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Regret: Poetische Plastik

12.03.2014

3 min Lesezeit

Tobias Rehberger hat fĂŒr die Rotunde der SCHIRN die ortsspezifische Arbeit „Regret“ entwickelt. Die schwebende Plastik stellt Fragen nach dem VerhĂ€ltnis von Kunst und Funktion.

Was bereue ich? Mit dieser Frage könnten sich dieser Tage einige Besucher der SCHIRN beschĂ€ftigen. Tobias Rehberger wirft sie mit einer eigens fĂŒr die Rotunde entwickelten Plastik auf. Der KĂŒnstler hat Aluminium-Elemente, Neonröhren und GlĂŒhbirnen zu einer Art dreidimensionalem Mobile zusammengefĂŒgt. „Regret" lĂ€sst ganz unterschiedliche Assoziationen zu. Man könnte etwa an ausrangierte Leuchtreklamen alter Kinos oder KaufhĂ€user denken. Oder auch an die US-amerikanische Flagge: Die GlĂŒhbirnen und die parallel zueinander angeordneten Röhren erinnern an die Stars und Stripes, die Farben Blau und Rot dominieren die voluminöse Plastik, die mitten in der Rotunde schwebt und offensiv den Dialog mit der postmodernen Architektur eingeht. Die Wirkung von Kunst im Raum gehört zu Rehbergers zentralen Interessen, ebenso wie die Frage nach der Funktion von Kunst und der RĂ€ume, in denen sie prĂ€sentiert wird.

Die Rotunde der SCHIRN erfĂŒllt gleich mehrere Funktionen. Sie dient als Eingangsportal, wird bei Ausstellungseröffnungen zum sozialen Raum, in dem sich Besucher, KĂŒnstler und Kuratoren begegnen und bietet PrĂ€sentationsflĂ€che fĂŒr Kunstwerke wie das Rehbergers. Auch die Plastik „Regret" erfĂŒllt eine Funktion, das wird spĂ€testens klar, wenn das Licht angeht. Ein Strahler erleuchtet die Plastik und wirft ihren Schatten nach unten auf ein weißes Podest. Es ist ein Formschatten, der aus zusammengesetzten Großbuchstaben das Wort „Regret" bildet, was „bereuen" oder „bedauern" heißt. Die Plastik erfĂŒllt einen Zweck, sie produziert in Kombination mit einem Leuchtstrahler dieses Wort, wird zur Poesie-Maschine. Doch ihre Funktion ist gleichzeitig Pseudo-Funktion, denn sie erschöpft sich im Ă€sthetischen Selbstverweis.

Rehberger ist ein Abenteurer, er ist auf Expedition im weiten Feld der Kunst, um ihr Wesen zu erkunden. Was ist das Kunstwerk? Der Schatten? Das Wort? Die Plastik? Oder alles zusammen? Und wie steht es um die Autorenschaft? Ist die Plastik ein kunstproduzierendes Subjekt? Rehberger sagte einmal in einem GesprĂ€ch, er sei sehr an dem PhĂ€nomen interessiert, dass Dinge fĂŒr etwas anderes da seien. Das Objekt sei nicht nur an seiner eigenen Existenz interessiert, es sei eine Art Werkzeug, das etwas anderem zur Existenz verhelfe. Bei Dingen des alltĂ€glichen Gebrauchs ist das offenkundig. So verhilft die Kaffeemaschine etwa dem Kaffee zur Existenz. Doch was bringt die Kunst auf die Welt? Es sind solche Fragen, mit denen Rehberger das Rezipieren von Kunstwerken zur intensiven Auseinandersetzung werden lĂ€sst.

Die Arbeit ist reich an kunsthistorischen Verweisen. Sie rekurriert auf das Genre der Konkreten Poesie, bei der KĂŒnstler mit Buchstaben und Worten Bilder formen, lĂ€sst an dreidimensionale Arbeiten der Dadaisten und der russischen Konstruktivisten denken. „Regret" erinnert auch an LĂĄszlĂł Moholy-Nagys „Licht-Raum-Modulator". 1930 schuf der KĂŒnstler diese kinetische Plastik, um mit Licht und Bewegung zu experimentieren. GrĂŒne, rote, blaue, gelbe und weiße GlĂŒhbirnen flackern auf und beleuchten auf eine Scheibe montierte geometrische Formen, die sich angetrieben durch einen Mechanismus um die eigene Achse drehen. Die dabei entstehenden Farb- und Schattenprojektionen sind das eigentliche Werk. Der „Licht-Raum-Modulator" war als Mittelpunkt von Moholy-Nagys Raumkunstwerk „Raum der Gegenwart" geplant, der erst 2009 im Rahmen einer großen Retrospektive in der SCHIRN verwirklicht wurde.

FĂŒr Moholy-Nagy war die Kunst ein Experimentierfeld. Er strebte die Verquickung progressiver Werke mit dem modernen Leben an, positionierte sie zwischen freiem Versuch, Architektur und Design. Moholy-Nagy erweiterte so den Kunstbegriff im frĂŒhen 20. Jahrhundert, Rehberger erweitert ihn auf ganz Ă€hnliche Weise im 21. Jahrhundert. Das wird er sicher nie bereuen.