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Tim und Struppi: Durch das Fenster der Zeit

18.01.2016

5 min Lesezeit

Das Somerset House in London zeigt in der Ausstellung "Tintin: Hergé’s Masterpiece" mit viel Liebe zum Detail das Universum einer der einflussreichsten Comicfiguren der Geschichte.

Sollte jemand anderes Tim und Struppi ĂŒbernehmen, macht er es vielleicht besser als ich, oder auch nicht. Eins ist sicher, er wĂŒrde es anders machen und es wĂ€ren auch nicht mehr Tim und Struppi.

Hergé

So faktisch und zutreffend Ă€ußerte sich Georges Prosper Remi, besser bekannt unter dem KĂŒnstlernamen HergĂ©, einst zur Zukunft des von ihm geschaffenen Abenteurers und Kult-Reporters Tim. Der vielleicht berĂŒhmteste Export Belgiens löst seit 1929 mitsamt seinem weißen Foxterrier Struppi KriminalfĂ€lle auf der ganzen Welt und schaffte es vom Beiblatt der belgischen Zeitung Le VingtiĂšme SiĂšcle zum eigenstĂ€ndigen Comic-Heft, ins internationale Fernsehprogramm und mehrere Male sogar auf die Kinoleinwand – zuletzt 2011 in Steven Spielberg’s ĂŒberraschend charmanten Animationsfilm Die Abenteuer von Tim und Struppi: Das Geheimnis der ‘Einhorn‘. Grund genug, einmal zwischen den Sprechblasen zu lesen.

© Hergé-Moulinsart 2015/Somerset House - Installation image

Mit Tintin: Hergé’s Masterpiece hat das Londoner Somerset House in Zusammenarbeit mit Belgiens HergĂ© Museum eine Ausstellung realisiert, die alles von Charakterstudien in Bleistift ĂŒber Aquarelle bis hin zum fertiggestellten Comic-Buch umfasst. Tim und sein soziales Umfeld – das fĂ€llt schnell auf – leben in einer Welt, die zwar farbenfroh, aber von starken Konturen geprĂ€gt ist. Die von HergĂ© geleistete Pionierarbeit der ligne claire versieht den Comic mit stilistischer PrĂ€zision und Struktur und verleiht ihm somit sein typisch europĂ€isches Auftreten. Kontrastiert wird diese Art des Malens durch amerikanische Comics der Zwanziger Jahre, deren Lockerheit und Rauheit in frĂŒheren Arbeiten des KĂŒnstlers sekundĂ€r wahrnehmbar sind.

Hergé’s Liebe zur Architektur

Die Umsetzung des grafischen Elements ist den Kuratoren des Somerset House besonders gut gelungen: An die Wand gemalte Fenster und Bilderrahmen geben den Blick auf bekannte Figuren und Szenarien der Tim und Struppi-Serie frei und laden dazu ein, Beziehungen zwischen den einzelnen Fenstern in Ă€hnlicher Weise zu etablieren, wie es beim Lesen des Cartoons geschieht. Dies scheint angebracht, dĂŒrfte das Fenster wohl als eines der wichtigsten sowohl architektonischen und narrativen Merkmale HergĂ©s gelten. So ist Tim verblĂŒffend oft dabei abgebildet, wie er vor Fenstern lauscht, aus ihnen springt und Antagonisten durch sie beobachtet oder von ebensolchen beobachtet wird.

© Hergé-Moulinsart 2015/Somerset House - Installation image
© Hergé-Moulinsart 2015/Somerset House - Installation image

Einen besonderen Höhepunkt bilden eine kleine Gruppe von Modellen, die eigens fĂŒr die Ausstellung angefertigt wurden und es den Besuchern ermöglichen, die Welt des spitzfindigen Reporters mit Haartolle und polierten Manieren außerhalb des weißen Comic-Rahmens in drei Dimensionen wahrzunehmen. Von Tim und Struppi‘s spartanisch-emblematisch eingerichteter Wohnung bis hin zum prĂ€chtigen Schloss MĂŒhlenhof, welches von dem herrlich menschlichen Neben-Charakter KapitĂ€n Haddock erworben wird und dem klassizistisch-barocken Schloss Cheverny im französischen Blois nachempfunden ist; die Installationen verleihen der Symbolik des beliebten Comic-Strips RĂ€umlichkeit und bieten ProjektionsflĂ€che.

Auf Exkursion mit Tim und Struppi

Hergé’s Liebe zur Architektur, aber auch zur Kunst und zum Design, ist in der Londoner Ausstellung kaum zu ĂŒbersehen. Fotos zeigen ihn posierend mit einer von Bildhauer Nat Neujean 1975 gehauenen Statue Tims in BrĂŒssel, mit Andy Warhol vor einer Reihe Pop Art-PortrĂ€ts, fĂŒr die HergĂ© Modell stand und ein Zitat spricht von der Neugier und Bewunderung, die der belgische Meister fĂŒr Mobiles des amerikanischen KĂŒnstlers Alexander Calder empfand: "Sie bestehen aus Elementen aus leichtem Metall, zusammengesetzt durch dĂŒnne DrĂ€hte. Wenn man sie von der Decke hĂ€ngt, versetzt sie der geringste Zug in Bewegung. Sie sind anmutig, leicht und ausgesprochen poetisch."

© Hergé-Moulinsart 2015

Fernab von visueller Inspiration musste sich HergĂ©, so wird deutlich, an tiefgehende Nachforschungen ĂŒber die LĂ€nder und Kulturen, in die er Tim und Struppi auf Exkursion schickte, aber erst gewöhnen. Ähnlich wie sein belgischer KĂŒnstler-Genosse RenĂ© Magritte hegte HergĂ© eine nicht unwesentliche Aversion gegen das Reisen und seine Darstellungen beruhten auf Quellen aus medialer Berichterstattung und der Welt der Filme. Nicht zu Unrecht wurden dem Belgier dafĂŒr zu Lebzeiten wie auch heute noch ein Mangel an Wahrnehmungsvermögen und daraus resultierender SensibilitĂ€t vorgeworfen. Allem voran steht der 1931 erschienene Band Tim im Kongo, der Kritikern seit jeher auf Grund des unterschwellig kolonialen Tones ein Dorn im Auge ist.

Manchmal naiv, nie xenophob

Ebenfalls fragwĂŒrdig ist die Darstellung amerikanischer Juden in Der geheimnisvolle Stern, die nicht zum ersten Mal dazu fĂŒhrte, dass Hergé’s Werk mit antisemitischen Einstellungen assoziiert wurde. Die Geschichte war zwischen Oktober 1941 und Mai 1942 in der zu dieser Zeit den Nazis unterworfenen, belgischen Le Soir zu lesen und ging der Ausweisung jĂŒdischer Einwohner Belgiens nur wenige Monate zuvor. Trotz alledem war HergĂ© aber kein Rassist: Eine Fotografie zeigt ihn vertraut mit dem chinesischen Bildhauer Zhang Chongren vor dem Triumphbogen des Jubelparks in BrĂŒssel. Laut eigenen Angaben war es diese Bekanntschaft und die enge Zusammenarbeit an Der blaue Lotus, die dem Comic-Macher die Bedeutsamkeit authentischer Kultur-Recherche fĂŒr seine Arbeit erkennen ließ und ihn nebenbei auch zum Schaffen der mit Tim eng befreundeten Figur Tschang Tschong-jen bewegte. Hergé’s Intention, wenngleich manchmal naiv, war nie xenophob.