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Das brennende Geld

08.10.2016

4 min Lesezeit

Ende der 90er trĂ€umten junge Unternehmer von einer neuen Arbeitswelt im Internet, doch schon zur Jahrtausendwende platzte die Dotcom-Blase. Das TheaterstĂŒck „Cash Burn Circus“ wirft nun einen Blick zurĂŒck.

Es war ein großer Traum. Der Traum von einer ganz neuen Art, zu arbeiten. Keine starren Hierarchien, kein Oben, kein Unten. Die Arbeit sollte so sein wie das Netz: demokratisch, pluralistisch, herrschaftsfrei. Trotzdem wollte man Teil einer Elite sein, wollte Innovationen umsetzen. Jeder wollte damals der sein, der das nĂ€chste große Ding, von dem dann alle reden, erfindet. Es herrschte GoldgrĂ€berstimmung, am Ende der 1990er-Jahre, in den Zeiten der „New Economy“. Schon der Name signalisierte den Wunsch, etwas völlig Neues zu erschaffen. Doch dann, das neue Jahrtausend war gerade angebrochen, war der Traum auch schon wieder vorbei. Die Dotcom-Blase war geplatzt, das viele Geld der Venture-Capitalists verbrannt. Die, die sich gerade noch zur Speerspitze der Ökonomie zĂ€hlen durften, standen nun nicht selten als Arbeitslose da.

Aufstieg und Fall im Jahr 2000, Image via news.bbc.co.uk

Die Berliner Theaterregisseurin Heike Scharpff und ihr Team wollen einen Blick zurĂŒck auf die Zeiten der „New Economy“ werfen. „Cash Burn Circus“ nennen sie ihr StĂŒck, das eine „performative Zeitreise von der New Economy in die Zukunft“ werden soll. Am kommenden Donnerstag feiert es Premiere. Gezeigt wird es an einem ganz besonderen Ort: im Zukunftspavillon auf dem Goetheplatz, mitten zwischen den HochhĂ€usern der Frankfurter Bankenwelt, an einem Ort „mit ReibungsflĂ€che“, wie Regisseurin Heike Scharpff sagt. SpĂ€ter wird das StĂŒck auch am Ballhaus Ost in Berlin laufen.

Es ging nicht um das große Geld

Scharpffs Performance erzĂ€hlt von zwei Frauen, die rĂŒckblickend von ihrem Versuch, sich im World Wide Web als erfolgreiche Unternehmerinnen durchzusetzen, erzĂ€hlen. FĂŒr das StĂŒck haben die Regisseurin und ihre Mitstreiter einige Interviews mit Menschen, die damals in den boomenden Internet-Firmen gearbeitet haben, gefĂŒhrt. Andere Berichte aus dieser Zeit ergĂ€nzen ihre Recherchen. Die Dramaturgin Anne-Sylvie König hat daraus einen Text erarbeitet. „Uns hat die Frage interessiert, was die Leute an dieser neuen Arbeitswelt fasziniert hat, was sie angezogen hat“, erzĂ€hlt Heike Scharpff. „Den meisten ging es damals nicht darum, das dicke Geld zu machen, sondern sie wollten vorne dabei sein, sie wollten an der Spitze einer Entwicklung stehen.“

CASH BURN CIRCUS, Foto: Ulrich Wessollek

Es ging um das GemeinschaftsgefĂŒhl. Es ging darum, mit Mitte zwanzig das Wagnis einzugehen, ein eigenes Unternehmen zu grĂŒnden. Es ging darum, dass die eigene Firma zum Lebensmittelpunkt werden sollte. „Damals ist die Idee entstanden, dass Arbeit und Freizeit eins sind, dass es keine Trennung mehr dazwischen gibt“, sagt Heike Scharpff. Die GrĂŒnder und GrĂŒnderinnen der „New Economy“ legten so, auf der Suche nach Freiheit, auch einen Grundstein fĂŒr den Flexibilisierungsdruck in der heutigen, neoliberalen Arbeitswelt. Aus der Utopie wurde Zwang.

Diskurse anschieben

In ihrem StĂŒck will es Heike Scharpff aber nicht bei der Beschreibung des Status Quo belassen. „Cash Burn Circus“ will auch einen Ausblick in die Zukunft werfen, will die Frage stellen, wie aus dem Ist-Zustand etwas Besseres entstehen könnte. Am Ende soll das Publikum ĂŒber diese Frage miteinander ins GesprĂ€ch kommen. „Ich finde es wichtig, dass KĂŒnstler sich an aktuellen gesellschaftlichen Debatten beteiligen“, sagt Heike Scharpff. Es ist ihr ein Anliegen, mit ihren StĂŒcken Diskurse anzuschieben, zum Nachdenken anzuregen.

Heike Scharpff, Foto: Alexander JĂŒrgs

Zum Theater ist sie als Quereinsteigerin gekommen. Scharpff hat eigentlich Psychologie studiert. WĂ€hrend sie in Berlin ein Praktikum absolvierte, besuchte sie eine Inszenierung von Frank Castorf an der VolksbĂŒhne am Rosa-Luxemburg-Platz – und war sofort hin und weg. „Da hat mich die Begeisterung gepackt“, erzĂ€hlt sie. ZurĂŒck in Marburg, wo sie studierte, engagiert sie sich in der freien Szene, wird MitgrĂŒnderin des Theaterhauses Waggonhalle. Am Staatstheater Darmstadt arbeitet sie spĂ€ter als Regieassistentin. Als freie Regisseurin inszeniert sie bald am Frankfurter TAT, am Mousonturm, am Theater Oberhausen, am Theater Rampe Stuttgart. „Cash Burn Circus“ ist fĂŒr Heike Scharpff nun auch eine RĂŒckkehr. Bis zu ihrem Umzug nach Berlin im Jahr 2010 hat die Regisseurin in Frankfurt gelebt. „Mit der Theaterszene der Stadt bin ich noch immer sehr verbunden“, sagt sie.

CASH BURN CIRCUS, Foto: Ulrich Wessollek