16. Februar 2018

Das SCHIRN MAG unterwegs in New York: Der zweite Teil der Reise in Basquiats Vergangenheit geht dem unentdeckten SAMO©-Tag nach, führt vorbei an seinem alten Studio und endet im Strand Book Store.

Von Natalie Wichmann

Nach einem Streit mit seinem Freund Al Diaz erklärte Basquiat SAMO© für tot: „SAMO© IS DEAD“ schrieb er an fast jede Wand von Lower Manhattan. Wenig später, 1980, verkaufte er sein erstes Bild an Debbie Harry, die Sängerin von Blondie, für 200 Dollar – und seine Karriere als Maler nahm rekordverdächtig schnell an Fahrt auf. Kommerzieller Erfolg und finanzielle Sicherheit - er flog Concord, wurde nach LA und Europa eingeladen - sicherten ihm jedoch nicht die Privilegien seiner Kollegen. Trotzdem war Basquiats kometenhafter Aufstieg nicht aufzuhalten, erste Artikel erschienen über ihn in Artforum und Art in America. Als er schließlich am 10. Februar 1985 auf dem Cover des New York Times Magazine erschien, wusste spätestens jeder in New York, wer Jean-Michel Basquiat ist.

Bereits einen Block entfernt von der SoHo Contemporary Art Galerie auf der Bowery ist die Großbaustelle an der Ecke Lafayette und Bond Street zu sehen. Presslufthammer dröhnen und ein kontinuierlich dumpfes Wummern liegt in der Luft. Als ich schließlich an der grünen Holzwand neben der Baustelle ankomme, wende ich mich an den nächsten Bauarbeiter. Ich frage ihn nach dem Basquiat Tag, das hier vor ein paar Tagen unter mehreren Schichten alter Farbe entdeckt worden sein soll. Der fast zwei Meter große Mann mit vollem Bart und orangener Sicherheitsweste, weiß von nichts, zeigt sich aber interessiert (nachdem ich ihm von Basquiat erzählt habe) und bereit, mir zu helfen.

SAMO© - Ein Original!

Gemeinsam gehen wir die typischen diamantförmigen Baustellenfenster ab – jede Baustelle in den USA muss der Öffentlichkeit die Möglichkeit geben, diese einzusehen. Nach zehn Minuten auf und ab finden wir eine Stelle, die mit weißer Plane abgeklebt ist, vielleicht ist es da drunter? Leider befindet sich dieser Bereich auf der Baustelle selbst und ist daher nicht öffentlich zugänglich. Basquiats altes Studio, mein nächster Stop, ist jedoch nur einen Block entfernt, die Wahrscheinlichkeit also hoch, dass es sich bei dem vermeintlichen Graffiti um ein Original handelt. Tage später, als ich wieder in Boston bin, recherchiere ich nach dem wiedergefundenen Tag, sehe Bilder und sogar ein Video, die den Fund bestätigen.

Baustelle an der Ecke Lafayette und Bond Street, Photo: Natalie Wichmann

Basquiat zog im August 1983 in das Studio an der 57 Great Jones Street. Es war seine erste eigene Wohnung und seine letzte, er lebte hier bis zu seinem Tod 1988. Er mietete das Studio von Andy Warhol, den er nur wenige Monate zuvor über Bruno Bischofberger, seinen Galeristen in Zürich, kennengelernt hatte. Bei ihrem ersten Treffen war Warhol 54 Jahre alt und ein etablierter Künstler, Basquiat war 21 und seine Karriere hatte gerade erst begonnen. Warhol beschrieb ihr erstes Treffen in einem seiner Tagebücher mit Irritation. 

Eine intensive Zusammenarbeit

Ihre Beziehung nahm erst richtig Fahrt auf, als Bischofberger 1984 eine Kooperation zwischen Basquiat, Warhol und dem italienischen Künstler Francesco Clemente anregte. Gemeinsam sollten sie an Bildern arbeiten und diese jeweils im unvollendeten Zustand an den nächsten schicken, bis alle drei an jedem Werk gearbeitet hätten. Clemente wurde jedoch schnell aus der Gruppe ausgeschlossen und Basquiat und Warhol begannen eine intensive Zusammenarbeit. Sechzehn dieser gemeinsam entstandenen Werke wurden 1985 in der Tony Shafrazi Gallery in New York ausgestellt. Im Rahmen dieser Ausstellung entstand auch das berühmte Poster mit beiden Künstlern in Boxhandschuhen. Die Kritik jedoch zerriss das Endprodukt der Basquiat-Warhol-Kooperation und die anfangs so symbiotische Freundschaft – Warhol gab Basquiat die Bestätigung für seine Arbeit, Basquiat bot Warhol den Anschluss an die junge, hippe Kunstszene – litt erheblich. Bis zu Warhols Tod, der Basquiat stark beeinflusste, waren sie zwar weiterhin befreundet, arbeiteten aber nicht mehr gemeinsam.

Wir haben uns zum Mittagessen getroffen und ich habe ein Polaroid von uns gemacht. Nur zwei Stunden später kam ein Gemälde bei mir Zuhause an, die Farbe immer noch nass, von ihm und mir. Alleine der Weg zurück zur Christie Street muss eine Stunde gedauert haben...

