23. Juni 2017

Wohin auf der documenta 14? Malerei, Performance, Film, Dokumentationsmaterial… Einige Vorschläge und Tipps zum Einstieg.

Von Lisa Beißwanger

Seit April ist die documenta 14 bereits in Athen zu sehen. Nun ist das Warten auch für Kassel zu Ende. Dort wurde die weltgrößte Ausstellung zeitgenössischer Kunst am 10. Juni eröffnet. Haben der Kurator Adam Szymczyk und sein Team ihr Ziel erreicht, das sie unter dem Motto „Learning from Athens“ verfolgt hatten? Viele große Themen standen auf dem Programm, zum Beispiel das grundlegende Hinterfragen der Institution documenta, Demokratisierung, Dezentralisierung oder neue politische und ökonomische Organisationsformen. Eine der mächtigsten Kunstinstitutionen macht sich zum Gegenstand der eigenen Kritik. Ob das funktionieren kann? Darüber sollte man sich unbedingt selbst ein Bild machen, zumal es zahllose spannende Werke zu entdecken gilt. Diese (subjektive) Auswahl und einige Tipps und Tricks sollen den Einstieg erleichtern.

Der Klassische documenta Besuch beginnt am Friedrichsplatz. Dort werden die Besucher bereits von einigen Arbeiten im Außenraum begrüßt. Um diese Arbeiten zu sehen, benötigt man kein Ticket. Beeindruckend monumental steht Marta Minujíns Arbeit „Parthenon of Books“ direkt gegenüber des Fridericianum. Ein Tempel, dessen Säulen mit Büchern bestückt sind, die in unterschiedlichen Kontexten in der Vergangenheit oder heute noch, verboten sind. Gegenüber, auf dem Architrav des Fridericianum, prangt die beklemmende Inschrift: „Being safe is scary“, ein Kunstwerk der Künstlerin Banu Cennetoglu. Links daneben, vor dem Kaufhaus SinnLeffers, sind Hans Haackes großformatige Banner aufgespannt, mit der mehrsprachigen Botschaft „Wir (alle) sind das Volk“. Wer am richtigen Ort steht und aufmerksam zuhört, mag auch hier bereits eine Station der „Whisper Campaign“ von Pope L. wahrnehmen, die einem an fast allen weiteren Ausstellungsorten wieder begegnen wird. Vom Zwehrenturm des Fridericianum steigt eine Rauchsäule auf, das ist die Arbeit „Expiration Movement“, von Daniel Knorr. All diese Arbeiten thematisieren bereits Kernfragen der Ausstellung.

Professionelle Froschimitatoren

Weitere Arbeiten im Außenraum sind die wohn-Röhren von Hiwa K, „When We Were Exhaling Images“, die vor der documenta Halle aufgebaut sind, die grasbewachsene „Living Pyramid“ von Agnes Denes steht im Nordstadtpark und die interaktive „Mill of Blood“ von Antonio Vega Macotela, die sich in der Karlsaue vor der Orangerie befindet. Ibrahim Mahama hat die Torwache mit Jutesäcken eingekleidet, die Arbeit trägt den Titel „Check Point Sekondi Loco“. 1901-2030 und verweist auf weltweite (postkoloniale) Handelsverflechtungen. „When Elephants Fight, It Is The Frogs That Suffer“ von der Fluxus-Legende Ben Patterson sollte man ebenfalls nicht übersehen bzw. überhhören. Es ist ein Froschchor, eingequakt von Fröschen und professionellen Froschimitatoren, versetzt mit versteckten politischen Botschaften. Zu hören ist diese Fluxus-Symphonie par excellence in der Karlsaue.

