Intro
Zurückhaltend und bedacht greifen die Künstler*innen in bestehende Strukturen ein und erweitern diese durch ihre Arbeiten, sodass neue Erfahrungen der Umwelt entstehen. Die ortsspezifischen Installationen befragen ihre Verortung in der Welt und thematisieren ihre Abhängigkeit von den natürlichen Prozessen.
Herbst & Winter 2026 mit Denise Mawila, Paul Spengemann und Ian Waelder
Die Tage werden kürzer, der Wind zieht um die Häuser und die Nahrung für Tiere wird knapp: In der zweiten Episode von IN A SILENT WAY wird der Skulpturengarten im Außengelände um Arbeiten von Denise Mawila, Paul Spengemann und Ian Waelder erweitert. Die Werke reagieren auf die veränderten Bedingungen in der dunklen, kargen Jahreszeit. Sobald die Sonne untergeht, zeichnet eine Laserprojektion ein Wesen auf die Nordfassade. An mehreren Stellen rund um die Dondorf Druckerei finden sich außerdem mit Vogelfutter gespickte Nasen, die sich mit der Zeit auflösen werden. Auch eine Installation aus Lametta, die von der Witterung gezeichnet wird, erinnert an die Vergänglichkeit des Augenblicks.
Denise Mawila
Prise (2000/2026)
Das Bewusstsein für Form und Schönheit verbindet Denise Mawila mit einem Gespür für die Fragilität des Augenblicklichen und einer Prise Anti-Spektakel. Ihre Werke erzählen vom Verfall der Eleganz. In einem vordergründigen Spiel mit Schönheit verhandelt die Künstlerin die Frage, wie alltägliche Erscheinungen unsere Wahrnehmung prägen. Die Arbeit „Prise“ ist Neuauflage einer über 25 Jahre alten Idee, die den öffentlichen Raum als Ort der Begegnung und der Freude inszeniert – ganz im Sinne der relationalen Ästhetik, die Kunst als sozialen Austausch zwischen Menschen versteht. Ursprünglich entwickelte Mawila die minimalistische Skulptur aus Lametta gemeinsam mit einem Kommilitonen an der HfG Offenbach. Die Verwendung von Ready-mades, von industriell vorgefertigten Alltagsgegenständen, bildet seither eine Konstante im Werk der Künstlerin, die sich für die Neuanordnung von Dingen und ihrer Verhältnisse interessiert. Der spiegelnde Streifenvorhang, der sich durch Lichteinwirkung und Wind in ständiger Bewegung und Veränderung befindet, ist der Witterung ausgesetzt und wird mit der Zeit von ihr „gezeichnet“. Meist werden solche Vorhänge für temporäre Zwecke eingesetzt, etwa für Bühnenbilder, Partys oder zur Schaufensterdekoration. Wie als Ankündigung oder Überbleibsel einer Feier arrangiert Mawila für Prise das glänzende Material bewusst an öffentlichen „Unorten“, wie etwa hier neben dem Parkplatz auf der Nordseite der Dondorf Druckerei. Eine Feier hätte kaum eine unpassendere Stelle wählen können.
Denise Mawila studierte Bühnenbild, Film und Kunst an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und der Städelschule in Frankfurt. Ihre künstlerische Praxis verbindet Installation, Film, Zeichnung, Performance und Tanz mit interdisziplinärer Forschung und partizipativen Vermittlungsformaten. Sie ist Mitbegründerin der freitagsküche, einem Zusammenschluss von Kochen, Kunst und sozialem Austausch. Mawila war als Dozentin für kulturelle Bildungs- und Vermittlungsarbeit in den Bereichen Bewegung, Tanz und Wahrnehmung tätig. Auf ihre Initiative hin entstand in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Tanzarchiv Köln und der MAECENIA Stiftung für Frauen in Wissenschaft und Kunst das Tanzarchiv Waltraud Luley, ein Projekt zum Schaffen und Wirken der Frankfurter Tanzpädagogin.
Paul Spengemann
spin jump crawl climb dream bite hunt (seit 2024 fortlaufend)
In dunklen, langen Nächten tritt auf der Nordfassade des SCHIRN-Gebäudes ein Netze spinnendes Wesen auf den Plan. Seine Form ist äußerst wandelbar: Mal klammert es sich fest und seilt sich ab, dann wiederum streckt es sich in die Länge und scheint Halt zu suchen. Aus feinen, weißen Linien bildet es Spinnennetze, die zu Fratzen werden, oder Schriftzeichen und Worte formen, die größtenteils unverständlich bleiben. Immer wieder reißen die Fäden ab und es muss von vorne beginnen. Paul Spengemann nutzt den Laser als Werkzeug, um sich Räume zu erschließen und Geschichten zu erzählen. In „spin jump crawl climb dream bite hunt“ geht es um die Lebenswelt eines spinnenartigen Wesens. Es krabbelt, klettert, springt und jagt nicht nur, sondern träumt, äußert Ängste und Sehnsüchte. Mithilfe des Fadens teilt es seine emotionalen Erfahrungen mit dem Publikum und versucht, Kontakt zu diesem aufzunehmen. Die wiederholt fehlschlagenden Kommunikationsversuche und die ambivalente Tonspur erzeugen eine melancholische Grundstimmung, die manchmal ins Unbehagliche kippt. Ist das Geschöpf nicht auch auf der Lauer und lockt mit seinen Trugbildern Beute an? In den klebrigen Netzen könnte sie sich leicht verfangen. Zwischendurch ist das englische Wort „gobble“ zu erkennen, was unter anderem „(ver-)schlingen“ bedeutet. Was sucht die Figur nur, Gemeinschaft, Halt – oder Nahrung? Die Arbeit entwirft eine Welt, in der sichere Verbindungen nicht mehr tragen. Sie vermittelt Gefühle von Fremdheit in einer Umgebung, in der eigene Spielregeln gelten. Auf eigenwillige, leise und zarte Weise entwirft Spengemann so eine Erzählung, die zwischen Andeutung und Narration schwebt, und lässt dem Publikum offen, die Lücken zu schließen.
