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Das Gesicht verlieren

15.04.2016

9 min Lesezeit

Autor*in:
Jonathan Cole
Das menschliche Gesicht ĂŒbernimmt viele wichtige Funktionen. Ein Kontrollverlust hat tiefreichende Konsequenzen.

„Ich weiß, du erkennst mich an meinem Gesicht, du kennst mich als Gesicht und hast mich nie anders gekannt. Also konntest du gar nicht auf den Gedanken kommen, daß ich nicht mein Gesicht bin.“

Milan Kundera, Die Unsterblichkeit (1)


Das bewegliche, expressive Gesicht, in seiner KomplexitĂ€t eine rein menschliche Gabe, entwickelte sich als einmaliger Identifikator von Individuen und als eine sichtbare Erscheinung des Erlebens und Ausdrucks von GefĂŒhlszustĂ€nden oder Emotionen, die ihrerseits zur Regelung unserer komplexeren und grĂ¶ĂŸeren sozialen Gruppen notwendig scheinen. Merleau-Ponty fasste diese in einem Satz zusammen: „Ich lebe im Gesichtsausdruck des anderen und fĂŒhle, wie er in meinem lebt.“[2] Das Gesicht hat sich nicht nur im Sinne des Ausdrucksvermögens entwickelt, sondern auch als Mittel zur Kommunikation, zum Austausch, zum Teilen emotionaler Erfahrungen. Durch die Reaktionen der Menschen in unserer Umgebung kalibrieren wir unser soziales Verhalten in einer Gruppe. WĂ€hrend die Sprache unsere gesamte kognitive KomplexitĂ€t verĂ€ndert, ermöglicht uns das Gesicht eine KomplexitĂ€t von Emotion und sozialer Interaktion. Oder, in den Worten von Charles Bell: „Der Gedanke ist fĂŒr die Sprache das, was das GefĂŒhl fĂŒr den Gesichtsausdruck ist.“[3] Das Gesicht ist in unserer Kultur und fĂŒr unsere Erlebenswelt derart bedeutsam, dass wir daran erinnert werden mĂŒssen, welch außergewöhnliche Gabe es darstellt.

Diese Erkenntnis wird durch die Erfahrungen von Menschen unterstĂŒtzt, die ohne verĂ€nderlichen Gesichtsausdruck leben mĂŒssen. Bevor wir uns diesen zuwenden, stellt sich jedoch zuerst die Frage, was es bedeutet, Gesichtsbilder zu verlieren?

Als der in Birmingham lehrende Professor John Hull erfuhr, dass er sein Augenlicht völlig verlieren wĂŒrde, begann der damals vierzigjĂ€hrige Familienvater sich bewusst einzuprĂ€gen, wie seine Familie, Freunde und Kollegen aussahen, damit er sich nach der Erblindung an diese erinnern konnte. Im Wesentlichen sind wir unserer Gesicht. Obwohl Wittgensteins berĂŒhmter Satz anders lautet, „Der menschliche Körper ist das beste Bild der menschlichen Seele“[4], könnte er damit auch das menschliche Gesicht gemeint haben. Die Erinnerungen blieben bei Hull eine Zeitlang abrufbar, doch nach und nach verblassten die Bilder und damit auch sein GefĂŒhl, seine Frau und Kinder zu kennen. Er verlor auch die Erinnerung daran, wie er selbst aussah und vermerkte dies in seinem Tagebuch: „[
] die grauenhafte Vorstellung, gesichtslos zu sein, das eigene Aussehen zu vergessen, kein Gesicht zu haben. Das Gesicht ist das Spiegelbild des Ichs.“ (11. Januar 1984).[5] Er bekam Depressionen, nicht aufgrund der Erblindung an sich, sondern weil er die Gesichtsbilder seiner Familie und Freunde verlor. GlĂŒcklicherweise schĂ€rfte sich im Laufe der folgenden Jahre seine Wahrnehmung fĂŒr emotionale Botschaften in der Stimme und tatsĂ€chlich auch fĂŒr das SelbstgefĂŒhl, sodass die Stimme und deren Prosodie IdentitĂ€t und Emotion verkörpern. Allerdings beschrieb er die Trennung zwischen seiner optischen und einer auditiven Vorstellung von anderen Menschen als „eine schwarze Weite des Raumes“ und einen „tiefen, schwarzen Strom der Zeit“.[6]

Menschen, die unter dem sogenannten Möbius-Syndrom leiden – ein seltenes, angeborenes Syndrom –, sind nicht in der Lage, ihre Gesichtsmuskulatur zu bewegen. Mitunter ist es ihnen auch nicht möglich, die Augen zu schließen oder den Mund zu bewegen. Mitunter geht dies mit BlicklĂ€hmungen, einer BeeintrĂ€chtigung der Zungenbeweglichkeit, Schluckbeschwerden und weiteren EinschrĂ€nkungen einher. AnfĂ€nglich konzentrieren sich die Behandlungen auf die Nahrungsaufnahme – sie können nicht saugen – und Augenbeweglichkeit, spĂ€ter benötigen sie meist auch eine Sprechtherapie, Mundpflege und weitere Lernhilfen.

