29. November 2018

Ein Elefant als engster Freund, ein Vogelschwarm als wilde Bestie, das Großwild als Symbol der Macht. Vier Film-Highlights zur komplexen Beziehung zwischen Mensch und Tier.

Von Katharina Cichosch und Daniel Urban

Die Filmgeschichte ist voller Erzählungen, in denen sich Mensch und Tier einander annähern: Von Flipper, Lassie und Fury bis zum Bernhardiner Beethoven, dem Orka Willy und dem „Schweinchen namens Babe“ reicht die Riege an mehr oder weniger typischen Tieren, die dem Menschen ein treuerer, mutigerer, einfach besserer Freund sind, als es den Filmen nach jeder Artgenosse offenbar jemals sein könnte. Es ist nicht schwer, diese Tierliebe, die Kritiker gerade nicht für eine solche halten, als Kitsch abzutun oder sich darüber lustig zu machen. Deutlich interessanter aber wird es, sich auf die menschlichen Bedürfnisse und Wünsche, welche die Projektionsfolie Tier eröffnet, einzulassen. Neben dem Wunsch nach inniger Freundschaft kann hier natürlich auch die Nutzung des tierischen Gegenübers stehen – oder die blanke Furcht vor der fremden Bestie, wie sie schon 1933 mit „King-Kong“ festgehalten wurde. Wir stellen vier Filme vor, die sich an der Mensch-Tier-Beziehung auf anderem Wege abarbeiten.

1. „One Lucky Elephant“ von Lisa Leeman (2011)

Was tun mit einem Zirkuselefanten, dem plötzlich jegliche Lebensfreude verloren gegangen scheint? Lisa Leemans Dokumentarfilm begleitet den Dompteur und Elefantentrainer David auf der Suche nach einem geeigneten Platz für die Elefantendame Flora. Sie, die als Wildfang zu David kam und Abend für Abend in der Manege stand, solle sich nicht als Hund oder Tochter fühlen, sagt der, sondern endlich wie ein Elefant. Doch das ist nicht so leicht, denn Flora hat in all den Jahren nicht gelernt, sich wie einer zu verhalten. 

„One Lucky Elephant” ist eine griechische Tragödie der Mensch-Tier-Beziehung, in der sich Freundschaft und Nutzverhältnis offenbar nicht ausschließen. Und sie wirft Fragen auf, die weit über das hinausgehen, was im Ja/Nein-Schema leichtfertig zu beantworten wäre. Es fällt schwer, dieses unauflösbare Szenario wenige Minuten auszuhalten, unter dem alle Betroffenen leiden: Flora, das Wildtier, das nun nicht weiter im Zirkusbetrieb leben kann, aber noch weniger mit ihren Artgenossen. Und ihr Besitzer, Trainer, auch Freund, dem mit jeder Absage dämmert, in welches Dilemma seine vor vielen Jahren getroffene Entscheidung beide nun manövriert hat. Wie kann aus etwas, nimmt man diese Prämisse einmal an, so Falschem trotzdem etwas Wahres entstehen? „I love Flora,“ konstatiert David, und fügt ohne Zweifel hinzu: „And Flora loves me.“

I love Flora and Flora loves me.

David Balding

David Balding und Flora © OWN Documentaries, Image via media.npr.org

2. „Wendy and Lucy“ von Kelly Reichardt (2008)

Einer der titelgebenden Hauptcharaktere glänzt in Kelly Reichardts zweitem Spielfilm vor allen Dingen durch eins: Abwesenheit. Konkret meint dies den Retriever-Mischling Lucy, treuer Companion der jungen, obdachlosen Wendy (Michelle Williams), die sich mit ihrem wenigen Hab und Gut im Auto auf nach Alaska macht. „I hear they need people up there“, so erklärt Wendy einigen Hobos nachts am Lagefeuer am Rande einer Kleinstadt irgendwo in Oregon. Als die junge Frau am nächsten Tag beim Klau von Hundefutter im örtlichen Supermarkt erwischt wird, verlängert sich der Aufenthalt in der Kleinstadt ungewollt: Nachdem Wendy einige Stunden auf der Polizeistation verbringen muss, ist ihr Hund anschließend verschwunden. 