Paul Spengemann setzt sich als Künstler und Filmemacher in seiner Arbeit mit verschiedenen Bildschaffungsprozessen auseinander, insbesondere im Bereich des Bewegtbilds. Dabei untersucht er nicht nur deren technische Möglichkeiten, sondern auch, wie sie die Welt abbilden oder visuelle Realitäten erschaffen. Das Virtuelle nutzt er als Mittel der Sichtbarmachung und Partizipation, etwa indem eine Lasershow auf ein Gebäude projiziert wird. Spengemanns Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen und auf Filmfestivals weltweit gezeigt, unter anderem LOOP Barcelona, Internationales Filmfestival São Paulo, Goethe-Institut Mexiko-Stadt, Villa Massimo Rom, Wiener Kunststiftung, SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, Dortmunder Kunstverein, Hamburger Kunsthalle und die 66. Berlinale in Berlin.
Mit Unterstützung durch SOUND FOR FRIENDS GmbH
Ian Waelder
Self-Portrait As My Father’s Nose (2025/26)
Welche Spuren hinterlassen wir? Wie verlässlich ist unsere Erinnerung? An mehreren Orten rund um die Dondorf Druckerei sind Ian Waelders Fassadenskulpturen zu finden. Sie basieren auf einer Tonplastik, die nach der Nase des Vaters des Künstlers, Juan Waelder, geformt wurde, und zeigen die sogenannte Waelder-Nase. Es handelt sich um ein ironisches Selbstporträt, das sich mit der Zeit auflösen wird. Die mit Vogelfutter bespickten Arbeiten sind der Zerstörung durch Vögel und Witterung ausgesetzt. Als Referenz auf die Skulptur „P.O.TH.A.A.VFB (Portrait of the Artist As Vogelfutter-Büste)“ des Schweizer Künstlers Dieter Roth von 1969 vermitteln sie eine anti-monumentale Geste: Erinnerung wird hier nicht als stabil und unveränderlich aufgefasst, sondern ist jederzeit äußeren Attacken und dem Vergessen ausgesetzt. Denn die Vögel agieren nicht als harmlose Zaungäste. Vielmehr erinnern sie in ihrem aggressiven Zugriff an den berühmten Film von Alfred Hitchcock. In einer brüchigen, fragilen Formensprache schafft Waelder künstlerische Reflexionen über Biografie, Erinnerung und Gedächtnis. Der Künstler ist der erste aus seiner Familie, der 2017 nach Deutschland zurückgekehrt ist. Sein Großvater Friedrich Wälder floh 1939 aus einem Konzentrationslager in der Umgebung von Stuttgart nach Chile, wo er sich fortan Federico Waelder nannte. Er war der einzige Überlebende seiner Familie. Sein Enkel hat ihn nie getroffen und kennt ihn nur über materielle Spuren, wie die Kassette mit Klaviermusik, den Opel des Großvaters – oder eben die Nase des Vaters. „Self-Portrait As My Father’s Nose“ konfrontiert das Publikum so mit einem historisch aufgeladenen Motiv. Das Stereotyp der „jüdischen Nase“ ist Teil einer antisemitischen Bildsprache. Waelder greift bewusst ein körperliches Merkmal auf, das aufgrund seiner rassistischen Instrumentalisierung meist gemieden wird, und fügt einen persönlichen Bezug hinzu.
Ian Waelder (*1993 in Madrid) lebt und arbeitet zwischen Mallorca und Frankfurt am Main, wo er 2023 an der Städelschule sein Studium der Bildenden Künste bei Haegue Yang abschloss. Einzelausstellungen hatte er in der Galerie Modern Art, London, GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst Bremen, Kestner Gesellschaft Hannover und im Es Baluard Museu d’Art Contemporani, Palma. Waelder war an Gruppenausstellungen unter anderen im Haus am Waldsee, Berlin, in der Kunsthalle Wien, Delfina Foundation, London, dem nsdoku München und bei Francis Irv, New York, beteiligt. Er nahm an Residenzprogrammen teil, darunter IASPIS, Malmö, Stiftung Laurenz-Haus, Basel, und WIELS, Brüssel. Seit 2019 leitet Waelder Printer Fault Press, einen Verlag für Künstlerpublikationen.
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Kurator*innen
Matthias Ulrich
Theresa Dettinger
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Gefördert durch
SCHIRN ZEITGENOSSEN