Das Selbst auf der Bühne
02.10.2026
4 min Lesezeit
Die sozialen Medien sind voll davon: Menschen, die sich vor der Kamera in Szene setzen. Und nicht wenige nutzen die Riesenbühne für ihre Kunst. Im Museum Goch wird das Phänomen nun zum Ausstellungsthema. Die Schau heißt „Self on Stage“ und richtet den Fokus auf Frauen.
Mit Post-its gegen den Male Gaze
Groß und knallig im Ausstellungsraum hängen etwa Arbeiten von Susanne Junker, die selbst lange als Model gearbeitet hat und nun mit Stickern oder Post-its auf ihrem nackten Körper gegen das Diktat des Male Gaze aufbegehrt. In eine andere Welt führt die US-Künstlerin Rachel Feinstein: In ihren nostalgisch anmutenden Rollenspielen tritt sie selbst gern in 50er-Jahre-Outfits auf. Schrill im Scheinwerferlicht, toupiert und geschminkt, wirkt sie dabei jedoch immer irgendwie abwesend – nicht sie selbst, dem Klischee ergeben. Eher performativ geht dagegen Isabelle Wenzel mit dem Genre Selbstporträt um, wenn sie mit erstaunlicher Körperbeherrschung in Beziehung zu ihrer Umwelt tritt. Den Kopf im Eimer, die Beine in die Luft: Wenzel ist ausgebildete Akrobatin.
„Self on stage“, der Ausstellungstitel, zitiert ein Hashtag. Doch was im Museum Goch versammelt ist, hat wenig gemein mit den geläufigen Social-Media-Motiven. Kein Glamour, keine heile Welt, kein Urlaubsglück, keine Gaumenfreuden – in der Schau wäre wohl kaum etwas instagrammable. Allenfalls mittelbar spielen diese Muster hier eine Rolle, denn gelegentlich sind kleine Spitzen auszumachen, ironische Sticheleien gegen die bei Insta & Co. breit kursierenden, oft vom Male Gaze getriebenen, Bildcodes.
Erinnerungen an die Gefechte von einst
Mehr als mögliche Bezüge zu Social Media interessiert in der Ausstellung etwas ganz anderes, recht naheliegendes: Der Abgleich der aktuellen Positionen mit der feministischen Avantgarde der 60er- und 70er-Jahre. Man denkt an Künstler*innen wie Valie Export oder Ulrike Rosenbach. An Orlan und ihre radikalen „Schönheitsoperationen“ vor Publikum und laufenden Kameras. Oder an die rabiaten Fotovernähungen einer Annegret Soltau, die in Goch als eine Art Special Guest Erinnerungen an die erbitterten Gefechte von einst lebendig hält.
Was hat sich seither verändert? Die Kämpferinnen haben einiges erreicht. Mittlerweile ist die Situation von Künstlerinnen eine andere. Was sich auch in ihren Selbstbildern spiegelt. Man könnte sagen, dass sie etwas gefälliger wirken – weniger radikal, weniger politisch, weniger widerständig. Gleichzeitig sind sie aber auch individueller, vielfältiger und in mancher Hinsicht subtiler.
Offenbar hat die Suche nach eigenen künstlerischen Herangehensweisen in Zeiten der inflationären Selbstinszenierung an Reiz gewonnen. Es sind viele, die in Goch zusammenkommen, doch lassen sich ihre Arbeiten an der Museumswand leicht voneinander unterscheiden. Jede hat ihre eigene Sprache.
Und die Männer? Warum bekommen sie keine Stimme in der Ausstellung? Wo bleibt die männliche Selbstinszenierung? Da muss Freddy Langer nicht lange überlegen: Die Selbstbilder der Männer interessierten ihn wenig, so der Kurator, denn sie hätten alle etwas Trockenes, Kühles, Distanziertes. Ihnen fehle das Spielerische – das Künstlerische. Eine in ihrer Klischeehaftigkeit vielleicht bewusst provozierende Antwort. Langer ist sich dieser Schwierigkeit wohl bewusst: Seine Schau bringt letztendlich den männlichen Blick auf die weibliche Selbstinszenierung an die Museumswand.