Ulay Life-Sized

Die Schirn Kunsthalle Frankfurt widmet dem Ausnahmekünstler Ulay vom 13. Oktober 2016 bis zum 8. Januar 2017 die erste große Überblicksausstellung überhaupt. Ulay bezeichnet sich selbstironisch als „bekanntesten unbekannten Künstler“. Seit fast einem halben Jahrhundert führt er das eigene Leben und die Kunst radikal zusammen. Mit seinem Konzept der Transformation schafft Ulay ständig neue Identitäten. Sein bevorzugtes Medium ist die analoge Fotografie und ganz besonders die Polaroid-Fotografie, die zu einem wesentlichen Bestandteil seiner künstlerischen Praxis geworden ist. Sein Körper dient ihm dabei bis heute als Forschungsgegenstand, auf dem sich wie auf einer Leinwand verschiedene Einflüsse abzeichnen und ablesen lassen. Wie drückt sich Identität im Körper aus, und welche Strategien verändern Identität? Auf diese Fragen sucht Ulay in seinem Schaffen nach Antworten. Die Haut ist dabei besonders bedeutend. Der Künstler versteht sie gleichermaßen als Oberfläche des Körpers wie auch der Fotografie. Indem er die Haut gestaltet, sie entwirft, durchstößt oder mit Zeichen versieht, erzählt er konfrontative Geschichten über Identität und die ihr zugemuteten Brüche.

Ulay, Sweet Water, Salt Water, 2012

Die Ausstellung führt das bemerkenswerte Œuvre von Ulay umfassend zusammen. Zu sehen sind sowohl neue Arbeiten und Performances, die der Künstler eigens für die Ausstellung konzipiert, als auch zahlreiche Kunstwerke, die er jahrelang zurückhielt und die nun zum ersten Mal öffentlich gezeigt werden.

Neben zahlreichen Einzelaktionen der performativen Fotografie und Body-Art hat Ulay viele Performances und Projekte auch mit anderen Personen und Künstlern realisiert: Mit seiner früheren Muse Paula Françoise-Piso entstanden fotografische Serien, in denen er die Befragung des Selbst bis zu dessen Auflösung steigerte; mit der Künstlerin Marina Abramović gelang ihm eine Erweiterung der Performance-Kunst, die bis heute Maßstäbe setzt. Darüber hinaus entwickelte er zahlreiche partizipative Arbeiten mit sozialen Randgruppen. Ulay definiert Fotografie und Performance für sich auf eine charakteristische und sehr persönliche Weise. „Identität durch Wandel“ ist das Prinzip, das seine Kunst wie ein roter Faden durchzieht und es ihm ermöglicht, sich einer starren Identitätszuschreibung zu entziehen. Die retrospektiv angelegte Ausstellung in der Schirn führt sein umfassendes Werk aus den Jahren 1970 bis 2016 zusammen. Es werden rund 150 Arbeiten gezeigt, darunter Fotografien, Filme und Projektdokumentationen, Objekte und Skulpturen sowie Arbeiten auf Papier. Zum ersten Mal werden auch zahlreiche Arbeiten öffentlich zu sehen sein, die der Künstler aufgrund seines uneingeschränkten Bedürfnisses nach Gegenwart und seiner Skepsis gegenüber dem Kunstbetrieb bislang zurückgehalten hat.

Ulay / Marina Abramović, Imponderabilia, 1977

Ulay gilt als Begründer der performativen Fotografie. Es ist bis heute einzigartig, wie der 1943 im deutschen Solingen geborene Künstler die Fotografie und die Performancekunst konzeptuell zusammengebracht hat. Zum Ende der 1960er-Jahre verlässt er Deutschland, verkürzt seinen bürgerlichen Namen Frank Uwe Laysiepen auf Ulay, geht nach Amsterdam und schließt sich der niederländischen anarchistischen Bewegung der Provos an. Als Consultant für Polaroid International Amsterdam hat er unbegrenzten Zugang zu Filmen und Kameras, reist nach London, Paris, Rom und New York und beginnt autodidaktisch mit der Kunstfotografie zu experimentieren. So entsteht in den frühen 1970er-Jahren eine Vielzahl an Fotografien, in denen Ulay die Rolle des gesellschaftlichen Geschlechts subjektiv und erzählerisch ergründet – in Selbstbildnissen ebenso wie in Porträts von Transsexuellen, Transvestiten oder Obdachlosen. Mit dem Medium der Fotografie dokumentiert und verarbeitet Ulay den Prozess seiner mal stärker weiblich, mal mehr männlich orientierten Erscheinung und Identität. Mitte der 1970er-Jahre läutet Ulay eine neue Schaffensphase ein: er wendet sich von den fotografischen Selbsterkundungen ab und widmet sich gänzlich der Performance vor Publikum. Gleichzeitig beginnt er, mit anderen Künstlern, etwa mit Jürgen Klauke kollaborativ zu arbeiten. Mit seiner damaligen Partnerin Marina Abramović konzipiert Ulay Performances, die zwischenmenschliche Beziehungen repräsentieren, sie kommentieren und die Möglichkeit einer von zwei Menschen geschaffenen, neuen Identität untersuchen. Während ihrer zwölfjährigen Lebens- und Arbeitsgemeinschaft tritt die Fotografie als künstlerisches Ausdrucksmittel Ulays in den Hintergrund und er nimmt sie erst nach dem Ende ihrer symbiotischen Beziehung 1988 wieder auf. In den darauffolgenden Jahrzehnten setzt er außerhalb seines alltäglichen Umfeldes oder auf Reisen in die USA, nach Australien, Indien, Myanmar oder Syrien zahlreiche partizipative Kunstprojekte mit sozial marginalisierten Gruppen um. Bis heute lebt Ulay seine Idee des nomadischen Künstlers, der überall auf der Welt arbeitet und nur sich selbst verpflichtet ist, seinem eigenen Anspruch gerecht werden muss.

