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Der Geruch des Verfalls

28.08.2017

4 min Lesezeit

Autor*in:
Julia Schmitz
Zu sehen ist der Oberkörper von Julia Schmitz. Sie lÀchelt in die Kamera, trÀgt eine braune Brille und einen blauen Cardigan.
Jede Generation setzt sich kritisch mit ihren VorgÀngern auseinander: In den 60er-Jahren war es die Funk Art in Kalifornien, die auf den Abstrakten Expressionismus reagierte und Peter Saul inspirierte.

Indem sie das Figurative aus der Malerei zugunsten einer abstrakten Auseinandersetzung mit der „Krise des modernen Menschen“ und einem RĂŒckgriff auf archaische Kulturen verbannten, hatten KĂŒnstler wie Jackson Pollock, Mark Rothko oder Willem de Kooning in den 1940er und 50er-Jahren den Abstrakten Expressionismus geprĂ€gt. Kunst war fĂŒr sie eine Möglichkeit der Fortschrittskritik und eine Antwort auf Rassenunruhen, totalitĂ€re Regimes und die Auswirkungen des Krieges.

Viola Frey Man Kicking World II, Cameron Art Museum in Wilmington, North Carolina, Image via flickr.com

Als sich Ende der 1950er, aus den Reihen der abstrakten Expressionisten, in San Francisco das „Bay Area Figurative Movement“ formierte, wendete sich das Blatt: Immer mehr KĂŒnstler ĂŒbten nun Kritik an der Gegenstandslosigkeit des Abstrakten Expressionismus und wandten sich wieder dem Figurativen zu. Die offenherzige und experimentelle Umgebung der spĂ€ten Beatniks und frĂŒhen Hippies in Kalifornien bot außerdem einen fruchtbaren kreativen Boden, aus dem spĂ€ter die so genannte „Funk Art“ entstand.

Humorvoll und vulgÀr

Anders als ihre gesellschaftskritischen VorgĂ€nger stellten die KĂŒnstler der Funk Art, darunter Wally Hedrick, Jay DeFeo, Viola Frey und Bruce Conner, nicht ihr soziales Umfeld, sondern ihre eigenen Befindlichkeiten in den Mittelpunkt. Sie betrachteten sich nicht als feste Gruppierung und lehnten jegliche gemeinsame Definition ihrer Kunst ab – gemeinsam ist ihnen aber dennoch die Leidenschaftlichkeit, das Spielerische und die SkurrilitĂ€t ihrer Werke, die auf den in den 1920er-Jahren in der Jazz-Szene geprĂ€gten Begriff „funky“ zurĂŒckgehen. Offenherzig ließen sie Emotionen und psychische Prozesse in ihre Arbeiten einfließen, gepaart mit viel Humor, Ironie und teilweise vulgĂ€ren Darstellungen von SexualitĂ€t.

Bruce Conner, SNORE, 1960, Image via Fine Arts Museums of San Francisco

Funk Art entsprach ĂŒberhaupt nicht den stilistischen und Ă€sthetischen AnsprĂŒchen, die man zu der Zeit an die Kunst stellte: Um minimalistisch zu sein, waren die Assemblagen und Installationen viel zu durcheinander, fĂŒr den abstrakten Expressionismus zu gegenstĂ€ndlich und die biographischen ZĂŒge in den Skulpturen zu offensichtlich und persönlich, um ernst genommen zu werden. In puncto Konsumkritik werden BezĂŒge zur Pop Art sichtbar, doch wirkten viele der Werke unbeholfen – möglicherweise einer der GrĂŒnde, warum die Funk Art sich in ihrer Bekanntheit auf die Bay Area beschrĂ€nkte und heutzutage nur mehr als Fußnote in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts auftaucht.

Die Gesellschaft am Pranger

Doch das störte die KĂŒnstler selbst nicht. Bruce Connor, einer der ersten „Funk Artists“, sammelte Ende der 1950er-Jahre FundstĂŒcke aus der modernen Wegwerfkultur und stellte mit seinen Assemblagen aus WohlstandsmĂŒll indirekt eine Gesellschaft an den Pranger, die Konsum zelebriert und Kriege fĂŒhrt, anstatt sich fĂŒr ein friedliches Miteinander einzusetzen. Einer Methodik, der sich auch Edward Kienholz – zwischen Funk Art und Pop Art schwankend – mit seinen „objets trouvĂ©s“ bediente, mit denen er u.a. auf Diskriminierung und Doppelmoral in der Gesellschaft aufmerksam machte.

Mowry Baden, Delivery Suite, 1965, Image via mowrybaden.com

In den ĂŒberlebensgroßen Skulpturen von Viola Frey kommen u.a. Fragen der Geschlechter-Stereotypisierung zum Ausdruck, von denen die bekannte Keramikerin persönlich betroffen war; und Jay DeFreo schuf mit „The Rose“ eine Malerei, die nach zehnjĂ€hriger Arbeit mehr als eine Tonne wog und mit dem Kran aus ihrer Wohnung gehoben werden musste. Peter Saul, der zuvor eine Weile in Europa gelebt hatte, war 1964 in der Bay Area sesshaft geworden und malte ironisch-kritische Bilder zum Krieg in Vietnam sowie ĂŒberstilisierte Politikerportraits in knalligen Farben. 

Oft waren die Installationen und Assemblagen der „Funk Artists“ darauf ausgerichtet, den Betrachter mit einzubeziehen, ihn den Geruch des Verfalls und der Kritik riechen und am eigenen Leibe erfahren zu lassen – eine InteraktivitĂ€t, die es in dieser Form in der Kunstwelt noch nicht gegeben hatte. So ungern sie sich alle in einen Topf werfen ließen: Eine spielerisch-ironische Hinterfragung der damals gĂ€ngigen Kunstdefinitionen war allen „Funk Art“-KĂŒnstlern gemein.

Peter Saul, Rich Dog, 1963, Hall Collection, © Peter Saul, Courtesy Hall Art Foundation, Photo: Jeffrey Nintzel

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