession rund um den höchsten aller christlichen Festtage in Tarent, gelegen am inneren Rande der italienischen Stiefelspitze, in dichtem Schwarz-Weiß: als verbindendes transformierendes Moment für eine ganze Stadt – einst geprägt vom blühenden Handel, heute von der verfallenden, krankheitsbringenden Industrie –, deren Bewohner dem Leben auf diese Weise mehr als Elend abzutrotzen versuchen.

A Gravame – Das Stahlwerk, der Tod, Maria und die Mütter von Tamburi, Image embedded via epd-film.de

Das Ende des Geschichtenerzählens beklagte Philosoph Walter Benjamin schon 1936 – und das heute omnipräsente Mantra vom Storytelling in einer dauerhaft geschwätzigen Welt dürfte hier ganz sicher kein positiver Gegenbeweis sein. Den Versuch hierzu tritt Nathaniel Knop in seinem filmischen Essay an, ohne dabei Benjamin widerlegen zu wollen: „Ich will mir einen affirmativen Optimismus beibehalten“, so der jüdisch-ukrainische Wahlfrankfurter, der einst Psychiatrie in Sibirien studierte und nun mit Großfamilie in Frankfurt lebt. Unterstützt wird er auf seiner Filmreise über die Kontinente von Künstlern und Architekten, einem Walrossjäger und einem leibhaftigen Fakir, die jeweils ihren Teil zur Geschichte beitragen.

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Der Erzähler. Nach Walter Benjamin