26. Februar 2018

New York Downtown: Ein Schmelztiegel der Künste in den späten 70er und frühen 80er Jahren. 1978 eröffnete hier der Mudd Club seine Pforten – und wurde zum zweiten Zuhause der Underground Szene Lower Manhattans.

Von Marthe Lisson

„Down-tooown!“ schrillte es 1964 aus den Radios. Petula Clark besang die Anziehungskraft von Downtown, besonders dann, wenn „du alleine bist und das Leben dich einsam macht, wenn du Sorgen hast, dann helfen die Geräusche und die Hektik.“ Als Engländerin ging es ihr wahrscheinlich nicht um New York City, obwohl der Song ausdrückt, was 20 Jahre später nur für ein Downtown auf der Welt stehen konnte: Downtown New York City. Lower Manhatten, das Ende der 70er Jahre zum Place to be und Schmelztiegel der Künste wird. In den Clubs legen nicht nur DJs auf. Es spielen Live-Bands, es gibt Performances, Ausstellungen, Filmvorführungen, Fashion Shows und natürlich wird die Mode nicht nur angeschaut, sondern in schrillen Outfits zur Schau getragen.

Petula Clark, Downtown

In dieser Underground Szene Lower Manhattans wird insbesondere ein Club zur Institution. Der Mudd Club. Für Jean-Michel Basquiat fast sein zweites Zuhause. Wenn wir an die New Yorker Clubszene denken, dann meist zuerst an das „Studio“: Studio 54. Der Club der späten 70er Jahre steht bis heute für Partyrausch, Drogenexzesse, Glamour und Stars. Bianca und Mick Jagger, Diana Ross, Truman Capote, Arnold Schwarzenegger, Sylvester Stallone und – natürlich – John Travolta. Drei Jahre lang tanzten und feierten sie alle im „54“ und frönten einem angesagten Hedonismus.

"New wave Glitterati" und "Poor Chic" 

Während es in Uptown New York – das Studio 54 lag auf der 54th Street – glitzerte, Nebelmaschinen die Sicht und einiges mehr vernebelten und Konfetti aus Kanonen regnete, ging es unten in Downtown etwas intellektueller, künstlerischer zu. Aber nicht weniger legendär. 77 White Street im TriBeCa-Viertel, südlich von Soho und Greenwich Village, am Hudson River gelegen. Im Oktober 1978 öffnet der Mudd Club seine Pforten. Gegründet vom Publizisten Steve Mass, gemeinsam mit Kurator Diego Cortez (1981 organisierte er die Ausstellung „New York/New Wave“ in der Galerie P.S. 1, die zu einem Meilenstein werden sollte und Werke von Jean-Michel Basquiat und Keith Haring zeigte) und Sängerin Anya Phillips. 

So go
Downtown
Things will be great when you're
Downtown
No finer place for sure
Downtown
Everything's waiting for you..

Petula Clark, Downtown, 1964

Bianca Jaggers Ausweis für das Studio 54, Image via: bally.eu

Der Mudd Club war der erste Nachtclub New Yorks, der auch noch Galerie war. Der erste Club, der die Schmelztiegel-Kultur, die ihn umgab, „institutionalisierte“ und an einem Ort zusammenbrachte. Geplant war das eigentlich nicht, Mass hatte anfangs einfach nur eine Disko für Punks im Sinn. Von Anfang an geplant war hingegen, mit dem Mudd Club einen Gegenpol, ein Downtown-Gegenstück zum „Uptown Chic“ zu etablieren. Sogar die überaus strikte Türpolitik wurde aus der 54th Street übernommen, aber ins Gegenteil verdreht. Nicht der „rich-chic“ war gewünscht, im Mudd Club musste man „poor chic“ bedienen. In den Mudd Club kam eine Mischung aus „Local loft-dwelling artists and new wave glitterati“, wie es Anthony Haden-Guest in seinem Buch “The Last Party: Studio 54, Disco, and the Culture of the Night” beschreibt.

Im ständigen Wandel

In Downtown wollte man unprätentiös sein. Und gerade das zog vom Anwalt bis zum suburbanen Punk alle an. Die Szene Downtowns in den späten 70er und frühen 80er Jahren war eine eigene Welt. Und eine schnell vergängliche, wie es der Journalist und Kolumnist Michael Musto in seiner Hommage an Downtown beschreibt: Kaum hatte man einen neuen Club entdeckt, wurde er in eine Pizzeria umgewandelt. Aber man brauchte nur 15 Minuten zu warten und er war wieder ein Club. Roller-Diskos wurden plötzlich zu „Arab-Biker-Sushi-Bars“. Einfach, weil es ging. Es gab ein Verlangen nach Dauerstimulierung. Clubs wurden zu Showrooms, American Legion Büros zu Clubs. 