Der Körper ist für Ulay das Medium par excellence. Die körperliche Erfahrung oder die Idee einer Körpersprache, also eines Körpers, auf dem und durch den Erfahrungen sichtbar werden, stehen im Zentrum seiner langjährigen künstlerischen Arbeit. Um sich selbst in seiner Haut zu erfahren, erscheint es Ulay notwendig, diesen Körper zu verletzen und die Grenze, die durch die Haut gegeben ist, zu überwinden. Die Haut repräsentiert die Oberfläche des Körpers, sie ist Schutz und zugleich der Verletzbarkeit ausgesetzt. In die Haut schreibt sich die Identität des Menschen ein.
Matthias Ulrich, Kurator der Ausstellung
Ulay, FOTOTOT II, 1976

ULAY LIFE-SIZED

25.08.2016 | Die Schirn Kunsthalle Frankfurt widmet dem Ausnahmekünstler Ulay vom 13. Oktober 2016 bis zum 8. Januar 2017 die erste große Überblicksausstellung überhaupt. Ulay bezeichnet sich selbstironisch als „bekanntesten unbekannten Künstler“. Seit fast einem halben Jahrhundert führt er das eigene Leben und die Kunst radikal zusammen. Mit seinem Konzept der Transformation schafft Ulay ständig neue Identitäten. Sein bevorzugtes Medium ist die analoge Fotografie und ganz besonders die Polaroid-Fotografie, die zu einem wesentlichen Bestandteil seiner künstlerischen Praxis geworden ist. Sein Körper dient ihm dabei bis heute als Forschungsgegenstand, auf dem sich wie auf einer Leinwand verschiedene Einflüsse abzeichnen und ablesen lassen. Wie drückt sich Identität im Körper aus, und welche Strategien verändern Identität? Auf diese Fragen sucht Ulay in seinem Schaffen nach Antworten. Die Haut ist dabei besonders bedeutend. Der Künstler versteht sie gleichermaßen als Oberfläche des Körpers wie auch der Fotografie. Indem er die Haut gestaltet, sie entwirft, durchstößt oder mit Zeichen versieht, erzählt er konfrontative Geschichten über Identität und die ihr zugemuteten Brüche. Neben zahlreichen Einzelaktionen der performativen Fotografie und Body-Art hat Ulay viele Performances und Projekte auch mit anderen Personen und Künstlern realisiert: Mit seiner früheren Muse Paula Françoise-Piso entstanden fotografische Serien, in denen er die Befragung des Selbst bis zu dessen Auflösung steigerte; mit der Künstlerin Marina Abramovi? gelang ihm eine Erweiterung der Performance-Kunst, die bis heute Maßstäbe setzt. Darüber hinaus entwickelte er zahlreiche partizipative Arbeiten mit sozialen Randgruppen. Ulay definiert Fotografie und Performance für sich auf eine charakteristische und sehr persönliche Weise. „Identität durch Wandel“ ist das Prinzip, das seine Kunst wie ein roter Faden durchzieht und es ihm ermöglicht, sich einer starren Identitätszuschreibung zu entziehen. Die retrospektiv angelegte Ausstellung in der Schirn führt sein umfassendes Werk aus den Jahren 1970 bis 2016 zusammen. Es werden rund 150 Arbeiten gezeigt, darunter Fotografien, Filme und Projektdokumentationen, Objekte und Skulpturen sowie Arbeiten auf Papier. Zum ersten Mal werden auch zahlreiche Arbeiten öffentlich zu sehen sein, die der Künstler aufgrund seines uneingeschränkten Bedürfnisses nach Gegenwart und seiner Skepsis gegenüber dem Kunstbetrieb bislang zurückgehalten hat. Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung wird Ulay eine Performance mit dem Titel „Peace, Freedom, Happiness – Sustainability“ in der Schirn durchführen.

