Denise Mawila, „Prise“, 2011
Foto: Heiner Blum

Bald in der SCHIRN:
In a Silent Way Episode 2

Glitzer im Wind, Laser in der Nacht, Kunst als Vogelfutter: „In A Silent Way“ geht in die zweite Runde und verwandelt den Außenraum der SCHIRN in eine Bühne des Vergänglichen.

Die SCHIRN erweitert ab dem 29. Oktober 2026 ihre Ausstellung „In A Silent Way. Skulpturen rund um die Schirn“ um drei neue ortsspezifische Arbeiten von Denise Mawila, Paul Spengemann und Ian Waelder. Die sukzessive wachsende Skulpturenreihe ist kostenfrei im öffentlich zugänglichen Außengelände des Interimsstandorts der SCHIRN in Bockenheim zu sehen. „In A Silent Way“ widmet sich der Flüchtigkeit und Fragilität von Umweltphänomenen und verwandelt diese in ästhetische Erfahrungen. Die Kunstwerke treten in Beziehung zur Umgebung und zu den Kräften der Natur – zu Sonne, Regen, Wind sowie den Rhythmen von Tag und Nacht.

Während die erste Episode mit Werken von Katja Mater, Margaret Raspé und Bernhard Schreiner Prozesse wie den Lauf der Sonne, das Geräusch des Regens und die elektrischen Schwingungen wachsender Pflanzen erfahrbar macht, kommen in der zweiten Episode Arbeiten hinzu, die auf die veränderten Bedingungen der herbstlichen und winterlichen Jahreszeit reagieren: auf Wind und Witterung, die zunehmende Dunkelheit und das veränderte Nahrungsangebot für die Tierwelt.

Die zweite Episode wird am 29. Oktober 2026, um 19 Uhr mit einem OPENING TALK eröffnet. Die Kurator*innen Matthias Ulrich und Theresa Dettinger sprechen dann mit den Künstler*innen über ihre ortsspezifischen Installationen: „Prise“ (2000/2026) von Denise Mawila, „spin jump crawl climb dream bite hunt“ (seit 2024) von Paul Spengemann und „Self-Portrait As My Father’s Nose“ (2025/2026) von Ian Waelder.

Die Arbeiten der ersten Episode bleiben dabei weiterhin Teil der Ausstellung: Katja Mater zeigt „HIC. EST. TUUM. HORA. 50° 07′ 16″ N 08° 39′ 12″ E (2026), Margaret Raspé „Regentrommeln“ (1988/2023) und Bernhard Schreiner „Instant Sonification (Local real-time composition, N 50° 7′ 16″ E 8° 39′ 10″)“ (2026).

Die Ausstellung „In A Silent Way. Skulpturen rund um die Schirn“ wird im Frühjahr 2027 mit einer dritten Episode fortgesetzt und abgeschlossen.

„Mit Denise Mawila, Paul Spengemann und Ian Waelder kommen drei Positionen zur Ausstellungsreihe hinzu, die auf die veränderten Bedingungen der kalten Jahreszeit reagieren und zugleich auch die temporäre Dimension noch einmal verstärkt einbringen. Gleichzeitig hinterfragen die Arbeiten, wie verlässlich unsere Wahrnehmung, unsere Erinnerungen und unsere Beziehungen sind – und wie leicht sie sich verändern und beeinflussen lassen.“

Matthias Ulrich und Theresa Dettinger,
Kurator*innen der Ausstellung

Zwischen Glanz und Verfall

Denise Mawilas Werke erzählen vom Verfall der Eleganz. Sie verbindet das Bewusstsein für Form und Schönheit mit einem Gespür für die Fragilität des Augenblicks und verhandelt die Frage, wie alltägliche Erscheinungen die Wahrnehmung prägen. Wie als Ankündigung oder Überbleibsel einer Feier arrangiert Mawila für ihre Arbeit Prise einen spiegelnden Streifenvorhang bewusst an einem öffentlichen „Unort“, neben dem Parkplatz auf der Nordseite der ehemaligen Dondorf Druckerei. Der Witterung ausgesetzt, wird das glänzende Material mit der Zeit von ihr „gezeichnet“. Es befindet sich durch Lichteinwirkung und Wind in ständiger Bewegung und verändert dabei nicht nur sich selbst, sondern beeinflusst den Blick auf die Umgebung. Meist werden solche Vorhänge für temporäre Zwecke eingesetzt, etwa für Bühnenbilder, Partys oder zur Schaufensterdekoration.

Die Arbeit „Prise“ ist die Neuauflage einer über 25 Jahre alten Idee, die den öffentlichen Raum als Ort der Begegnung und der Freude inszeniert – ganz im Sinne der relationalen Ästhetik, die Kunst als sozialen Austausch zwischen Menschen versteht. Ursprünglich entwickelte Mawila die minimalistische Skulptur aus Lametta gemeinsam mit einem Kommilitonen an der HfG Offenbach. Die Verwendung von Ready-mades, von industriell vorgefertigten Alltagsgegenständen, bildet seither eine Konstante im Werk der Künstlerin, die sich für die Neuanordnung von Dingen und ihrer Verhältnisse interessiert.

