29. Oktober 2014

Direkt, ironisch, laut: Die Schirn zeigt ab 6. November eine umfassende und überraschende Ausstellung zur deutschen Pop Art der 1960er-Jahre.

Der Herbst steht im Zeichen der Pop Art. In einer großen Überblicksausstellung präsentiert die Schirn Kunsthalle Frankfurt ab dem 6. November 2014 erstmals ein breites Panorama der Pop Art in ihrer spezifisch deutschen Variante -- ein bisher kaum beachtetes kunsthistorisches Phänomen. Pop, der in Großbritannien und den USA seinen Anfang nahm und sich dort rasch als gattungsübergreifende Universalkultur etablierte, erfuhr in den 1960er-Jahren in der noch jungen Bundesrepublik Deutschland eine originelle künstlerische Ausprägung.

Die in Westdeutschland lebenden Künstlerinnen und Künstler wie Thomas Bayrle, Christa Dichgans, K. H. Hödicke, Konrad Klapheck, Ferdinand Kriwet, Uwe Lausen, Sigmar Polke oder Gerhard Richter setzten sich -- im Gegensatz zu den angloamerikanischen Künstlerkollegen mit ihrem oft plakativen und glamourösen Vokabular -- in ihren Arbeiten mit den weniger grandiosen Banalitäten des deutschen Alltagslebens auseinander, ironisieren die kleinbürgerlichen Geschmacksideale und die beklemmende und trügerische Gemütlichkeit der 1960er-Jahre. Auf die Phase des Wirtschaftswunders folgte eine der politischen Aufarbeitung der damals jüngsten deutschen Vergangenheit. In der Bildenden Kunst suchte man nicht nur nach einem neuen Kunstbegriff und einer neuen Identität, hier fanden auch Prozesse der Demokratisierung statt.

Beeindruckende und überraschende Arbeiten der deutschen Pop Art

Das Konzept der Ausstellung beleuchtet die vier maßgeblichen Zentren der Pop Art in Deutschland: Düsseldorf, Berlin, München und Frankfurt am Main. Sie brachten die Pop Art in ihrer Schlüsselphase als eigene großstädtische Kunstform zur Ausprägung. „German Pop" vereint rund 150 Kunstwerke und Dokumentationsmaterialen von 32 Künstlerinnen und Künstlern, darunter sowohl etablierte als auch längst vergessene und weitestgehend unbekannte Protagonisten der deutschen Pop Art. In der Ausstellung sind beeindruckende und überraschende Arbeiten zu sehen, die teils seit Jahrzehnten nicht mehr ausgestellt wurden oder sogar noch nie öffentlich zugänglich waren. „German Pop" versteht sich als Archäologie eines Jahrzehnts -- den 1960er- bis frühen 1970er-Jahren --, die mit Gemälden, Objekten und Skulpturen, Filmen, Collagen und Grafiken eine Bestandsaufnahme der deutschen Pop Art leistet. Die versammelten Werke stammen vor allem aus privaten Nachlässen und Sammlungen, aber auch aus zahlreichen bekannten Kunstinstitutionen wie dem Düsseldorfer Museum Kunstpalast, der Pinakothek der Moderne in München oder dem ZKM in Karlsruhe.

In Deutschland wurde die Pop-Kultur zum Ausdrucksinstrument kultureller Differenz, die auf eine Abgrenzung zum eskapistischen Informel der Nachkriegsjahre ebenso zielte wie zum nationalsozialistischen Wertegefüge. Beginnend mit Konrad Klapheck, der als einer der ersten Künstler wieder Interesse für gegenständliche Malerei zeigte, entstand in Düsseldorf 1963 im Geiste des Pop der „Kapitalistische Realismus" mit Manfred Kuttner, Konrad Lueg, Sigmar Polke und Gerhard Richter. Daneben entwickelte sich die rheinische Szene mit den Künstlern HP Alvermann, Peter Brüning oder Winfred Gaul. Das Rheinland spielte aufgrund seiner hervorragenden ökonomischen Situation zu Zeiten des Wirtschaftswunders eine Schlüsselrolle in der damaligen Kunstszene. Eine von Gerhard Richter und Konrad Lueg 1963 organisierte und inzwischen legendäre Aktion in einer ehemaligen Metzgerei -- angekündigt als „erste Ausstellung deutscher Pop Art" -- kann als einer der Anfänge derselben bezeichnet werden. In ihrem Kontext ließ Gerhard Richter auch zum ersten Mal den Begriff „German Pop" fallen.

