08. Februar 2018

Eine Reise in die Vergangenheit und zurück in die Zukunft. Das SCHIRN MAG unterwegs in Basquiats Heimat New York: Vom Green-Wood Cemetery bis nach Soho, zu Basquiats erster Wohnung und den letzten SAMO©-Tags (Teil I).

Von Natalie Wichmann

Auf meiner Bahnfahrt entlang der pittoresken Küste von Rhodes Island und Connecticut taucht im letzten Licht des Tages die Skyline von Manhattan am Horizont auf. Das Empire, das Chrysler, die grau-braunen Wolkenkratzer der Upper East Side. "Seit ich 17 war, dachte ich, ich würde mal ein Star werden", sagte Jean-Michel Basquiat einmal. Das wurde er, und zwar nicht in irgendeiner Stadt, sondern in New York City, in der brodelnden Kunstszene der 1980er-Jahre.

Seit ich 17 war, dachte ich, ich würde mal ein Star werden.

Jean-Michel Basquiat

Angekommen an der Penn Station in Midtown Manhattan verwandele ich mich in der Sekunde, in der ich den Zug verlasse, zurück in einen Local (aktuell lebe ich in Boston). Nach vier Jahren in der Stadt kenne ich den Drill: Wer stehen bleibt, wird hier gnadenlos umgerannt. Ich mache mich auf den Weg nach Brooklyn, wo ich die nächsten Tage untergebracht bin, bevor ich meine Reise in die Vergangenheit auf den Spuren von Jean-Michel Basquiat beginne. Vom A- in den L-Train, selten klappt die Fahrt so reibungslos wie heute, vielleicht ein gutes Omen für den Trip.

In Richtung Green-Wood Cemetery

Es ist kalt, die Luft riecht nach Herbst, als ich mich an diesem frühen Morgen auf den Weg Richtung Green-Wood Cemetery mache. Die U-Bahn ist noch deutlich leerer als zu den Stoßzeiten. Jener Friedhof, auf dem Jean-Michel Basquiat seine letzte Ruhestätte gefunden hat, und der mein erster Anlaufpunkt für eine Suche nach den Spuren des Künstlers in der riesigen Stadt ist, liegt weit draußen, im tiefsten Herzen von Brooklyn. 

Green-Wood Cemetery, Foto: Natalie Wichmann

Nach einer Stunde Fahrt erreiche ich endlich die Haltestelle 4tth Ave/25th Street an und laufe die 25th Richtung Osten. Ich schiebe mir die Sonnenbrille auf die Nase, der Tag scheint warm zu werden. Ich habe im Voraus über das imposante Tor gelesen, das den Eingang des Parks schmückt, bin jedoch trotzdem völlig überrumpelt von der Schönheit der Architektur. Als der fast 2 Quadratkilometer große Friedhof – mehr als Landschaftspark denn als Grabstätte – 1838 gegründet wurde, entwickelte er sich schnell zu einer der größten Touristenattraktionen Nordamerikas.

Ein Vorbild für den Central Park

Seine Popularität inspirierte sogar den Bau eines Parks in Manhattan selbst, heute bekannt als Central Park. Das beeindruckende, im neugotischen Stil gebaute Tor am Eingang zur 5th Ave wurde dem Parkgelände 1865 von Architekt Richard Upjohn – er hat den neugotischen Stil in Amerika populär gemacht –nachträglich hinzugefügt. Seit 1966 ist es ein historisches Denkmal New York Citys. Unter den 560,000 "Ruhenden" des Friedhofs befinden sich Komponisten, Designer, Kriegshelden, Baseballlegenden, Politiker, Künstler und viele mehr. 

Karte zum Green-Wood Cemetery, Foto: Natalie Wichmann
Die dreizackige Krone

Das Tor gibt die Sicht auf grüne Hügel und weit über hundert Jahre alte Bäume frei. Mit einer Karte aus dem Info Büro ausgestattet, betrete ich den Park durch einen Seiteneingang des Tores. Außer mir sind nur Gärtner und Sicherheitspersonal im Park, ich bin allein, ein Gefühl, das einen in New York nur sehr selten überkommt. Ich werfe einen Blick auf die Karte: Basquiats Grab ist eingezeichnet, befindet sich allerdings am anderen Ende des Parks.Ich mache mich auf den Weg. Die Straßennamen, angezeigt auf verschnörkelten schwarzen Metallschildern mit weißen Großbuchstaben, klingen nach Wald und Wiesen, erinnern an Märchen und Winnieh the Pooh. Der Park ist riesig, aber irgendwann erreiche ich die Sassafras Ave und auf der linken Seite ist Lot 44603. Vom Weg ab zieht sich eine lange Reihe einfacher Gräber, im Schatten ist das Gras noch feucht vom Morgentau, meine Füße werden nass.

