03. März 2018

Herausragende Film­kunst quer durch die Kategorien: Eine Auswahl an Spiel- und Expe­ri­men­tal­filmen sowie Doku­men­ta­tio­nen der diesjährigen Berlinale, die ihre Geschichte auf ganz eigene Art und Weise erzäh­len.

Von Katharina Cichosch und Daniel Urban

Die Sektionen auf der Berlinale sind nicht immer hilfreich. Was macht einen Titel zum Kandidaten für den „Wettbewerb“ und wer unterscheidet zwischen „Forum“ und „Panorama“? Für die Preisvergabe ist das sehr wohl entscheidend, weshalb etliche Filme gar nicht erst die Chance auf eine Auszeichnung bekommen. Am Ende lässt sich quer durch alle Kategorien Filmkunst finden – in Form von Spiel- und Experimentalfilmen, aber in diesem Jahr oft auch herausragenden Dokumentationen. Das SCHIRN MAG hat eine Auswahl Filmen zusammengestellt, die ihre Geschichte auf ganz eigene Art und Weise erzählen oder darstellen, sei es in Form von Dramaturgie oder beidem. Einige davon sind bereits auf DVD erschienen oder werden demnächst im Kino gezeigt.

„11x14“ von James Benning (1977)

1977 wurde James Bennings “11x14” erstmalig im Berlinale-Forum gezeigt. In Zusammenarbeit zwischen dem Österreichischen Filmmuseum und dem Arsenal Institut für Film und Videokunst wurde der Film nun restauriert und abermals in der Kunstfilm-Reihe des Festivals präsentiert. „11x14“ ist eine Versuchsanordnung zur Frage, was Bilder allein erzählen können - jenseits ihrer Kontextualisierung und Montage. Der Film besteht aus unzähligen One-Shots, jede Szene entführt den Betrachter in ein eigenes Universum von Narrationen. Die einzelnen Charaktere tauchen in unterschiedlichen Szenen immer wieder auf; erzählen eine Geschichte, deren Anfangs- und Endpunkt nie ganz klar wird, deren Reihenfolge auch ganz anders verlaufen könnte. Ein Film, dessen Form selbst die Narration beinhaltet und vielleicht auch zu entschlüsseln vermag. Oder, wie James Benning selbst anregte: “Hopefully, the film teaches you how to watch the film.”

Der Film ist auf DVD erhältlich.

Videostill aus 11x14, 1977 (c) James Benning
„Jahilya“ von Hicham Lasri

Wovon träumen Kakerlaken? Der kurze Prolog in Hicham Lasris „Jahilya“ klärt auf: Davon, nicht von Menschenhand zerquetscht zu werden, sondern eines natürlichen Todes zu sterben. Über die Träume von Menschen ist hiermit freilich noch nichts gesagt. Setzt man die Träume eines Menschen als seine Handlungsmaxime, lässt Hicham Lasri über jene nichts Gutes vermuten: Hier tyrannisieren Männer Frauen, Kinder Erwachsene und Mächtige Untergebene.

Hicham Lasri zeichnet in „Jahilya“ ein tristes Bild der marokkanischen Gesellschaft, gekennzeichnet durch Frauenverachtung, Hoffnungslosigkeit und Unterdrückung. Sechs Handlungsstränge verwebt er zu einer surrealistischen Mélange - in der Summe eine Geschichte über Ausgestoßene und deren Unterdrücker: eine vergewaltigte Frau, ein Selbstmörder, eine unverheiratete Schwangere. In seiner gleichzeitig symbolisch aufgeladenen wie brachial-konkreten Bildsprache erinnert der Film an Bunuels surrealistische Spätwerke wie „Le Fantôme de la liberté“. Lasri selbst versteht „Jahilya“ so auch als einen Frontalangriff, als einen Film, der ruft: Es reicht! Das Werk ist der Abschluss seiner „Triologie des Hundes“, der „C’est Eux Les Chiens“ (2013) und „Affame Ton Chien“ (2015) vorausgegangen waren.