Der Großteil der Menschen mit Möbius-Syndrom entwickelt im Erwachsenenalter eine WiderstandsfĂ€higkeit und eine Freude am Leben. Allerdings hat die UnfĂ€higkeit zur Gesichtsmimik tief reichende Konsequenzen, die Einblicke in das liefern, was das Gesicht normalerweise alles tut, ohne dass wir uns dessen bewusst werden. Dazu die Kindheitserinnerungen einer Frau mit Möbius-Syndrom namens Celia:

„Ich ging nicht zum Ballett oder Reiten, bei mir waren es KrankenhĂ€user und Operationen. Ich ging zum Augenarzt und zum „Fußarzt“, zur Sprechtherapie und zum „Gesichtsarzt“. Meine EinschrĂ€nkungen waren Teil meines Lebens. Ich habe mich nie als Person empfunden, ich dachte, ich wĂ€re eine Sammlung aus Einzelteilen. Und all diese verschiedenen Ärzte mussten sich um die verschiedenen Teile kĂŒmmern. „Celia“ existierte nicht, das war der Name, dem die anderen einer Sammlung von Teilen gaben.“[7]

Sie berichtete weiter:

„Ich konnte keine Emotionen ausdrĂŒcken. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ĂŒberhaupt Emotionen im Sinne eines definierten Begriffes empfand. An meinen Geburtstagsfeiern war ich nicht aufgeregt. Ich glaube nicht, dass ich als Kind glĂŒcklich war oder ĂŒberhaupt eine Vorstellung von GlĂŒcklichsein besaß. Der Schmerz machte mich traurig [und] manchmal weinte ich auch, das kam dann aber eher einer verzögerten Reaktion gleich.“

Ein Mann in den FĂŒnfzigern mit Möbius-Syndrom erinnerte sich an Folgendes:

„[Als ich meine Frau kennenlernte], habe ich mich gefragt, sage ich mir eigentlich, daß ich sie liebe, oder fĂŒhle ich es? Am Anfang hab ich's mir wohl nur gesagt. Mir ist erst nach einiger Zeit klar geworden, daß ich diese Liebe wirklich empfand. [
] Ich glaube, ich sitze manchmal im Bewusstsein oder im SchĂ€del fest. Ich denke mich eher glĂŒcklich oder denke, ich bin traurig, aber ich fĂŒhle mich nicht glĂŒcklich oder traurig.“[8]

Ohne ein bewegliches, expressives Gesicht und die FĂ€higkeit, Emotionen auszudrĂŒcken und zu teilen, kann bei einigen Menschen das Empfinden von Emotionen selbst vermindert sein. Eine Voraussetzung fĂŒr das Erfahren ist, dass wir uns mit dem Körper und mit dem Gesicht ausdrĂŒcken können. Zwei Frauen, die im Kindesalter Ă€hnliche EinschrĂ€nkungen besaßen, berichten von dem wunderbaren Erlebnis, als junge Erwachsene die FĂ€higkeit erlernt zu haben, Emotionen aufzunehmen und zu verkörperlichen – zu vergesichtigen: Celia wurde Englischlehrerin in Spanien und lernte – in einer stark von Gesten bestimmten Kultur – sich mittels Prosodie und Körpergesten auszudrĂŒcken. Erstmals fĂŒhlte sie die Emotionen, die sie ausdrĂŒckte und verkörperte, tatsĂ€chlich in sich selbst. Die andere Frau unterrichtete in ihren Zwanzigern in einer Musikschule und beschrieb, wie sie wĂ€hrend Proben fĂŒr Opernvorstellungen erstmals die von der Musik ausgelösten Emotionen und die Emotionen in der Musik in sich selbst fĂŒhlte.[9] Man ist beinahe versucht, die Frage zu stellen, auf welche Weise wir emotionales Erleben in Bewegungen des Körpers und des Gesichts ĂŒbertragen. Wittgenstein war der Ansicht, dass wir diese nicht voneinander trennen sollten: 

„‚Man sieht GemĂŒtsbewegungen.‘ – Im Gegensatz wozu? – Man sieht nicht die Gesichtsverziehungen und schließt nun, er fĂŒhle Freude, Trauer, Langeweile. Man beschreibt sein Gesicht unmittelbar als traurig, glĂŒckstrahlend, gelangweilt, auch wenn man nicht im Stande ist, sonst irgend eine Beschreibung der GesichtszĂŒge zu geben. – Die Trauer ist im Gesicht personifiziert, möchte man sagen. Dies ist dem, was wir ‚GemĂŒtsbewegung‘ nennen, wesentlich.“[10]

Treffender wÀre wohl die Frage, wie Menschen mit Möbius-Syndrom die tief sitzenden Beziehungen zwischen Gesicht, Emotion und Ich durch andere KanÀle, durch Gesten, Sprache und Prosodie ersetzen.