Andy Warhol
Jean-Michel Basquiat, Dos Cabezas, 1982, Acrylic and oil stick on canvas with wooden supports, Private collection, © VG Bild-Kunst Bonn, 2018 & The Estate of Jean-Michel Basquiat. Licensed by Artestar, New York
Basquiats Studio 

Der Eingang zu Basquiats Studio in der Great Jones Street unweit der Bowery, ursprünglich ein alter Stall, ist einfach zu finden: Die rotlackierte Stahltür gleicht einem Schrein: über und über mit Aufklebern, Graffitis und Stencils gestaltet, findet sich auch hier die dreizackige Krone wieder. Bekannte Street Artists der New Yorker Szene, wie Adam Cost, haben sich bereits verewigt. Die Greenwich Village Society for Historic Preservation hat 2016 eine bronzene Plakette angebracht, um Basquiats Leben und Werk zu verewigen. Früher tobte sich hier die alternative Szene aus, heute beherrschen Konsum und Hipstertum die Gegend.

Unter dem ehemaligen Studio verkauft ein Metzger japanisches Rindfleisch der Premiumklasse. Das Ladenlokal ist in edlem Schwarz gehalten, eine lebensgroße Kuh ziert das Schaufenster. Und trotzdem: wenn ich den Blick nach oben auf das bodentiefe halbrunde Fenster richte, kann ich mir vorstellen, wie Basquiat dort am frühen Morgen nach einer seiner nächtlichen Malsessions gestanden haben muss, im farbverschmierten Armanianzug, den Blick auf die Straße gerichtet.

Basquiats Studio, 57 Great Jones Street, Photo: Natalie Wichmann
Basquiats Studio, 57 Great Jones Street, Photo: Natalie Wichmann
Die Reise neigt sich dem Ende zu

Leicht melancholisch mache ich mich auf den Weg zu meinem letzten Stopp, zum Washington Square Park. Die Straßen auf dem Weg dahin sind zum Teil noch aus altem Kopfsteinpflaster. Der Park ist nur wenige Minuten vom Studio entfernt und bereits in Basquiats Jugend ein wichtiger Anlaufpunkt für ihn und seine Freunde gewesen. Mit 15 rannte er von zu Hause weg und lebte dort knapp eine Woche. Anders als der Central Park ist der Washington Square Park eher wenig touristisch, vor allem Studenten der New York University (NYU) und Anwohner aus Greenwich Village treffen sich hier, zum Lernen und Relaxen. Das Gelände, auf dem der Park heute liegt, war schon vieles: von Militärparadeplatz über Massengrab bis hin zum Epizentrum für Exzentriker und Hippies in den 1960er Jahren. Unter anderem spielt der Park in den Büchern von Allen Ginsberg, Jack Kerouac und William S. Burroughs, einer von Basquiats literarischen, wie künstlerischen Vorbildern, eine zentrale Rolle.

Washington Square Park, Photo: Natalie Wichmann

Meine Füße sind müde und ich bin froh, dass ich die Schuhe ausziehen und mich auf eine der vielen Bänke mitten in das bunte Treiben setzen kann. Egal zu welcher Tageszeit, der Park ist immer voll mit Straßenkünstlern, Musikern und Kindern, die vor allem im Sommer den Brunnen in der Mitte für sich erobern. Jugendliche treffen sich auf den Rasenflächen zum Chillen. Der eine oder andere Joint wird geraucht. Hier verkauft jemand personalisierte Gedichte für einen Dollar, dort spielt Ricky Syers, begnadeter Puppenspieler und Entertainer, mit Mr. Styx, einem seiner selbstgestalteten Charaktere. Hier kann jeder sein, wie er mag, was wohl auch für Basquiat den besonderen Reiz dieses Ortes ausgemacht haben mag. Von hier aus konnte er einfach nach Hause oder in einen seiner Lieblingsclubs weiterziehen, sowohl der Mudd Club als auch das CBGBs und viele mehr sind von hier fußläufig in 10 Minuten zu erreichen.

Meine Zeit mit Basquiat ist nun fast vorbei. Ich ziehe meine Schuhe wieder an und mache mich auf den Heimweg. Über den Broadway zum Union Square komme ich am Strand Book Store vorbei. Kein Aufenthalt in New York wäre vollständig, ohne einen Blick in dieses Mekka der Literatur zu werfen. Beim Schlendern durch die übervollen dunklen Holzregale komme ich auch an den Empfehlungen der Mitarbeiter vorbei.

Washington Square Park, Brunnen, Photo: Natalie Wichmann
Ehemaliger Eingang Mudd Club, Photo: Natalie Wichmann

Mit Erstaunen stelle ich fest, dass Jennifer Clements 2014 erschienenes Buch "Widow Basquiat. A Love Story" eine davon ist. Das Buch ist eine Collage aus Zitaten von Basquiats on/off Freundin Suzanne Mallouk und biografischen Ausschnitten ihres gemeinsamen Lebens. Das sehe ich als Zeichen und kaufe es kurzerhand als Lektüre für die Rückfahrt nach Boston. Wieder an der Penn Station angekommen, habe ich das Gefühl, im Kreis gegangen zu sein. „Coming full circle“, wie der Amerikaner sagen würde. Zwei intensive Tage mit Basquiat, ohne auch nur einen echten Basquiat gesehen zu haben.

Bye, bye New York

Der Zug kommt zu spät und als ich endlich auf meinem Platz sitze, versuche ich all die Eindrücke zu Papier zu bringen. Nach nur wenigen Momenten gebe ich auf. Stattdessen nehme ich Clements Buch zur Hand. Und während der Zug New York City in 2017 verlässt, bringen mich die brillanten und zugleich brutalen Worte von Jennifer Clement und Suzanne Mallouk zurück ins New York der 1980er Jahre, zurück zum Leben und Sterben des Jean-Michel Basquiat.

Rausfahren aus New York, Photo: Natalie Wichmann
Teil 2 der Route

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