Videostill, Jahilya, 2018 (c) Hicham Lasri
Videostill, Jahilya, 2018 (c) Hicham Lasri
„The Green Fog“ von Guy Maddin und Evan Johnson

H-hm – *lächeln* – Hmm – *nachWortenringen* – ? – *Luftholen* –Tztz – *kauenschmatzen* – ßßßßß – *SalzübersEssenstreuen*

Zu Beginn des Films „The Green Fog“ wird ein Lautstärkeregler von „Speak“ auf „Listen“ gedreht. Und dann: Sie hören, dass Sie nichts hören. Dialoge, die nie zustande kommen. Schöne Frauen und mutige Männer, die in Dauerschleife nach Worten suchen und keine finden. Stattdessen Essensgeräusche, Atmen, Luft holen. Lächeln, in die Augen schauen, wegschauen.

Guy Maddin, der kanadische Experimentalfilmer, dessen Arbeiten es relativ regelmäßig ins Kino schaffen, und Evan Johnson haben Klassiker der Filmgeschichte so zerlegt und neu zusammengefügt, dass die entscheidenden Zusammenhänge sich gerade nicht auf der Kinoleinwand abspielen. Und damit den Film noir - dem er hier wie eigentlich der gesamten Geschichte einschlägiger Hollywoodklassiker eine Hommage widmet - um seine essentiellen Bestandteile beraubt: Hechtende Männer, deren Verfolgungsjagden nie enden, fallende Ganoven, Schurken und Detektive, die immer wieder eine Szene weiter fallen. Ist das dann nicht schon wieder eine Art „Anti-Hommage“?

Getragen wird die experimentelle Anordnung durch einen Hitchcock-Klassiker und somit auch durch San Francisco, die nordkalifornische Stadt, in der alles begann: „Vertigo“ ist der Dreh- und Angelpunkt des Geschehens, das hier grob als Collage nacherzählt wird – mit Ausschnitten aus ebenjenem bis zu „Sister Act 2“. Das macht „The Green Fog“ umso kunstfertiger, aber man muss die Referenz gar nicht unbedingt voll durchschauen, um den grünen Gruselnebel im malerisch schönen, schaurigen San Francisco zu goutieren. Der mediale Referenzen-Reigen hört hier sowieso noch lang nicht auf: Gegen Ende erscheint sogar die 90er-Boyband `NSYNC auf dem Schwarz-Weiß-Röhrenfernseher im Bild.

Hech­tende Männer, deren Verfol­gungs­jag­den nie enden, fallende Gano­ven, Schur­ken und Detek­tive, die immer wieder eine Szene weiter fallen.

Videostill, The Green Fog, 2018 (c) Guy Maddin und Evan Johnson
"Isle of Dogs" von Wes Anderson

Ein Rudel struppiger Hunde auf einer Müllinsel, handgefertigte Miniaturtiere vor ebenso handgefertigter Miniatur-Kulisse, mit knurrigen oder melancholischen Stimmen von Bill Murray oder Bob Banaban; eine Geschichte über Freundschaft und die Mensch-Tier-Beziehung, voll an skurrilen Einfällen, wie man sich das Leben in einer japanischen Megacity vielleicht so vorstellt, und noch dazu eine filmische Widmung an Protest und Mitbestimmung: „Isle of Dogs“ war der Berlinale-Eröffnungsfilm, von dem sich fast jeder Zuschauer verzaubern ließ.

Verdient hätte der inzwischen zweite Animationsfilm von Wes Anderson in jedem Fall einen Preis für die besondere künstlerische Leistung qua Ausstattung und Umsetzung. Damit verbunden aber auch dieser Effekt: Es wird zunehmend schwieriger, Form und Inhalt in den Filmen des texanischen Regisseurs voneinander zu trennen – die berühmte Wes-Anderson-Ästhetik, die sich bis in Dialogführung und Figurenentwicklung fortsetzt, ist längst von einer ursprünglich etwas schrullig-liebenswerten Nebensache zum umfassenden Hauptakteur geworden.

