Via Palmenallee erreiche ich das internationale Kunstmekka, der Blick öffnet sich auf eine ĂŒppige Oase. 300.000 qm eines tropischen Parks mit botanischen GĂ€rten, Seen, Wald Landschaften, Bergen und TĂ€lern, sowie der weltweit gröĂten Palmensammlung.
Darin versteckt und von weitem oft kaum ausmachbar: mehr als 20 Pavillons und Galerien mit insgesamt ĂŒber 500 Kunstwerken und Open-Air-Skulpturen von etwa 100 KĂŒnstlern 30 verschiedener NationalitĂ€ten. Wir sind in Inhotim, eines der am besten gehĂŒteten Geheimnisse Brasiliens.
Der GrĂŒnder dieses Ortes der Superlative heiĂt Bernardo Paz. Stahlmagnat, Minenbesitzer und brasilianischer MilliardĂ€r â und lange Zeit eine obskure Gestalt. In den 90er-Jahren tauchte in der New-Yorker Kunstszene plötzlich ein unbekannter Brasilianer auf und kaufte millionenschwere Objekte. Niemand wusste, woher er kam. Bis er 2004 Inhotim grĂŒndete und so seine Privatsammlung der Ăffentlichkeit zugĂ€nglich machte. Das Konzept ist einmalig: Die KĂŒnstler kreieren und zeigen hier ihre Werke unter einzigartigen Bedingungen und nicht selten entstehen dabei ortsspezifische Arbeiten, die so nirgendwo sonst auf der Welt möglich wĂ€ren.
So zum Beispiel Matthew Barney mit âDe Lama Laminaâ. Ein riesiger Iglu-artiger Pavillon aus verspiegeltem Glas inmitten eines Eukalyptuswaldes â der Baum, den die Papierindustrie zum schnellen Gewinn als aggressive Monokultur anbaut. Im Innenraum im Kontrast dazu dann ein unglaubliches Bild: eine riesige, dreckige Maschine mit Klauen, wie man sie im Amazonas benutzt, um TropenbĂ€ume auszureiĂen. Der Baum ist in eine weiĂe, wachsartige Masse getaucht. Die Glasfenster des Pavillons, nun transparent, verzerren die Flora plötzlich auf bedrohliche Art und Weise. Natur und Kunst in schaurigem Dialog.
In einem Video andernorts dann die dazugehörige Performance. 2004 defilierte die gigantische Maschine, gefolgt von einer Sambaband in weiĂen PapierkostĂŒmen, auf dem Karneval in Salvador. WĂ€hrend auf dem toten Baum eine Frau klettert und weiĂe Wolle an den Ăsten anbringt, liegt zwischen dem RĂ€derwerk unbemerkt von den Zuschauern ein nackter Mann, der sein Genital an einem rotierenden, mit Fett geschmierten Motorteil reibt. Ogum versus Ossana, die beiden Afrobrasilianischen Götter, die respektive fĂŒr Metall, Technologie und die Natur stehen. Als Installation hier in Inhotim in einer Landschaft zu sehen, die selbst ĂŒberall noch die Wunden des Metallabbaus aufzeigt.
Neben anderen internationalen GröĂen wie Doug Aitken â der ein hunderte Meter tiefes Loch in die Erde bohren lieĂ, um den Sound der Erde zu hören â werden natĂŒrlich viele brasilianische KĂŒnstler gezeigt. So zum Beispiel HĂ©lio Oiticica, in der aktuellen âBrasilianiaâ-Ausstellung mit der Arbeit (gemeinsam mit Neville DâAlmeida) âCosmococa 5 â Hendrix Warâ vertreten. SinnesrĂ€ume wie im Drogenrausch, mit HĂ€ngematten, Kissenschlachten, Luftballons und Musik, welche die Wahrnehmung des Besuchers ins Zentrum stellen.
In jedem neuen Pavillon taucht man in Inhotim so in den Kosmos eines KĂŒnstlers ein. Jede der modernen Galerien und Pavillons wurde eigens fĂŒr den KĂŒnstler und seine Werke geschaffen, kein Bau gleicht dem anderen. Die Architektur unterstĂŒtzt das sinnliche Erleben und fast körperliche Eindringen in die Kunstwerke auf unterschiedlichste Art und Weise: mal durch Abgeschlossenheit und multisensorische Gestaltung, mal durch Transparenz oder sogar Verformung der AuĂenwelt.