Obwohl wir die Interaktionen zwischen Menschen betont haben, gibt es einen Bereich, in dem die Information nur in eine Richtung fließt, die Schöne Kunst: Das Modell wird vom KĂŒnstler portrĂ€tiert und der Beobachter interpretiert das Ergebnis – fĂŒr die meisten Menschen ist das sicherlich unproblematisch. Bei der Arbeit an einem Buch ĂŒber das Möbius-Syndrom bat ich meine Ko-Autorin Henrietta Spalding, die selbst mit diesem Syndrom lebt, wĂ€hrend einer Vorlesung fĂŒr Medizinstudenten fĂŒr ein PortrĂ€t Modell zu sitzen, einmal am Morgen und einmal am Nachmittag. Die Anwesenden waren der Ansicht, sie wĂŒrde auf dem ersten PortrĂ€t am Morgen nervöser aussehen, obwohl ihr – unbewegliches – Gesicht keinerlei GefĂŒhlsregungen widerspiegelte. Henrietta war darĂŒber verĂ€rgert.

„Das Auditorium konnte gar keine Emotionen oder körperlichen Regungen sehen. Das PortrĂ€t war allein der Interpretation des KĂŒnstlers und der Wahrnehmung der Studenten ausgesetzt. Wie hĂ€tten diese zutreffen können? FĂŒr einen Menschen mit Möbius ist es extrem wichtig, sein Ich so prĂ€zise wie möglich zu kommunizieren. Es ist beĂ€ngstigend, einer Interpretation [meines Gesichts] mit so vielen Möglichkeiten zur falschen Analyse ausgesetzt sein. Ich kann nicht mein bestes Gesicht aufsetzen. Ich kann das nicht kontrollieren. Jemand anders kann vielleicht sein schönstes oder ein sexy Gesicht aufsetzen. Ich kann das nicht. In der [sprachlichen] Kommunikation kann ich ein GesprĂ€ch kontrollieren, ich kann aber nichts in dem PortrĂ€t oder durch mein Gesicht kontrollieren.“[11]

Sie musste sich mit der Erkenntnis abfinden, dass Menschen ihr ausdruckloses Gesicht interpretierten. Denn wir tun dies nun einmal, wir sind dieses Gesicht; werden durch unser eigenes Gesicht definiert und blicken in die Gesichter von anderen. Das ist so tief in uns verankert, dass wir, um das zu bemerken, manchmal die UnterstĂŒtzung derjenigen benötigen, die ohne unsere ausdrucksfĂ€higen Gesichter leben – ob sie nun blind sind oder unter dem Möbius-Syndrom leiden.

Über den Autor:
Jonathan Cole ist Doktor der Medizin, Angehöriger des britischen Ärzteverbands Royal College of Physicians, Berater fĂŒr Klinische Neurophysiologie am Poole Hospital, UK, und Professor der Bournemouth University, UK. Sein neues Buch, "Losing Touch", erscheint im Juli 2016 bei Oxford University Press.

Deutsche Übersetzung: Bernd Weiß
Illustration: Jan Buchczik

Anmerkungen:
(1) Milan Kundera, Die Unsterblichkeit, aus dem Tschech. von Susanna Roth, MĂŒnchen u. Wien 1990, S. 47
(2) Maurice Merleau-Ponty, Le primat de la perception et ses consĂ©quences philosophiques, Vortrag vor der SociĂ©tĂ© française de Philosophie, 26. November 1946, hier zitiert nach: Jonathan Cole, Über das Gesicht: Naturgeschichte des Gesichts und unnatĂŒrliche Geschichte derer, die es verloren haben, aus dem Engl. von Ulrich Blumenbach, MĂŒnchen 1999, S. 5
(3) Charles Bell, Essays on the Anatomy and Physiology of Expression, London 1824.
(4) Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen: kritisch-genetische Edition, hrsg. von Joachim Schulte, Frankfurt am Main 2001, Teil II, IV, S. 1002.
(5) John M. Hull, Touching the Rock; an experience of blindness, New York 1990 [dt. Ausgabe: Im Dunkeln sehen: Erfahrungen eines Blinden, MĂŒnchen 1992, S. 71]
(6) Jonathan Cole, About Face, Cambridge (MA) 1998, S. 31, zitiert nach Hull 1992 (wie Anm. 5), [dt. Ausgabe: Über das Gesicht: Naturgeschichte des Gesichts und unnatĂŒrliche Geschichte derer, die es verloren haben, aus dem Engl. von Ulrich Blumenbach, MĂŒnchen 1999, S. 48]
(7) Jonathan Cole / Henrietta Spalding, The Invisible Smile, Oxford 2008.
(8) Cole 1998, (wie Anm. 6), [dt. Ausgabe S. 170 u. 176].
(9) Cole / Spalding 2008 (wie Anm. 7)
(10) Ludwig Wittgenstein, Bemerkungen ĂŒber die Philosophie der Psychologie: letzte Schriften ĂŒber die Philosophie der Psychologie, hrsg. von G. E. M. Anscombe, Frankfurt am Main 1984, II-570, S. 318
(11) Cole / Spalding 2008 (wie Anm. 7)