18. April 2018

Das SCHIRN MAG stellt fünf herausragende Filme vor, die sich nicht nur kritisch mit dem Rassismus in den USA auseinandersetzen, sondern auch dessen teils verklärte Geschichte mit voller Wucht ins Scheinwerferlicht zerren.

Von Jens Balkenborg

Die politischen Debatten um den amerikanischen Rassismus nehmen endlich wieder verstärkt Einfluss auf die Produktionskultur in Hollywood. Denn nach dem, oder besser gesagt mitten im metoo-Skandal befindet sich die Traumfabrik auch hinsichtlich der kulturellen Diversität in einer zwar langsam voran schreitenden, aber längst überfälligen Zeitenwende: Mit Ryan Cooglers „Black Panther“ ist kürzlich der erste Superhelden-Film mit einem schwarzen Protagonisten an den Start gegangen, Ava DuVernays aktuelles Disney-Märchen „Das Zeiträtsel“ ist der erste 100-Millionen Dollar-Blockbuster unter der Regie einer Afroamerikanerin. Eine Hauptrolle hat die amerikanische Talkshow-Königin Operah Winfrey übernommen, die seit langem für die Gleichberechtigung von Afroamerikanern eintritt. 

Neben den genannten Filmen, die sich alle mehr oder weniger direkt mit rassistischen Themen auseinandersetzen, sind in den letzten Jahren auch viele entstanden, die inhaltlich ganz konkrete Ereignisse thematisieren und damit den Rassismus in den USA und dessen teils nostalgisch verklärte Geschichte am Schopfe packen und ins Scheinwerferlicht zerren. Die fünf folgenden Spiel- und Dokumentarfilme sind eindrückliche Beispiele für die politische Wucht und Relevanz des Kinos. Filmemacherin Ava DuVernays spielt eine entscheidende Rolle im Kampf für die Gleichberechtigung, wie auch ihre beiden Filme in der Auflistung zeigen.

Ava DuVernay, 2015, Image via Wikicommons
12 Years a Slave (2013)

Steve McQueens Drama „12 Years a Slave“ ist ein filmischer Schlag in die Magengrube. So schonungslos und bedrückend wurde nie zuvor vom Schicksal eines Sklaven erzählt. Als Grundlage dienten McQueen die gleichnamigen autobiografischen Aufzeichnungen von Solomon Northup, der um 1840 herum aus seinem freien bürgerlichen Leben in Saratoga Springs auf die Plantagen New Orleans verschleppt wurde. Der Zuschauer wird Zeuge der barbarischen Leidensgeschichte Northups, packend gespielt von Chiwetel Ejiofor. Angefangen bei seiner Entführung, über die Zeit bei einem noch „gutherzigen“ (aber dennoch Menschenleben geringschätzenden) „Besitzer“ bis hin zum sadistischen Plantagenherren Epps (Michael Fassbender) erzählt „12 Years a Slave“ von einer schrittweisen Entmündigung und Entmenschlichung.

In „12 Years a Slave“ wird nichts weich gezeichnet, McQueen zeigt die Monstrosität der Sklaverei in all ihrer Brutalität und Komplexität und zeichnet Bilder, die im Gedächtnis bleiben. Bei den Oscars 2014 wurde „12 Years a Slave“ als bester Film und für das beste adaptierte Drehbuch ausgezeichnet.

12 Years A Slave, Copyright Mars Distribution
Selma (2014)

Ava DuVernays Biopic über Martin Luther King konzentriert sich auf die Protestmärsche von Selma nach Montgomery. Afroamerikanische Bürger gingen im Frühjahr 1965 in Selma auf die Straße, um für das uneingeschränkte Wahlrecht zu protestieren. Das existierte nach Unterzeichnung des Civil Rights Acts durch Präsident Lyndon B. Johnson zwar auf dem Papier, wurde aber in vielen Landesteilen schleppend bis gar nicht umgesetzt. Den ersten Marsch knüppelte die Polizei hinter der Stadtgrenze auf der Edmund-Pettus-Brücke nieder. Am 9. März 1965 kam es zu einem zweiten Marsch, initiiert von Martin Luther King. DuVernay inszeniert diesen kollektiven Moment als regelrechten Showdown, den King auf Druck von Kongressmitgliedern und zur Deeskalation allerdings vor der Brücke abbricht. Erst im dritten Anlauf schließlich gelingt der Marsch nach Montgomery.

DuVernay haucht den für die Bürgerrechtsbewegung unglaublich wichtigen Ereignissen in und um Selma neues Leben ein. Dabei glorifiziert sie ihren vom fantastischen David Oyelowo gespielten Martin Luther King nicht, sondern zeigt ihn als zwar entschlossenen, aber auch von Zweifeln geplagten Menschen mit Schwächen. „Selma“ ist ein einfühlsam gefilmtes zeitgeschichtliches Porträt, das unpathetisch und fundiert von der kollektiven Kraft der Bürgerrechtsbewegung erzählt.