Marta Minujín, The Parthenon of Books, 2017, courtesy the artist, Foto: Lisa Beißwanger
Ibrahim Mahama, Check Point Sekondi Loco. 1901–2030. 2016–2017, 2016–17, courtesy the artist, Foto: Lisa Beißwanger

Zentraler Bestandteil des kuratorischen Konzepts, die documenta in Kassel und Athen stattfinden zu lassen, ist der Austausch der documenta mit dem Nationalmuseum für Zeitgenössische Kunst in Athen, dem EMST. Aus diesem Grund wird der historische Hauptort der documenta in diesem Jahr mit Arbeiten aus der noch relativ jungen Sammlung (seit 2000) des EMST bespielt. In Athen steht ein monumentales Gebäude, das derzeit von der documenta bespielt wird, ansonsten bislang leer, da bislang die Gelder fehlten, das Museum endgültig zu eröffnen. 

Der geheime Hauptspielort

Die Neue Hauptpost oder Neue Neue Galerie ist der heimliche Hauptspielort der documenta 14. Der Ort wird auf drei Etagen bespielt. Der Aufgang ist leicht zu übersehen, er befindet sich direkt rechts vom Eingang. Ein wandfüllendes Graffiti von Gordon Hookey „MURRILAND!“, gleich gegenüber des Eingangs, thematisiert die Lebensrealitäten von Aborigines seit der Kolonisierung Australiens in der für den Künstler typischen, bunt-fröhlichen Ästhetik die im krassen Gegensatz steht zu den bitteren Fakten, die er uns dort präsentiert. Etwas versteckt in der Ecke hinten links, ist ein besonderes Highlight, das Video „77sqm_9.26min“ des Londoner Instituts für forensische Architektur, das den NSU-Mord an Halit Yozgat aufrollt. Ein Highlight ist zudem die Arbeit „Staging“ von Maria Hassabi, die sich durch das gesamte Gebäude zieht. Inzwischen sind die Performer, die sich an den Eröffnungstagen in Zeitlupentempo an unterschiedlichen Orten der Neuen Hauptpost mit großer Präzision und Konzentration bewegten, nicht mehr vor Ort. Aber ihre Präsenz ist immer noch spürbar. Vor den Scheinwerfern im Erdgeschoß und auf dem großen magentafarbenen Teppichen im ersten Stock, stehen nun die Besucher im Rampenlicht.

Maria Hassabi, Staging, 2017, courtesy the artist, Foto: Lisa Beißwanger

Welches Medium könnte Fragen nach Demokratie, Kollektiv und Individuum besser verhandeln, als Tanz und Performance, die den menschlichen Körper in den Mittelpunkt stellen? Wegen der zahlreichen live-Arbeiten empfiehlt sich ein Blick ins tagesaktuelle Programm, da manches nur zu bestimmten Zeiten „aktiviert“ wird. Die Performance-Künstlerin Regina José Galindo ist mit zwei Arbeiten präsent, beide thematisieren Gewalt durch Waffen. Ihre brutale Sozialstudie „El Objetivo / Das Ziel“ im Stadtmuseum Kassel, kann von Besuchern selbst aktiviert werden. Nicht live aber dennoch beeindruckend ist das Video „La Sombra / Der Schatten“, auf dem Galindo rennend von einem Leopard-Panzer verfolgt wird. Im Museum für Sepulkralkultur wird eine dokumentarische Zusammenschau des in Athen stattfindenden Projekts „Collective Exhibition for a Single Body“ präsentiert, koordiniert und choreografiert von einem documenta Kurator Pierre Bal-Blanc und dem Choreograf Kostas Tsioukas. 

Archive und Vitrinen so weit das Auge reicht

Die documenta 14 ähnelt bisweilen einer Archivpräsentation. Meterweise Vitrinen halten Material bereit, das auf geduldige und neugierige Besucher wartet, die auf Spurensuche nach den Geschichten hinter dem Material gehen möchten. Es empfiehlt sich eine Auswahl zu treffen und dann ein wenig zu recherchieren und die angebotenen Texte oder das Daybook zu konsultieren. Aber auch Mut zur Lücke muss sein, insbesondere wenn nur ein oder zwei Tage für den documenta-Besuch eingeplant sind.