Goldene Fäden hängen unter einer Brücke, werfen Schatten auf den Boden und bieten einen Blick auf einen nahen Wasserlauf.
Denise Mawila, Prise, 2011
Foto: Heiner Blum
Porträt einer lächelnden Frau mit Afrofrisur in geblümt gestreiftem Hemd. Schwarz-weiß-Foto.
Denise Mawila
Foto: Firlé

Träume, Sehnsüchte und Laser

Nach Einbruch der Dunkelheit bespielt Paul Spengemanns Laserprojektion „spin jump crawl climb dream bite hunt“ die Nordfassade der SCHIRN in Bockenheim und lässt darauf eine ungewöhnliche Gestalt erscheinen, die immer neue Formen annimmt. Aus feinen, weißen Linien bildet sie Spinnennetze, die zu Fratzen werden, oder Schriftzeichen und Worte formen, die größtenteils unverständlich bleiben. Immer wieder reißen die Fäden ab und es beginnt von vorne.

Spengemann nutzt den Laser als ein Werkzeug, um sich Räume zu erschließen und Geschichten zu erzählen. Das spinnenartige Wesen krabbelt, klettert, springt und jagt nicht nur, sondern träumt, äußert Ängste und Sehnsüchte. Mithilfe des Fadens teilt es seine emotionalen Erfahrungen mit dem Publikum und versucht, Kontakt aufzunehmen. Die wiederholt fehlschlagenden Kommunikationsversuche und die ambivalente Tonspur erzeugen eine melancholische Grundstimmung, die manchmal ins Unbehagliche kippt. Zwischendurch ist das englische Wort „gobble“ zu erkennen, was unter anderem „(ver-)schlingen“ bedeutet. Ob das Wesen mit den Trugbildern Beute anlockt, oder selbst auf der Suche nach Gemeinschaft und Halt ist, bleibt offen. Genauso wie die Frage, wie verlässlich sich Gefühle deuten lassen und wie sicher unsere Verbindungen sind.

Grüne Lichtinstallation mit leuchtenden Linien, die abstrakte Formen in einem dunklen Raum zeigen.
Paul Spengemann, spin jump crawl climb dream bite hunt, 2024
Courtesy of Paul Spengemann und Produzentengalerie Hamburg
Mann mit dunklem Oberteil steht vor einer Steinmauer und Satellitenschüssel, warmes Licht beleuchtet die Szene.
Paul Spengemann
Foto: Nikolas Geier

Erinnerung im Wandel

Welche Spuren hinterlassen wir? Wie verlässlich ist unsere Erinnerung? An mehreren Orten an der Fassade der ehemaligen Dondorf Druckerei sind Ian Waelders Skulpturen in Form einer Nase zu finden. Sie basieren auf einer Tonplastik, die nach der Nase des Vaters des Künstlers, Juan Waelder, geformt wurde, und zeigen die sogenannte Waelder-Nase. Es handelt sich um ein ironisches Selbstporträt, das sich mit der Zeit auflösen wird, denn die mit Vogelfutter bespickten Arbeiten sind der Zerstörung durch Vögel und Witterung ausgesetzt. Als Referenz auf die Skulptur „P.O.TH.A.A.VFB (Portrait of the Artist As Vogelfutter-Büste)“ des Schweizer Künstlers Dieter Roth von 1969 vermitteln sie eine anti-monumentale Geste: Erinnerung wird hier nicht als stabil und unveränderlich aufgefasst, sondern ist jederzeit äußeren Attacken und dem Vergessen ausgesetzt. Waelders Arbeit stellt in Frage, was wir über die Vergangenheit zu wissen glauben.

„Self-Portrait As My Father’s Nose“ konfrontiert das Publikum mit einem historisch aufgeladenen Motiv. Das Stereotyp der „jüdischen Nase“ ist Teil einer antisemitischen Bildsprache. Der Künstler ist der erste aus seiner Familie, der 2017 nach Deutschland zurückgekehrt ist. Sein Großvater Friedrich Wälder floh 1939 aus einem Konzentrationslager in der Umgebung von Stuttgart nach Chile, wo er sich fortan Federico Waelder nannte. Er war der einzige Überlebende seiner Familie. Sein Enkel hat ihn nie getroffen und kennt ihn nur über materielle Spuren, wie die Kassette mit Klaviermusik oder eben die Nase des Vaters. Waelder greift bewusst ein körperliches Merkmal auf, das aufgrund seiner rassistischen Instrumentalisierung meist gemieden wird, und fügt eine persönliche Komponente hinzu. In einer brüchigen, fragilen Formensprache schafft er so künstlerische Reflexionen über Biografie, Erinnerung und Gedächtnis.

Stadtansicht durch ein großes Fenster mit mehreren Tauben, die um eine Futterstation sitzen und fliegen.
Ian Waelder, Self Portrait As My Father’s Nose, 2025
Foto: John Forest Courtesy of Volker Crone Kestner Gesellschaft
Junge Person mit lockigem Haar und Brille trägt ein T-Shirt vor einer beleuchteten Stadtkulisse.
Ian Waelder
Foto: Eike Walkenhorst