Green-Wood Cemetery, Foto: Natalie Wichmann

Nach einigem Umherirren finde ich schließlich, was ich suche: das Grab von Jean-Michel Basquiat. Neben seinem Namen und seinen Lebensdaten ist nur ein einziges weiteres Wort in den Stein gemeißelt: Artist, Künstler. Um die bescheidene Granit-Grabplatte herum und auf dem Stein selbst haben Bewunderer Blumen, kleine Steine, Haarklemmen und andere Gegenstände hinterlassen. Das Grab unterscheidet sich kaum von den anderen, doch wenige Meter entfernt entdecke ich einen alten Baumstumpf, in den Basquiats häufig verwendetes Symbol, die dreizackige Krone, sowie seine Initialen eingeritzt sind. Irgendwie passend an einem Ort wie Green-Wood, eine Art „Baum-Graffiti” für den ehemaligen Graffiti-Künstler Basquiat zu hinterlassen.

Ein brutalistischer Betonklotz

Von Brooklyn, wo Basquiat nicht nur seine finale Ruhestätte gefunden hat, sondern auch die ersten 17 Jahre seines Lebens gemeinsam mit seinem Vater, seiner Mutter und zwei Schwestern verbrachte, geht es zurück nach Manhattan. Genauer: nach Midtown, zur Saint Peter’s Church, Lexington Avenue Ecke 54th Street. Dort hielten Freunde und Verwandte 1988 den Memorial Service ab, einen Gedenkgottesdienst für Basquiat, nachdem dieser am 12. August in seinem Loft an der Great Jones Street im Alter von nur 27 Jahren verstorben war.

Grabstein von Basquiat, Foto: Natalie Wichmann
Baumstumpf im Green-Wood Cemetery, Foto: Natalie Wichmann

An der 54th angekommen bin ich unsicher, ob ich hier richtig bin: Ein brutalistischer Betonklotz, der sich an das Glashochhaus dahinter schmiegt, soll die Kirche sein? Und doch, sie ist es. Der Eingang führt direkt auf die Empore des überraschend hohen, luftigen Kirchensaales. Beim Betreten des Gebäudes höre ich Jazz-Klänge. Ich lehne mich leicht über die Brüstung und sehe ein Trio aus Kontrabass, Saxophon und Schlagzeug. An den Wänden hängen farbenfrohe, abstrakte Gemälde und neben der gläsernen Eingangstür sitzt ein freundlich lächelnder Mann mit grauem Schnauzbart und Nickelbrille. Auf meine Frage, ob es eine Möglichkeit gibt, die Geschichte der Kirche einzusehen und ob er bestätigen kann, dass hier in den 80er-Jahren der Memorial Service für Jean-Michel Basquiat gehalten wurde antwortet er: “Bestimmt! Viele Musiker und Künstler wurden und werden bei uns beerdigt.” 

Saint Peter's Church, Foto: Natalie Wichmann

Angesichts der einzigartigen Geschichte der Kirche und ihrer Gemeinde, überrascht es nicht, dass Familie und Freunde Saint Peter’s als Ort wählten, um Abschied von Jean-Michel Basquiat zu nehmen. Neben Künstlern und Schriftstellern wie Keith Haring und Glenn O’Brien waren auch Musiker wie Fred "Fab Five Freddy" Brathwaite und die von Basquiat gegründete Band Gray an der Gestaltung des Gedenkgottesdienstes beteiligt.

Gray´s Anatomy

1968, im Alter von acht Jahren, wurde Jean-Michel Basquiat beim Spielen auf der Straße von einem Auto angefahren. Während er im Krankenhaus lag brachte ihm seine Mutter zur Lektüre "Gray’s Anatomy", das englisch-sprachige Standardwerk der menschlichen Anatomie, nicht wissend, wie sehr ihn dieses Buch beeinflussen würde. Das Buch inspirierte ihn zum Namen der 1979 gemeinsam mit Michael Holman gegründeten Band Gray. Wörter und schematisierte Köperteile aus dem Standardwerk fanden immer wieder Einzug in seine Bilder. 