Kinostart Deutschland: 10. Mai 2018

Videostill, Isle of Dogs, 2018 (c) Wes Anderson
“Notes On An Appearance” von Ricky d‘Ambrose

Ein junger Mann kehrt zurück aus einem Urlaub von Übersee und kommt bei einem Freund in Brooklyn unter. Er hilft seinem Freund bei dessen wissenschaftlicher Arbeit über einen kürzlich verstorbenen umstrittenen Philosophen, wertet privates Videomaterial und diverse Schriften des Denkers aus. Plötzlich verschwindet der junge Mann spurlos und seine Freunde machen sich auf die Suche nach ihm. „Notes On An Appearance“ von Ricky d’Ambrose ist ein einstündiges Kammerspiel der Dokumente und Indizien. Immer wieder tauchen persönliche Objekte der Protagonisten in Großaufnahme vor der Kamera auf: eine Postkarte, ein Reisepass, Zeitungsartikel oder Tagebucheintragungen.

Die Detailaufnahmen und grundsätzliche Formsprache erinnert stark an das französische Kino der Novuelle Vague, besonders an die Bildsprache aus Robert Bressons „Pickpocket“. Losgelöst von jedem materiellen Raum, in dem Objekte sonst ihren Nutzen entfalten, hievt der junge Amerikaner sie in seinem ersten, Kickstarter-finanzierten Experimentalspielfilm auf die große Bühne. „Notes On An Appearance“ scheint auf der Suche nach dem zu sein, was Objekte über ihre Besitzer aussagen können. Die Protagonisten bleiben so auch merkwürdig monoton und roboterhaft in ihrem Verhalten und ihren Gesprächen, wenig Menschliches haftet ihren Körpern an. Was bleibt, sind die Dinge und einige verhallte Geräusche von weit her.

Videostill, Notes on Appearance. 2018 (c) Ricky d'Ambrose
„SPK Komplex“ von Gerd Kroske

Getreu des Ausrufs des Psychiaters und Vordenkers Klaus Dörner: „Die Psychiatrie ist eine soziale oder sie ist keine!“, gründete sich 1970 in Heidelberg das Sozialistische Patienten Kollektiv, kurz SPK. Für die antipsychiatrisch ausgerichtete Gruppe um den Arzt Wolfgang Huber stellten die existierenden stationären Behandlungsmöglichkeiten bestenfalls so etwas wie „Verwahr-Psychiatrie“ dar. Huber machte den Versuch zum Gegenmodell und therapierte Patienten in einer Art alternativem Behandlungszentrum, Hegel-Lektüre inklusive. Mitunter sollen gar intensive Kontakte zu etlichen RAF-Mitgliedern bestanden haben. Dies führte alsbald zu Problemen, nicht nur mit der Uni Heidelberg, und mündete schließlich in Gerichtsprozessen, an deren Ende Huber und seine Frau sowohl ihre Approbation verloren als auch zu langen Haftstrafen verurteilt wurden.

Gerd Kroskes „SPK Komplex“ ist ein überaus intelligenter Dokumentarfilm, der sich ganz aufs gesprochene Wort der sogenannten talking heads verlässt. Weit und breit keine der mittlerweile leider so üblichen Reenactments, ja, nicht einmal einordnende Zwischentitel oder Personenbeschreibungen gibt Kroske dem Zuschauer mit an die Hand, lediglich die Sprache oder auch das Schweigen der Zeitzeugen. „SPK Komplex“ ist so nicht nur Erinnerung an die in Vergessenheit geratene Geschichte des SPK, sondern auch ein Manifest der Kraft des gesprochenen Wortes, sei es in Form der Therapie oder eben der Aufarbeitung von Geschichte.

Videostill, SPK Komplex, 2018 (c) Gerd Kroske
Videostill, SPK Komplex, 2018 (c) Gerd Kroske

SPK Komplex ist ein Manifest der Kraft des gesprochenen Wortes. 