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ULAY LIFE-SIZED, Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016, Foto: Norbert Miguletz

ULAY LIFE-SIZED, Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016, Foto: Norbert Miguletz

ULAY LIFE-SIZED, Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016, Foto: Norbert Miguletz

ULAY LIFE-SIZED, Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016, Foto: Norbert Miguletz

ULAY LIFE-SIZED, Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016, Foto: Norbert Miguletz

ULAY LIFE-SIZED, Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016, Foto: Norbert Miguletz

Ulay, Long Playing Record: Molotov Cocktail, 1992, Polaroid, Polacolor, Boston Studio, 240 x 111 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Courtesy the artist

Ulay, Self-Portrait, 1990, Polagramm (Polaroid, Belichtung mit Taschenlampe und Farbfilter direkt auf dem Negativ), 275 x 112 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Private collection

Ulay Auto-Portrait, 1970, Auto-Polaroid Typ 108, 10,8 x 8,5 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Courtesy the artist

Ulay, Mein Abschied als einzige Person, 1974, Postkarte 10 x 15 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Courtesy the artist

Ulay, Visual Poetry, 1971-72, Polaroid Typ 57 mit Polaroid-Passfotokamera, 10,2 x 12,7 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Courtesy the artist

Ulay / Marina Abramović, Imponderabilia, 1977, Performance, 90 Minuten, Galleria Comunale d’Arte Moderna, Bologna, Foto: Mario Carbone, Courtesy of the Marina Abramović Archives and LIMA

Ulay / Marina Abramović, Relation in Movement, 1977, Performance, 16 Stunden, 10th Biennale de Paris, Museé d’art moderne de la ville de Paris, France, Foto: Hartmut Kowalke, Courtesy of the Marina Abramović Archives and LIMA

Ulay, S'he, 1973-74, Auto-Polaroid Type 108, 8,5 x 10,8 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Courtesy the artist

Ulay, White Mask, 1973-1974, Auto-Polaroid Typ 108, 8,5 x 10,8 cm (je Bild) © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Courtesy the artist

Ulay, White Mask, 1973-1974, Auto-Polaroid Typ 108, 8,5 x 10,8 cm (je Bild) © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Courtesy the artist

Ulay, White Mask, 1973-1974, Auto-Polaroid Typ 108, 8,5 x 10,8 cm (je Bild) © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Courtesy the artist

Ulay, FOTOTOT II, 1976, Performancedokumentation Bayer Kulturhaus, Wuppertal, Video, schwarz-weiß, Ton © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Courtesy the artist

Ulay, Sweet Water, Salt Water, 2012, Originalpolaroids, Polaroid Studio New York, 70 x 55 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Courtesy the artist

Ulay, Water for the Dead, 1992, Polaroid, Polacolor, 70 x 55 cm (gerahmt) © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Courtesy the artist

Ulay, Renais sense Aphorism, 1972-75, Collage aus Originalpolaroids Typ 107/108, Montage, Text 51,5 x 63,5 cm (gerahmt) © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Private collection, The Netherlands

Ulay, Renais sense Aphorism, 1972-75, Collage aus Originalpolaroids Typ 107/108, Montage, Text, 51,5 x 63,5 cm (gerahmt) © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Courtesy the artist

Ulay, Renais sense Aphorism, 1972-75, Collage aus Originalpolaroids Typ 107/108, Montage, Text, 51,5 x 63,5 cm (gerahmt) © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Courtesy the artist

Ulay, Pa'Ulay, 1974, Auto-Polaroid Typ 107, Montage, Text, 55,5 x 38,5 cm (gerahmt) © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Courtesy: Defares Collection

Ulay, Anagrammatic Body, 2015, 214 x 152 x 5 cm, Unikat; von Hand collagierte Fotografien auf Karton © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Courtesy the artist

Ulay, Anagrammatic Aphorism, 1974-75, Polaroidcollage, 33 x 27 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Courtesy the artist

Ulay, Portrait, Foto: Primož Korošec, 2016

Ulay, Portrait, Foto: Primož Korošec, 2016

Ulay, Portrait, Foto: Primož Korošec, 2016

Ulay, Portrait, Foto: Primož Korošec, 2016

KATALOG ZUR AUSSTELLUNG