Saint Peter's Church von innen, Foto: Natalie Wichmann

Die Band Gray hatte ihren ersten offiziellen Auftritt im legendären Mudd Club im New Yorker Stadtteil TriBeCa und spielte anschließend in allen New Yorker-Kultclubs der 80er-Jahre. Dort waren sie in guter Gesellschaft, entwickelte sich doch zeitgleich die Punkszene in New York. Bands wie The Talking Heads und Blondie machten sich gerade einen Namen. Als Basquiat nach Manhattan zog, wurden diese Clubs sein zweites Zuhause. Zwei Jahre lebte er das wilde, freie Leben. Vor seinem künstlerischen Durchbruch.

Weiter nach SoHo

Von Midtown zieht es mich nun zur Lower East Side (LES) und nach SoHo, Basquiats Hood. Nachdem er mit 17 die Schule abgebrochen hatte – er schüttete dem Direktor während der Abschlussfeier seines Freundes Al Diaz eine Schüssel Rasierschaum über den Kopf – zog es Basquiat endgültig von Brooklyn nach Manhattan. Hier wollte er sich in der Galeriewelt von Soho und LES einen Namen machen. Dazu gründete er bereits zu Schulzeiten gemeinsam mit Diaz das Graffiti-Duo SAMO©, kurz für "Same old Shit". Die SAMO©-Tags konnten vor allem an Hauswänden in Downtown Manhattan, in SoHo, auf der Bowery, in East Village gefunden werden. Viele der Tags waren kritische Kommentare zur Kunstwelt. Basquiat hatte ein gespaltenes Verhältnis zu dieser kommerzialisierten Szene. Zum einen verachtete er sie für ihren Elitarismus, zum anderen wollte er nichts mehr, als in dieser Szene als Künstler zum großen Star heranzuwachsen. Ein Spannungsverhältnis, das sein Leben begleiten sollte.

East Village, Foto: Natalie Wichmann

Ich nehme die Subway nach Downtown und steige am Union Square aus, ein guter Startpunkt für viele Orte in der Umgebung, die für Jean-Michel Basquiat von Bedeutung waren. Seine erste Wohnung, in der er gemeinsam mit Alexis Adler lebte (527 E 12th Street) sowie beide Apartments, die er mit on-off Freundin Suzanne Mallouk bewohnte (68 E 1st Street & 151 Crosby Street), befinden sich fußläufig voneinander – zwischen Tompkins und Washington Square Park, Basquiats liebste Orte zum „Abhängen“. Für SAMO© war die genau in der Mitte des Viertels verlaufende Bowery Street eine der favorisierten Straßen, um Sprüche und Tags an die Hauswände mit schwarzem Magic Marker zu schreiben. In der Bowery tummelten sich bis in die späten 70er-Jahre und frühen 1980er vor allem Obdachlose und Junkies. Aber eben auch die coolen Kids der alternativen Szene.

Basquiats erste Wohnung, Foto: Natalie Wichmann

Heute ist die Bowery größtenteils gentrifiziert, auch hier finden sich Galerien und Museen. Eine jener Galerien steuere ich als nächstes an, denn hier soll es Basquiat im Original geben: SoHo Contemporary Art. Der Raum ist, ganz typisch New Yorker-Galerie, grell weiß gestrichen, damit die bunte und auf Pop Art konzentrierte Sammlung strahlend zur Geltung kommt. Begrüßt werde ich, ganz untypisch für New Yorker Galerien, von einem Pudelmischling namens Buddy. Nach wenigen Minuten - ich entdecke zwei Basquiat-Drucke aber kein Original - kommt eine Mitarbeiterin auf mich zu.

Ein Besuch in Basquiats Galerie

Originale von Basquiat habe sie nicht im Repertoire, berichtet die Galeristin, damit werde ich aktuell in ganz New York kein Glück haben. Alle Originale seien für eine große Basquiat-Retrospektive nach Europa gereist. Ich erzähle, dass ich im Auftrag der SCHIRN, die jene Basquiat-Retrospektive ab Februar 2018 zeigen wird, auf den Spuren des Künstlers durch New York unterwegs bin. Sie gibt mir den Tipp, bei einer Baustelle um die Ecke vorbei zu schauen. Heute Morgen habe sie gehört, dass dort bei der Renovierung eines Gebäudes unter mehreren Farbschichten ein altes SAMO©-Tag zum Vorschein gekommen sei. Und wenn ich mich beeile, bekomme ich vielleicht noch einen Schnappschuss davon. Ich mache mich eilig auf den Weg in der Hoffnung, ein echtes Graffiti von Basquiat zu erhaschen.

Bowery, Foto: Natalie Wichmann
Debbie Harry, Mural, Foto: Natalie Wichmann
Die Route