“Premières solitudes” von Claire Simon

Dem gesprochenem Wort räumt auch die französische Dehbuchautorin, Schauspielerin und Regisseurin Claire Simon den größtmöglich denkbaren Platz sein. In „Premières solitudes“ lässt sie Jugendliche schlicht und einfach aus ihrem Alltag berichten. Sie heißen Tessa, Anaïs, Catia, Manon, Elia, Hugo oder Clément, allesamt Elftklässler aus einem Pariser Vorort. Als Zuschauer kann man kaum glauben, dass hier tatsächlich Jugendliche offen und frei aus ihrem Leben berichten - und nicht etwa Schauspieler ein Skript vortragen. Simon selbst ist nicht zu sehen oder zu hören. Sie gibt ihren jungen Protagonisten auch keinen Gesprächsfaden an die Hand. Ihre Kamera ist wortwörtlich stiller Beobachter, wenn sich die Schülerinnen und Schüler in kleinen Gruppen über ihre Wünsche und Hoffnungen austauschen, über die kaputten Elternhäuser, die erste Liebe und das erste Leiden.

Man ist überrascht, wie reflektiert, unprätentiös und vor allen Dingen aber selbstbewusst und ohne jede Scheu vor der Kamera miteinander agiert wird: Ein Junge beginnt zunächst verschämt, dann immer offenherziger über die verkorkste Beziehung zu seinem Vater zu sprechen, schließlich weint er und wird von seinen Freundinnen getröstet. Es liegt etwas unerklärlich Magisches, im besten Sinne Humanes darin, wie uns Simon die Jugendlichen in „Premières solitudes“ zeigt.

Videostill, Premières Solitudes, 2018 (c) Claire Simon
Videostill, Premières Solitudes, 2018 (c) Claire Simon
"An Elephant Sitting Still" von Hu Bo

„But I don’t have any money. I sleep on the balcony,” erklärt der Großvater dem jungen Anspruchsteller lapidar. Um Geld angehauen werden kann man in diesem Filmkosmos von Hu Bo scheinbar immer und jederzeit: Unter Verwandten und Nachbarn, wenn der Hund vom anderen Hund getötet worden ist, zur Bedrohung und Einschüchterung, als Faustpfand. „An Elephant Sitting Still“ war zusammen mit einer neuen Arbeit von Lav Diaz der mit Abstand längste Spielfilm des Festivals – knapp vier Stunden ohne Pause spielt sich die Geschichte in einem typischen chinesischen Wohnblock ab.

Auch dank der künstlerischen Entscheidung zu radikalem Minimalismus folgt man ihr gerne bis zum Schluss: Während der erst 29-jährige Regisseur seine Erzählung auf einen einzigen Tag verdichtet, öffnet er seinen Figuren Zeit- und Bildräume. Jede Szene erhält eine einzige Einstellung, in denen Geschichte und Schauspieler oft über Minuten agieren, selbst der Fokus wird während dieser Zeit nicht verrückt. Wenn dann nach 230 Minuten die letzte Klappe fällt, ist das einer der erhabensten Momente seit langem auf der Kinoleinwand. Und zugleich einer der tragischsten, wenn man sich erinnert, dass Hu Bos erster Spielfilm nach seinem Suizid sein letzter bleiben wird.

Videostill, An Elephant Sitting Still, 2018 (c) Hu Bo
„6144x1024“ von Margaret Honda

Der mit Abstand längste Experimentalfilm des gesamten Festivals stammte von der amerikanischen Künstlerin Margaret Honda, die ihn als eine Widmung an „11x14“ von James Benning versteht. Dabei zeigt Honda die 6144 Farb- multipliziert mit 1024 Helligkeitsschritte, die zusammengenommen das gesamte Abbildungsspektrum des Projektors ausmachen, komplett stumm: Eine Farbe nach der anderen erfüllt die gesamte Leinwand, nahtlos geht die eine in die andere über.

Videostill, 6144x1024, 2018 (c) Margaret Honda

Durchhalten ist bei dieser insgesamt 36 Stunden währenden Projektion nicht nur zeitlich nahezu unmöglich: Im winzigen Kino, in dem „6144x1024“ während der Berlinale etappenweise in mehrstündigen Vorführungen gezeigt wurde, verließen die ersten Zuschauer schon nach wenigen Minuten nervös den Raum. Diese Kunst, die sich fernab jeglicher Sehgewohnheiten abspielt, kann tatsächlich regelrecht körperlich anstrengend werden. Der Zuschauer aus einem theoretischen Universum könnte am Ende insgesamt 6.291.456 jeweils unterschiedliche Farbflächen gesehen haben.