5 Gründe, Leonor Fini in der SCHIRN zu sehen
14.10.2026
5 min Lesezeit
Sphinxen und hybride Wesen, schillernde Selbstinszenierungen und ein Leben nach eigenen Regeln: Leonor Fini sprengte nicht nur in ihrer Kunst so manche Konventionen. Fünf +1 Gründe, warum man diese außergewöhnliche Künstlerin jetzt entdecken sollte.
1
Eine seltene Gelegenheit, Leonor Fini umfassend kennenzulernen
Obwohl Leonor Fini heute zu den herausragenden Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts gezählt wird, ist ihr Werk in Deutschland bislang noch nie in seiner ganzen Breite zu sehen gewesen. „Leonor Fini. Magisch Surreal“ ist die erste große Retrospektive der Künstlerin hierzulande und zugleich eine der bislang umfassendsten internationalen Würdigungen ihres Schaffens. Die Ausstellung versammelt Werke aus rund 70 Jahren – darunter auch Arbeiten, die erstmals öffentlich gezeigt werden.
Eine besondere Gelegenheit also, eine Künstlerin zu entdecken, die zwar bereits seit den 1930er-Jahren international ausstellte und sich mitten in der europäischen Avantgarde bewegte, in den großen kunsthistorischen Erzählungen aber lange eine Randfigur blieb. Diese Retrospektive ändert das: Hier steht Fini endlich selbst im Mittelpunkt.
2
Die Themen der Ausstellung sind erstaunlich aktuell
Leonor Fini hatte wenig Interesse daran, sich an vorgegebene Rollen zu halten – weder im Leben noch in ihrer Kunst. In ihren Bildern stellt sie traditionelle Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit infrage und entwirft stattdessen selbstbestimmte Frauenfiguren, androgyne Wesen und alternative Rollenbilder. Emanzipation, Geschlechterrollen, Erotik und fluide Identitäten sind alles Themen, die sich durch ihr Werk ziehen.
Vieles davon wirkt heute erstaunlich gegenwärtig. Fragen nach Identität, Gender und Selbstbestimmung, die uns heute mehr denn je beschäftigen, finden in Finis jahrzehntealten Arbeiten überraschende Resonanzen. Und doch lassen sich ihre Werke nicht auf eindeutige Botschaften reduzieren. Vielleicht liegt gerade darin ihre Aktualität: Fini lässt Identität offen, wandelbar und widersprüchlich erscheinen.
3
Zwei Worte: magisch surreal
Irgendwo zwischen Traum, Mythos, Fantasie und Theater entfaltet sich Finis ganz eigener Kosmos. Ihre Bilder sind schön und rätselhaft, mitunter unheimlich – und bevölkert von Sphinxen, Priesterinnen, Göttinnen, Hexen und fantastischen Mischwesen. Vertrautes trifft auf Fremdes, Realität auf Imagination.
Was genau in diesen geheimnisvollen Szenerien vor sich geht, verraten wir an dieser Stelle lieber nicht. Denn Finis Bilder leben gerade davon, dass sie sich nicht sofort entschlüsseln lassen. Am besten also: selbst davorstehen, genau hinsehen – und sich ein wenig verzaubern lassen.
4
Viel mehr als eine klassische Gemäldeausstellung
Wer denkt, dass Kunst bei Leonor Fini an der Leinwand endet, liegt ziemlich daneben. Leonor Fini war eine Frau vieler Talente. Sie illustrierte Bücher, entwarf Bühnenbilder und Kostüme für Theater und Film – und machte auch die eigene Erscheinung zum Teil ihrer Kunst. Mit extravaganten Kostümen und Verkleidungen inszenierte sie sich immer wieder neu; berühmte Fotograf*innen wie Henri Cartier-Bresson, Dora Maar und Cecil Beaton hielten ihre Verwandlungen fest. Kunst und Leben gingen bei Fini fließend ineinander über. Und auch in der Modewelt hinterließ sie Spuren.
Die Ausstellung zeigt Fini deshalb nicht nur als Malerin, sondern als Gestalterin, Verwandlungskünstlerin und schillernde Figur der Avantgarde. Oder kurz: als Künstlerin, deren Welt sehr viel größer war als die Leinwand.
5
Ein anderer Blick auf den Surrealismus
Dalí, Magritte, Ernst, Breton – die Geschichte des Surrealismus wird bis heute vor allem über Männer erzählt. Leonor Fini kannte diesen „Boys Club“ aus nächster Nähe: Sie bewegte sich in surrealistischen Kreisen und nahm an wichtigen Ausstellungen teil, wollte sich der Gruppe um André Breton aber nie offiziell anschließen. Deren Dogmen und Hierarchien – und insbesondere die Rolle, die Frauen darin häufig zugedacht wurde – waren schlicht nicht ihre Sache.
Stattdessen nahm Fini sich die Freiheit, ihre eigene Bildsprache zu entwickeln. Surrealistische Ideen treffen darin auf ganz andere Einflüsse, von Renaissance und Symbolismus bis zu Mythologie und Magie. Wer beim Surrealismus zuerst an Dalís schmelzende Uhren oder Magrittes rätselhafte Alltagsszenen denkt, kann bei Fini also noch einmal eine ganz andere Seite entdecken: die Perspektive einer Künstlerin, die mitten in dieser Szene stand – und trotzdem konsequent ihre eigenen Regeln machte.
+ 1
Honorable Mention: Katzen!
Okay, eigentlich waren fünf Gründe versprochen. Aber Finis Katzen können wir unmöglich unterschlagen. Zeitweise lebte die Künstlerin mit mehr als 20 Katzen zusammen, sie tauchen in ihren Werken auf und hüten ihre surreale Welt. Außerdem sind sie unheimlich süß. Mehr Argumente braucht es eigentlich nicht.