I Am Not Your Negro (2016)

30 Jahre nach dessen Tod verleiht Regisseur Raoul Peck dem Bürgerrechtler und Autor James Baldwin erneut eine Stimme. Als Vorlage diente dem haitia­ni­schen Regis­seur ein 30-seiti­ges Manu­skript mit Baldwins messer­schar­fen Analy­sen zum Neben­ein­an­der von weißer und schwar­zer Gesell­schaft in seinem Heimat­land. Ausgangs­punkt des Textes waren die Morde an seinen Freunden Medgar Evers, Malcom X und Martin Luther King.

Mehr als viele andere so genannte „Essayfilme“ verdient „I Am Not Your Negro“ dank seiner geschick­ten Konstruk­tion und seiner refle­xi­ven Wucht dieses Prädi­kat. Peck leis­tet in mehr­fa­cher Hinsicht Großes: einer­seits erzählt er anhand des Portraits eines Einzel­nen von den Unge­rech­tig­kei­ten gegen große Teile der ameri­ka­ni­schen Bevöl­ke­rung im 20. Jahr­hun­dert. Weiter­hin reflek­tiert er diese Unge­rech­tig­kei­ten durch den schar­fen Verstand eines Mannes, der zu Lebzei­ten mitten­drin war und zugleich als deren Chro­nist fungierte. Schließ­lich zeigt „I Am Not Your Negro“, dass es auch heute, ein halbes Jahr­hun­dert später, genug Grund zur Besorg­nis gibt. Dass ein Donald Trump an der Macht ist, sorgt in dieser Hinsicht nicht eben für Entspan­nung. Wie beschreibt es Bald­win gleich zu Beginn des Films: „It’s not the ques­tion what happens to the negro here, to the black man here, (...) the real ques­tion is what’s gonna happen to this coun­try.“

I Am Not Your Negro, James Baldwin, Copyright Karma Films
Der 13. (2016)

Der Titel von Ava DuVernays Dokumentarfilm, der auf Netflix zu sehen ist, bezieht sich auf den 13. Zusatzartikel der Verfassung, der nach Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs die Sklaverei abschaffte. Zumindest auf dem Papier, denn – das arbeitet ihr Film konsequent heraus – es gab und gibt noch immer in Amerika Kräfte, die, angepasst an die jeweiligen Begebenheiten, die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung befördern.

Vielstimmig diskutiert DuVernay die Entwicklung von der Sklaverei über die Jim Crow-Ära, die Afroamerikaner zu Menschen zweiter Klasse machte und landet schließlich bei der heutigen Form der „Neo-Sklaverei“ in Form einer „Gefangenenindustrie“, die Großkonzernen günstige Arbeitskräfte liefert. Dem vorausgegangen war die Null-Toleranz-Strategie, die in den 80er und 90er-Jahren für explosionsartig ansteigende Inhaftierungszahlen gerade in der schwarzen Bevölkerung sorgte.

„Der 13.“ ist ein eindrückliches Plädoyer gegen Unterdrückungsapparate, zugleich erzählt DuVernay von einer gesamtgesellschaftlichen Tendenz: vom medialen und politisch-rhetorisch evidenten Rassismus zum noch gefährlicheren latenten.

Detroit (2017)

Im Jahr 1967 eskalieren die Rassenunruhen in Detroit, der Hass regiert die Stadt: Infolge einer Polizeirazzia kommt es fünf Tage lang zu Straßenschlachten zwischen Sicherheitskräften und überwiegend afroamerikanischen Protestierern. 43 Todesopfer und rund 1.200 Verletzte sind nach dem sogenannten „12th Street riot“ zu beklagen.

In ihrem Thriller „Detroit“ erzählt Regisseurin Kathryn Bigelow in atemberaubend-dynamischen Bildern von den Ereignissen in der Stadt. Bigelow und Drehbuch­autor und Produzent Mark Boal konzentrieren sich auf den sogenannten „Algier Motel Incident“. Die Polizei nahm damals an, dass aus dem Motel in der 12th Street auf sie geschossen wurde und stürmte das Gebäude. Anstatt eines Schützen fanden sie lediglich einen Gast, der mit einer Schreckschusspistole herumgealbert hat. Drei Afroamerikaner kamen dabei ums Leben, etliche weitere Menschen wurden während der Verhöre verletzt. Bigelow rekonstruiert das brutale Geschehen anhand von Augenzeugenberichten und Protokollen und schwenkt zwischen bedrückendem Kammerspiel und ausufernden Straßenschlachten hin und her. Der Film zeigt eindrücklich und differenziert, wie sich Unterdrückung und Armut in Gewalt entladen und legt die grausamen Mechanismen des institutionalisierten Rassismus bloß.

Detroit, Copyright Mars Films