Mit einem Mal beginnt die Existenz der jungen Wendy plötzlich in seine fragilen Einzelteile zu zerfallen, die erdrückende wirtschaftliche Notlage bricht sich mit unbeirrbarer Kraft Bahn und mit dem Verschwinden des treuen Hundes Lucy scheint dann auch der letzte Trost für die junge Frau, die plötzlich auf die Hilfe anderer angewiesen ist, der Garaus gemacht. Kelly Reichardt inszeniert die Beziehung zwischen einem Menschen und seinem Haustier unaufgeregt, nahezu beiläufig, doch gerade aus dieser Beiläufigkeit heraus erweist sich jene als existenziell.

Wendy and Lucy, Image via memento-films.com

3. „Die Vögel“ von Alfred Hitchcock (1963)

Ob der Horrorfilm-Klassiker mehr bietet, als für die Entstehungszeit gelungene Spezialeffekte und einen wohlig-gruseligen Schauer, darüber war sich die Kritik damals schon nicht einig. So fiel „Die Vögel“ für die einen deutlich hinter vorangegangene Thriller von Alfred Hitchcock zurück; andere, wie das Lexikon des Internationalen Films, beschrieben „eine hintergründige Vision von Weltuntergangsstimmung“. Angelehnt an die gleichnamige Novelle der englischen Autorin Daphne du Maurier überziehen in dem Horror-Film Vogelschwärme eine amerikanische Kleinstadt mit tödlichen Angriffen, deren Hintergrund nie eindeutig geklärt wird. 

Die Attacken der Flugtiere laden bis heute zur munteren Interpretation ein: Die Rache der ausgebeuteten Natur am Menschen, der Einbruch einer chaotischen, ausgeblendeten Wirklichkeit hinein in die geordnete Realität des Menschen oder aber der gewaltvolle Ausbruch einer repressiven Sexualmoral? Letztgenannte Theorie bekam in den letzten Jahren einen bitteren Beigeschmack, als Vorwürfe der Hauptdarstellerin Tippi Hedren gegenüber Alfred Hitchcock laut wurden, dieser habe sie wiederholt sexuell belästigt und aufgrund ihrer vehementen Abwehr in den folgenden Jahren ihre Karriere zerstört.

[...] eine hintergründige Vision von Weltuntergangsstimmung.

Lexikon des Internationalen Films
Alfred Hitchcock, Foto: AFP
4. „Safari“ von Ulrich Seidl (2016)

Irgendetwas muss die Alpenrepublik an sich haben, das ihre Künstler und Kulturschaffenden zu den ätzendsten und deshalb natürlich auch besten Gesellschaftschronisten der jeweiligen deutschsprachigen Gegenwart machte: Der unvergleichliche Kabarettist, Komponist und Satiriker Georg Kreisler, der Cartoonist Manfred Deix. Und eben auch: Ulrich Seidl. Nur scheinbar dokumentarisch-nüchtern nähert der sich den Leiden und Passionen seiner Zeitgenossen. In „Safari“ bringt Seidl nun die namengebende Großwildjagd österreichischer und deutscher Touristen in Afrika ins Bild: Ältere Mittelständler und junge Gutsituierte, die neben erschossenen Zebras in der Steppe posieren und riesige Giraffen für den Transport auf einem Pick-Up zusammenfalten.

Paare, die über die Muskulatur ihrer Beutetiere fachsimpeln, während im Gegenschnitt das einheimische Personal den Boden wischt. Seidl ordnet Mann und Frau gern symmetrisch unterm Geweih oder Schädel sitzend an, wo sie ihre Faszination für die Großwildjagd gar nicht immer unsympathisch zum Besten geben. Das dokumentarische Format kann seinen gewohnt zynischen Blick nur schwerlich verbergen. Als ausgesprochener Formalist etabliert der Filmemacher hier wieder eindrucksvoll eine Tristesse-Ästhetik, die in all ihrer grausigen Grässlichkeit ihre gleichsame Faszination für all das gar nicht verbergen kann und will.

Safari von Ulrich Seidl, Image via www.ulrichseidl.com