Menschenmenge vor dem Mudd Club, 1979, Bob Gruen, Image via: nytimes.com

Jean-Michel Basquiat DJing at Area, New York, 1985 © Ben Buchanan/Bridgeman Images

Das einzige was sicher war, dass nichts sicher war. Der Club „Area“ wechselte alle fünf bis sechs Wochen seine komplette Inneneinrichtung. Andere Clubs änderten ihr Dekor jede Nacht. Und keiner hinterfragte all das, solange es Free-Drinks-Tickets gab, so Michael Musto in seinem Buch „Downtown“ von 1986. Als „Regular“ war man natürlich schnell übersättigt und nur schwer zu beeindrucken. Alles schon einmal gesehen. Es mussten neue Stimuli her. Mit einer Videoprojektion an der Wand war dies nicht getan. Wenn aber Video und Live-Band und Fashion Show und Kunstinstallationen zusammen kamen, konnte man die Aufmerksamkeit und Tanzfreudigkeit vielleicht doch bis zum nächsten kostenlosen Drink aufrechterhalten. Die Clubs spiegelten Downtown wider, diesen Mikrokosmos am südlichen Ende der Manhattan-Halbinsel. Um Mitternacht ging es los und es endete erst dann, wenn allen danach war.

Mudd Club in den 1980er Jahren, Image via: timeout.com

Party und Kunstszene beeinflussten sich gegenseitig. In der Kunstszene der damaligen Zeit ging es mehr denn je um Interdisziplinarität, Cross-Medialität. Jean-Michel Basquiat war hierfür ein perfektes Beispiel. Während seines kurzen Lebens ließ er sich von Jazz und Anatomie Büchern inspirieren, er war in so unterschiedlichen Medien unterwegs, wie kaum ein anderer. Er sprayte poetische Botschaften an die Wände Lower Manhattans, schuf Installationen und Collagen, bemalte Objekte wie Kühlschränke oder Türrahmen, gestaltete Postkarten und T-Shirts, wirkte als Schauspieler, musizierte mit seiner Band Gray und legte als DJ auf. Er war Teil einer neuen Künstlergeneration, die in den späten 70er und frühen 80er Jahren verschiedene Stile und Materialien mischte. Häufig bezeichnet als Punk Art oder synonym auch New Wave Art genannt.

Club, Galerie und Szenetreff

Der Mudd Club war das Zuhause dieser neuen Strömung. Hier versammelten sich alle, sie kamen aus SoHo, Tribeca und East Village. Auf der Bühne spielten Punk und New Wave Bands, die Djs legten Reggae, Punk und Power Pop auf, Blondie folgte auf Carl Perkins und James Brown. Die Künstler, die Kreativen, schufen sich ihre eigene Welt. Im Hintergrund tobte die Rezession, New York war pleite, der Kunst- und Galeriebetrieb für junge Künstler nahezu unzugänglich. Also gründete man seine eigenen Galerien und Clubs. Künstler zogen weg aus SoHo nach East Village und Steve Mass erkannte ihr Potential. Verstand, dass sie zwar wenig Geld hatten, aber die Szene ausmachten. Er ließ sie umsonst in den Club. Namen wurde in Downtown gemacht. 

Jean-Michel Basquiat at Area, New York, 1984, Courtesy Jennifer Goode
Mudd Club Plakette, Foto: Natalie Wichmann

Keith Haring wurde von Mass dafür bezahlt, dass er einfach im Club rumhing. Bis Keith Haring auf die Idee kam, einen Raum im vierten Stock in eine Late Night Gallery zu verwandeln. Er kuratierte eine Ausstellung mit rund 100 Künstlern, meistens Freunde von ihm, die nur am Rande des Kunstbetriebes agierten. Es folgten Shows über Fotografie und Graffiti Art. Während in anderen sogenannten "Art Bars" über Kunst geplappert wurde, wurde im Mudd Club Kunst gemacht. Viele Künstler gestalteten so das Programm im Mudd Club mit, in Andy Warhols Worten: „Im Mudd Club konnten Fehler als Experimente durchgehen.“ Video und Performance waren die Formate, die als erstes die Räumlichkeiten für sich einnahmen, Trash Culture und Avantgarde existierten nebeneinander. Die B-52s wurden schon bald zur inoffiziellen Hausband. Themenpartys wurden der Hit.

George Hirose, Jean-Michel Basquiat and Keith Haring at the opening of Julian Schnabel, Whitney Museum of American Art, New York, 1987, © George Hirose, 1987

Ob Blond Nights, Monster Parties oder Sixties-Revival-Parties: Der Mudd Club wurde schnell zu einer festen Größe in der New-Yorker Undergroundszene. Umso mehr, als er den Platz von so ehrwürdigen Clubs wie dem CBGB's oder Max's Kansas nach deren Schließung einnahm. Er galt als angesagt, oft sogar elitär. Viele, die heute berühmt sind, trafen sich hier. Neben Jean-Michel Basquiat und Keith Haring auch Nan Goldin, die Musiker David Byrne, Lydia Lunch und Countertenor Klaus Nomi. Jim Jarmusch zeigte hier seine ersten Filme. Madonna war dabei und David Bowie, Andy Warhol, Lou Reed und The Clash wechselten schließlich vom „54“ in den Mudd Club.  

Ehemaliger Eingang des Mudd Club heute, Foto: Natalie Wichmann

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