Der Weg zwischen den Galerien wird zur Meditation. Natur, immer wieder unfassbare Ausblicke, Sitzskulpturen aus BaumstĂ€mmen. Die Seen, erfahre ich, werden mit speziellem Farbstoff so grĂŒn gehalten, das Wasser sei sonst schlammbraun. Diese Zauberei nimmt man gerne hin, so gelungen ist der farbliche Kontrast zur modernen Architektur.
Wer trotzdem mĂŒde wird ob so viel Kunst und Schönheit, der kann sich an den vielen interaktiven Werken erfrischen. Da ist zum Beispiel das Schwimmbad von Jorge Macchi oben auf dem Berg. Man wird eingeladen, die âA,B,C Treppenstufenâ hinabzusteigen und im blauen Wasser zu schwimmen. HandtĂŒcher gibt es, irgendwo im Wald soll eine Umkleidekabine sein und eine junge Aufsicht mit Lebensretterausbildung und -weste steht daneben. Ich beschlieĂe, den KĂŒnstler beim Wort zu nehmen. Da ertönt plötzlich ein spitzer Schrei und die eben noch so ernsthafte Lebensretterin lĂ€uft schreiend davon. Ihre etwas gelassenere Kollegin erklĂ€rt lachend, so etwas habe man eben noch nie erlebt. Aber wer geht schon mit einem Bikini in der Handtasche in einen Kunstpark in den Bergen?
Der Idealist Paz bezeichnet Inhotim selbst als âProjektâ. Ihm geht es um die Menschen â sowohl die Besucher als auch die Bewohner des Umkreises. Als zweitgröĂter Arbeitgeber der Region und mit dem Art Education Center werde ein dauerhafter Dialog mit der hiesigen Bevölkerung gefĂŒhrt. Gerade wird ein Hotel im Park selbst geplant sowie das erste richtige Museum. Der ehemalige Kurator Jochen Volz, heute an der Serpentine Gallery, London, erzĂ€hlt mir, dass es lange interne Diskussionen gab, ob man dieses so einzigarte Konzept wirklich um einen konventionelleren Museumsbaus erweitern sollte. Aber das BedĂŒrfnis, die immens groĂe Sammlung von moderner Kunst nach 1960 komplett zugĂ€nglich zu machen, gewann schlieĂlich ĂŒberhand. Man vertraut dem VisionĂ€r Paz, dass er auch hierfĂŒr wieder eine ganz eigene Art und Weise finden wird.
Inhotim ist vielleicht so, wie Alice sich ihr Wunderland ertrĂ€umt: Verschobene RealitĂ€ten, extreme SinneseindrĂŒcke, menschengemachten Erfindungen umgeben von einer unwirklichen Fauna und Flora. Ein besonderer, ein magischer Ort, den man so schnell nicht vergisst und an den man unbedingt wieder zurĂŒckkehren will. Wenn man denn den Weg wieder findet. Denn wie schon Lewis Carroll in seinem Klassiker "Alice im Wunderland" schrieb: "Deinen Weg? Alle Wege hier sind meine Wege!â
ĂBER DIE AUTORIN
Die deutsche Schauspielerin Juliane Elting, 1978 in Hamburg geboren und in Frankfurt/Main aufgewachsen, lebt und arbeitet seit 2005 in SĂŁo Paulo/Brasilien, ist Ensemblemitglied des im Tropicalismo entstandenen Teatro Oficina, mit denen sie bereits unzĂ€hlige Inszenierungen und internationale Gastspielreisen realisierte. 2011 wurde sie als Teil der Serie âLook Out - Featuring New Talentsâ der Zeitschrift Theater der Zeit portraitiert. 2013/14 reist sie mit dem Projekt âKulturtourâ des Goethe Instituts in Brasilien durch 17 StĂ€dte des Landes und ist als Kuratorin verantwortlich fĂŒr den Theaterbereich.