Von Frauen, die die Welt regieren
19.08.2026
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In ihrer Kunst schuf Leonor Fini eine neue Gesellschaftsordnung, bevölkert von Sphinxen und kämpferischen Heldinnen. Und ließ sich dabei von zahlreichen historischen Vorbildern inspirieren.
Die Surrealistinnen entwickelten eine neue, befreite Bildsprache
Fini wurde als Tochter italienisch-slawischer Eltern in Buenos Aires geboren und wuchs in Triest im Umfeld von James Joyce und Rainer Maria Rilke auf. Zur Entwicklung eines eigenen künstlerischen Stiles, einer unverkennbaren Bildsprache, ließ sie sich von zahlreichen historischen Vorbildern und einer Vielzahl von Künstlern inspirieren – von Hieronymus Bosch und dem italienischen Manieristen Agnolo Bronzino ebenso wie von Gustav Klimt, Egon Schiele und Giorgio de Chirico.
1931 siedelte sie der surrealistischen Kunst wegen nach Paris über und stellte dort erfreut fest, dass sie sich in den Schriften Sigmund Freuds, Franz Kafkas und Friedrich Nietzsches besser auskannte als viele weitere Künstler der Surrealistengruppe. Durch die Vereinigung vielfältiger Einflüsse in ihren minutiös gesetzten Pinselstrichen, satten Farbigkeit und feinen Oberflächenstrukturen, durch ihr Interesse an Psychoanalyse, Philosophie, Mythologie und Zauberei, sowie Finis Fokus auf die Frau als sinnlich-sexuelles Wesen, das oft auch in Gestalt einer grausamen Domina oder eines Raubtiers auftritt, lenkte sie den Surrealismus in eine neue Richtung.
Finis Frauendarstellungen lenkten den Surrealismus in eine neue Richtung
In Finis Frühwerk „Die Neugierige“ (1936), das für ihre erste Ausstellung in der Julien Levy Gallery in New York entstand, beobachtet ein älterer Mann durch ein Schlüsselloch eine groß gewachsene Frau in einem präraffaelitischen Kleid, mit Reitgerte in der Hand. Die Tür lässt die Szene zwischen Traum und Alptraum oszillieren, während wir in ein erotisches Drama einbezogen und dabei selbst zur Voyeurin oder zum Voyeur werden. Diese Dynamik dominierte anschließend sämtliche Gemälde der Künstlerin, die in obsessiver Weise das Bild der Femme fatale immer wieder aufgreifen und Frauen – einschließlich ihrer Freundinnen und sich selbst – mit Löwenmähne, Fin-du-Siècle-Gewändern und kühnem Medusenblick porträtieren. In „Die Hirtin der Sphinxe“ (1941) erscheint derselbe Frauentypus inmitten eines Harems von Sphinxen in einer gleichfalls öden Landschaft. Diesmal aber trägt die Frau einen nur knapp bedeckenden Panzer aus Metall, der dazu dient, den Blick auf ihr Geschlecht und den phallischen Stab in ihrer Hand zu lenken.
Männliche Surrealisten griffen häufig Themen der griechischen Mythologie auf, beliebt war vor allem die Geschichte von Ödipus, und so ist es nicht überraschend, dass Fini die dort erwähnte Sphinx wiederholt abgebildet hat. Ihre Darstellung unterscheidet sich allerdings von der vieler ihrer männlichen Kollegen insofern, als Finis Sphinx allmächtig erscheint und der ödipale Mann als ein nach Lust und Laune zu benutzendes Spielzeug. Diese Konstellation zeigen einige ihrer berühmtesten Werke, etwa „Erdgottheit, die den Schlaf eines Jünglings bewacht“ (1946) oder „Das Ende der Welt“ (1949), wo die Sphinx umgeben von Schädeln in Erscheinung tritt.
In diesen Gemälden kehrt Fini traditionelle Rollenbilder faktisch um und zeigt die Frau als heroische Figur und den Mann als schönen, passiven Akt (der ihrem Geliebten, dem italienischen Grafen Sforzino Sforza nachempfunden ist). Die männlichen Akte in ihren Bildern seien oft schlafend dargestellt, erklärte die Künstlerin, weil „Männer durch die Verpflichtungen von Arbeit, Gesellschaftsleben und Krieg unempfänglich sind für ein Leben des Geistes“. Die Sphinx beherrscht die während des Zweiten Weltkriegs entstandenen Gemälde Finis, erlaubt ihr eine Umkehrung herkömmlicher Geschlechterbilder und die Kritik an einer Gesellschaft, in der von Männern Aggressivität und von Frauen Passivität erwartet wird.
Als ein Wesen, das halb Frau, halb Löwin ist, versinnbildlicht die Sphinx eine Vereinigung männlicher und weiblicher Merkmale, von Animus und Anima und die Vision einer weniger aggressiven Gesellschaftsordnung. Tatsächlich sah Fini in ihr die perfekte Verschmelzung beider Geschlechter und identifizierte sich auch deshalb mit der Sphinx, weil sie sich selbst als „Zwitterwesen“ empfand.