Ausstellungsansicht, Collective Exhibition for a Single Body, Museum für Sepulkralkultur, Kassel, Foto: Lisa Beißwanger

Drei interessante Malerei-Positionen: Zum einen die unkonventionell in einem der Glaspavillons an der Kurt-Schumacher-Straße präsentierten Arbeiten von Vivien Suter. Es lohnt, zuerst oder im Anschluss die 30-minütige Dokumentation „Vivian’s Garden“ über die Künstlerin, im Naturkundemuseum im Ottoneum zu sehen, gedreht von der Künstlerin Rosalind Nashashibi, deren Werke sich wiederum im Palais Bellevue befindet. Die Dokumentation zeigt wie Suter mit ihrer Mutter, der Künstlerin Elisabeth Wild, im Dschungel von Guatemala lebt und arbeitet. Ein wahres Fest für die Augen sind die großformatigen, bunten Farbflächenmalereien von Stanley Whitney in der documenta-Halle. Sie strahlen eine poetische Kraft aus, die vielen der sehr konzeptuellen Arbeiten dieser documenta abhanden gekommen zu sein scheint. Ebenfalls in der documenta-Halle finden sich die faszinierenden Gemälde von Miriam Cahn, die um die Themen Geschlecht und Sexualität, Angst und Existenz kreisen und dabei einen Schwebezustand halten zwischen malerischem Genie und Naivität.

Unverständliche Sprachsequenzen

Auf einer riesigen Ausstellung wie der documenta fällt es oft schwer sich die Zeit zu nehmen, längere Filme anzusehen. Gleich 85 Minuten dauert der wunderbare Film „Such a Morning“ von Amar Kanwar, der im 1. Stock der Neuen Galerie zu sehen ist. Doch auch ein kürzerer Einblick in die ruhige und poetische Bildwelt des Films lohnt. Eine weitere Filmentdeckung dieser documenta sind die Arbeiten von Naeem Mohaiemen. In Kassel zeigt er im den Film „Two Meetings and a Funeral“, in dem es um einen Rückblick auf die Bewegung der Blockfreien Staaten geht. Der Film ist im obersten Stock des Hessischen Landesmuseums. Ein dritter Film ist weniger Bild- denn Stimmgewaltig. Susan Hiller’s „Lost and Found“ in der Grimmwelt hat (nahezu) ausgestorbene Sprachen zum Thema. Je länger man verweilt und den eingespielten und uns unverständlichen Sprachsequenzen zuhört, desto mehr wird Sprache zu Musik.

Vivian Suter, Nisyros (Vivian’s bed), 2016–17, courtesy the artist, Foto: Lisa Beißwanger
Vivian Suter, Nisyros (Vivian’s bed), 2016–17, courtesy the artist, Foto: Lisa Beißwanger

Das Konzept der documenta 14 sah vor, dass die über 160 eingeladenen Künstlerinnen und Künstler, selbst entscheiden dürfen, ob sie in Athen und in Kassel oder nur an einem der Orte ausstellen möchten und auch, ob sie an beiden Orten dieselben oder unterschiedliche Werke zeigen. So ergeben sich, für Besucher, die beide Orte besuchen, ein spannendes Entdeckungsspiel und eine Vernetzung der beiden Orte. Aber auch für diejenigen die nur nach Kassel fahren wird der Athen-Bezug deutlich sicht- und spürbar. Wer tiefer eintauchen möchte, sollte sich das sogenannte Daybook mit Texten zu den teilnehmenden Künstlern leisten, denn die Informationen bei den Werken sind bisweilen sehr rudimentär. Auch gibt es eine kostenlose Stadtkarte, auf der alle Orte eingezeichnet sind. Für 2,50 € gibt es zudem ein Büchlein über alle Orte zu erwerben, jeweils mit einer Zuordnung zu den Namen der dort gezeigten Künstler. Das meiste Material ist auch online verfügbar. Wer gerne radelt, sollte sich ein Fahrrad leihen, zum Beispiel über das stadtweite Leihsystem Konrad. Das spart Zeit und schont die Füße.

Daybook documenta 14 via public Domain dokumenta 14