Das Bestreben nach Gegenständlichkeit in der Malerei

Mit den Absolventen der Düsseldorfer Kunstakademie, Wolf Vostell, KP Brehmer und Herbert Kaufmann, die nach Berlin zogen, kam die deutsche Pop-Welle auf die sogenannte „Insel der freien Welt". Berlin, das zu Beginn der 1960er-Jahre in der Kultur ein eher beschauliches Dasein fristete, knüpfte mit zwei hervorzuhebenden Initiativen an die neue Bewegung an: K. H. Hödicke, Lambert Maria Wintersberger und einige andere Maler gründeten 1964 die Produzentengalerie Großgörschen 35. Sie verband Künstler in ihrer Abwendung vom Informel und Tachismus und in ihrem Bestreben nach Gegenständlichkeit in der Malerei. Im selben Jahr eröffnete der 22-jährige René Block seine Galerie mit der programmatischen Ausstellung „Neodada, Pop, Décollage, Kapitalischer Realismus" und zeigte junge Deutsche wie KP Brehmer oder Wolf Vostell. Block, der seine Galerie als eine Art Korrekturinstrument verstand, sagt selbst, er habe bewusst auf ein internationales Programm verzichtet und so die Gleichberechtigung zur amerikanischen Pop Art propagiert, wenn auch nur mit bescheidenen Mitteln.

Frankfurt am Main war zur damaligen Zeit nicht wirklich eine Kunststadt, mit den European Headquarters der US-Armee, dem ersten Amerika-Haus, der ersten Shopping-Mall nach amerikanischem Vorbild, der Wirtschaftswunder-Meile Zeil, dem Flughafen, den Banken und der Börse aber irgendwie amerikanischer als andere Städte. Und so kam der German Pop sehr rasch auch in Frankfurt an. Mit den beiden Frankfurter Künstlern Thomas Bayrle und Peter Roehr − zwei der wichtigsten und prägenden Vertreter der deutschen Pop Art -- grenzte er sich allerdings deutlich von den Zentren Düsseldorf und Berlin ab. Roehr und Bayrle widmeten sich dem Ornament der Masse und der seriellen Anordnung in kompositorischer Strenge. Sie verbindet der analytische Blick auf die Werbung -- für Shampoo, Pulverkaffee, Haushaltsgeräte --, die beide als Propagandamaschine kleinbürgerlicher Ideologie entlarvten.

Die Szenen in Düsseldorf, Berlin, Frankfurt und München divergieren stark

Allumfassend in seinem Charakter beeinflusst der Pop auch bereits existierende Kunstbewegungen wie die Münchner Gruppen SPUR, WIR und GEFLECHT. Obwohl diese der neuen Bewegung durchaus misstrauisch gegenüberstanden, waren sie auch von ihr fasziniert. So hatten sie durchaus eine Affinität für bestimmte künstlerische Elemente wie etwa comicähnliche Sprechblasen und hinterfragten darüber hinaus die Rolle des klassischen Künstlers als einsames Genie. Sie traten vielmehr für Kommunikation und Diskussion als verbindendes Element ein. Spätestens ab 1965 experimentierten in diesem Sinne Lothar Fischer, Heimrad Prem und Helmut Sturm mit der Motivik und Ästhetik der Pop Art. Darüber hinaus setzten sich in München Uwe Lausen und Michael Langer mit der neuen Bewegung auseinander.

Die Düsseldorfer, Berliner, Frankfurter und Münchner Szenen -- stark divergierend und dennoch durch Pop als künstlerisches Prinzip vereint --waren alle vorwiegend durch Männer bestimmt. Dennoch gab es auch Frauen im Pop. Die große Überblicksausstellung in der Schirn stellt die weiblichen Protagonistinnen der Szene erstmals in den Kontext der gesamten deutschen Pop-Bewegung und präsentiert Arbeiten der Künstlerinnen Christa Dichgans, Bettina von Arnim und Ludi Armbruster.

Jenseits einer „Coca-Colonisierung" entwickelten die deutschen Künstlerinnen und Künstler eine eigene Ausprägung der Pop Art, die gleichsam auch einen Bruch mit der deutschen Hochkultur bedeutete: So wurde die Formensprache einer Gartenlaube zu einem abstrakten Muster verarbeitet und Bügelbretter wurden zu bildwürdigen Motiven. Pop ist direkt und für jeden Betrachter unmittelbar zugänglich. Pop ist Alltag und reflektiert ihn, allem voran die kapitalistische Waren- und Konsumkultur und ihre Präsentationsformen. Auch wenn Amerika das Zentrum der damaligen Kunstwelt war und alle Blicke dorthin schweiften, blieb der deutsche Pop mit seinem historischen und kulturellen Hintergrund spezifisch.