Manifesta 16 Ruhr: Sakralräume für neue Gemeinschaften
07.09.2026
7 min Lesezeit
Die europäische Wander-Biennale Manifesta macht derzeit Halt im Ruhrgebiet. Mit Arbeiten von mehr als 100 Künstler*innen untersucht sie das transformatorische Potenzial ungenutzter Kirchenräume. Wer das nicht verpassen will, muss sich beeilen: Die Laufzeit endet Anfang Oktober.
Vor 30 Jahren entstand die Manifesta als nomadische Biennale mit der Idee, Europa nach dem Mauerfall und dem Ende des Kalten Krieges kulturell stärker miteinander zu verbinden. Alle zwei Jahre findet sie seither an einem anderen Ort statt, jedes Mal mit neuem Programm. Mit ihrer diesjährigen 16. Ausgabe kehrt sie erstmals nach Deutschland zurück, nachdem sie 2002 in Frankfurt am Main und dabei sogar in der SCHIRN gastierte. Aus einer Schau zur Reflexion des neuen Europas hat sie sich zu einer Plattform weiterentwickelt, die untersucht, welche Bedürfnisse, Konflikte und Potenziale ihr jeweiliger Standort bietet und wie Kunst, Architektur, lokale und überregionale Initiativen daran anknüpfen können. Das Ziel ist, Impulse zu setzen, die möglichst über die Ausstellungslaufzeit hinaus in die lokalen Communities hineinwirken.
Mit Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen hat sie sich dieses Mal gleich vier Städte des Ruhrgebiets vorgenommen – eine Region, die mit der Ruhrtriennale und den Urbanen Künsten Ruhr bereits über etablierte Kunstfestivals verfügt. Statt wie dort das architektonische Erbe der Industrialisierung als spektakuläre Kulisse zu integrieren, richtet die Manifesta Ruhr ihren Blick dezidiert auf eine andere historisch wichtige Infrastruktur: die Kirche. Verteilt auf zwölf Nachkriegskirchen lauten die zentralen Fragen: Was machen wir mit diesen Bauwerken, wenn sie im Wandel der Zeit ihre ursprüngliche Funktion als Gotteshäuser verlieren? Wie lassen sich diese architektonischen und sozialen Räume nicht nur bewahren, sondern transformieren und so auch zukünftig gemeinschaftlich nutzen?
Dystopie, Licht und Bewegung
Ob entweiht, leerstehend oder schon zweckentfremdet: Alle ausgewählten Kirchen befinden sich in einem Übergangszustand. St. Marien in Essen steht sogar der Abriss bevor. Umso dystopischer ragen die aufgetürmten Smartphones aus Bronze von Alicja Kwade wie Relikte der Gegenwart vor dem Altar in die Höhe. Gleich daneben arrangiert Jarosław Kozłowski vorgefundene Möbel zu einer kubistisch anmutenden Skulptur. Die zersägten Tische, Stühle und Schränke scheinen sich wie in einem letzten Kraftakt noch einmal gegenseitig Halt zu geben und erinnern dabei an die früheren Momente der Gemeinschaftsbildung.
Das vorgefundene Kirchenmobiliar stellt ein beliebtes, ja auch naheliegendes Ausgangsmaterial für die zahlreichen Neuproduktionen dar. Nasan Tur stellt die Kirchenbänke von St. Gertrud in Essen senkrecht auf und graviert eingereichte Geschichten, Sprüche und Gedanken der Besucher*innen in die Holzoberfläche. Augustas Serapinas errichtet aus den Sitzbänken der Essener Markuskirche einen handwerklich klug konstruierten Turm, den die Besucher*innen erklimmen können. Der Aufstieg versetzt sie nach oben – dem Licht entgegen – und in eine Position, die an eine Kanzel erinnert. Auch der Herkunft von Lilli Lakes Soundarbeit kommt man auf diese Weise näher. Die Künstlerin nimmt das wetterbedingte Knarzen der hölzernen Kirchendecke auf und überträgt die Geräusche verstärkt in den Raum. Die Sakralarchitektur beginnt hier selbst zu sprechen – nicht durch Predigt oder Liturgie, sondern durch ihre eigene physische Bewegung.
Trauer und Sichtbarkeit
Überhaupt ist Sound ein wiederkehrendes Element dieser Manifesta, auch hier erschließt sich die Verbindung zu den einst als Resonanzräumen erdachten Hallen. Eine der eindrücklichsten Arbeiten ist Abbas Zahedis raumgreifende Soundinstallation in der Duisburger Kulturkirche Liebfrauen. Deformierte Orgelpfeifen aus ganz Europa, darunter ausrangierte Klangkörper aus einer ukrainischen Kirche, liegen kreisförmig auf dem Boden verteilt und begegnen dem Publikum damit fernab der vertikalen Hierarchie der Kirche. Durch ein pneumatisches Belüftungssystem entfalten sich musikalische Klänge, die eine andächtige Atmosphäre und Raum für gemeinschaftliche Trauer schaffen.
Im gleichen Gebäude befinden sich zudem zwei Videoarbeiten von Elizabeth Price, die neben ihrem charakteristischen, digitalen Grafikdesign auch auf Archivfotografien modernistischer Kirchen des 20. Jahrhunderts basieren. In einem Textdialog thematisieren die Filme die Sichtbarkeit von Migrant*innen und fragen nach der psychologischen Bedeutung dieser Bauten für jene Menschen, die in ihrer unmittelbaren Umgebung leben.
Für wen ist die Kirche offen?
Diese Frage steht auch in den drei Venues in Gelsenkirchen, die Gürsoy Dogtas als einer der insgesamt acht Kurator*innen allein verantwortet, thematisch im Fokus. Können die (christlichen) Gotteshäuser auch für Menschen anderen Glaubens nutzbar sein? Den einstigen „Gastarbeiter*innen“, deren Arbeitskraft maßgeblich zum wirtschaftlichen Erfolg des Nachkriegsdeutschlands beitrug, wird hier besondere Beachtung geschenkt. So würdigen etwa die Porträtmalereien der Wiener Künstlerin Julia Logothetis aus den Siebzigerjahren Arbeitseingewanderte aus ihrem privaten Umfeld, während die Schwarz-Weiß-Fotografien von Mihály Moldvay (1938–2024) zentrale Erfahrungen von „Gastarbeit“ in Westdeutschland dokumentieren. Neben diesen historischen Positionen finden auch jüngere Künstler*innen wie Merve Kaplan, Gašper Kunšič oder Philipp Gufler ihren Platz der Zugehörigkeit.
Die sensible Einbettung der vielen sehenswerten Arbeiten in die oft brutalistische Architektur ist eine Besonderheit dieser Manifesta. Doch auch die Integration der Bauwerke in die Wohnviertel lohnt einen näheren Blick. Als sogenannte Pantoffelkirchen geplant, lassen sie sich von den Menschen aus der Nachbar*innenschaft wortwörtlich in den eigenen Hausschuhen erreichen. Für St. Ludgerus in Bochum empfiehlt sich jedoch das Tragen von Turnschuhen, denn ihr Innenraum wurde von den katalanischen Kollektiven CaboSanRoque und FLEXO ARQUITECTURA in ein Basketballfeld transformiert.
