25. September 2016

Termine, Besprechungen, Deadlines – Zeitpläne strukturieren den Tag. Beim Blick auf die Kalender der Wiener Secessionisten schleicht sich hingegen die Kunst in den Alltag.

Von Daniel Urban

Fragt man einen Programmierer, wie man am besten einen Kalender in eine Web-Anwendung einbindet, wird dieser vermutlich die Hände über den Kopf zusammen schlagen. Denn dafür sind neben den Tagesdaten unter Berücksichtigung der Schaltjahre auch die verschiedenen Zeitzonen zu beachten. Um sicher zu gehen, wann wo ein Tag beginnt und endet, gilt es dabei absurde Begebenheiten wie beispielsweise unterschiedliche Zeitzonen auf gleichen Längen- und Breitengraden zu beachten. Nepal etwa rechnet, um sich vom großen Nachbarn Indien abzugrenzen, im eigenen Land einfach 15 Minuten Zeit hinzu.

Ditha Moser, Kalenderblatt, Titelseite, 1908

Noch komplizierter wird es, wenn der Kalender proleptisch, also in die Vergangenheit hinein, funktionieren soll: hier gibt es zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Kalendersysteme. Im Frankreich der Post-Revolutionsphase beispielsweise wurde für gut 13 Jahre der gregorianische Kalender ausgesetzt, zugunsten des eigenen Französischen Revolutionskalenders, dessen Woche jeweils zehn anstatt der üblichen sieben Tage umfasste. In Anbetracht dieser Tatsachen ist es bei weitem entspannter, man überlässt die Zeit-Erfassung besser Anderen und widmet sich lieber der Organisation der eigenen Zeit mit Hilfe eines bereits fertigen Produkts: des Kalenders.

Kalendersysteme

Während man heutzutage dafür meist das Smartphone zückt, vielleicht auch das Moleskine bemüht oder gar noch den Wandkalender mit mehr oder weniger geschmackvollen Nachdrucken benützt, spielt der Kalender als Produkt eigentlich keine große Rolle mehr. Dass dies auch anders geht, zeigen uns einmal mehr die Wiener Secessionisten: Die Künstlervereinigung veröffentlichte von 1901 bis 1903 in der jeweils ersten Ausgabe ihrer Hauszeitschrift Ver Sacrum komplette Jahreskalender, quasi als Heft im Heft. Die Gestaltung ist unterschiedlich: mal ein Werk pro Monat, mal zwei – jedoch bekommt jeder Monat immer eine Doppelseite zugestanden. In den Ausgaben von 1901 und 1902 werden unterschiedliche Techniken genutzt, in jener von 1903 der Farbholzschnitt. Diverse Künstler der Wiener Secession steuern Arbeiten bei: Gustav Klimt, Ferdinand Andri, Friedrich König, Emil Orlik, Koloman Moser, Joseph Maria Auchentaller – die Liste ließe sich fortführen.

Ditha Moser, Kalenderblatt Juli, 1908
Ditha Moser, Kalenderblatt, 1911

Schon in den ersten beiden Jahreskalendern kommt die kalendarische Darstellung für heutige Verhältnisse nicht allzu ordinär daher: neben den gregorianischen Kalendertagen sind die katholischen und protestantischen Namenstage notiert, in den danebenliegenden Spalten die Daten mit den griechischen/attischen und jüdischen resp. israelitischen Kalendersystem aufgelistet. Die Kalenderbeilage des 1. Heftes des Jahres 1903 verzichtet auf solche vielleicht praktischen aber auch verwirrenden Angaben und präsentiert neben den Farbholzschnitten nur noch die von Alfred Roller aufwendig gestalteten Tageszahlen der jeweiligen Monate incl. der Mondphasen, die die Kunstfertigkeit stärker in den Fokus stellt und sich somit schon etwas vom pragmatischen Alltagsgebrauch entfernt. Die Werke der Künstler zeigen jahrestypische Landschafts- oder entsprechende Stimmungsbilder.

Entkoppelung vom klassischen Kalender

Im Jahr 1903 kreiert Koloman Moser für Carl Frommes Kalender-Verlag einen Jungendstil Kalender und auch andere Künstler begeistern sich für das Format. So veröffentlicht auch Carl Otto Czechska einen Kalender, der sich ästhetisch stark am Jugendstil orientiert, Mosers Ehefrau Editha „Ditha“ Moser erschafft neben aufwendig gestalteten Tarot- und Whist-Kartensets auch mehrere Kalender. Während die Ausgabe des Jahres 1908 kirchliche Motive in naiv anmutender Form verarbeitet, stellt die Künstlerin in späteren Kalendern griechische und germanische Götter in schwarz-gold-weiß gehaltenen Drucken dar – die kalendarischen Daten sind noch vorhanden, scheinen hier jedoch immer mehr Design-Element denn Gebrauchsgegenstand zu sein.

Carl Otto Czeschkia, Kalender, 1904
Ditha Moser, Titelblatt Kalender, 1910

Auf die Spitze treibt dies der österreichische Maler und Grafiker Franz von Zülow. In seinen Monatsheften, die er von 1909 bis 1915 herausgibt, führt er die komplette Entkoppelung vom klassischen Kalender folgerichtig zu Ende: entledigt von schnöden Kalenderdaten prangt nur noch der jeweilige Monat mitsamt Jahr auf dem Cover des Leporellos. Die folgenden Faltblätter zeichnet von Zülow zuerst von Hand vollständig selbst, später werden sie im von ihm entwickelten Papierschnittdruck hergestellt und finden als Abnehmer illustre Persönlichkeiten wie Gustav Klimt und Egon Schiele. Sie verblüffen in ihrer üppigen Gestaltungswut, zeigen bunte, witzige Darstellungen vom Land- und Bauerleben.

Alle Kalendarien wirken wie der kecke Versuch der Kunst in das Alltagsleben einzudringen und einen ganz pragmatischen Mehrwert anzubieten. Betrachtet man die Entwicklung der Publikationen von den Ver Sacrum-Kalenderheften bis zu von Zülows Monatsheften, entledigen sich diese immer mehr dem Alltagsgebrauch und schaffen es so vielleicht gar, den einen oder anderen Nutzer für Kunst denn für Zeitplanung zu begeistern. Die Kalenderblätter führen ihren eigenen Zweck so gewissermaßen ad absurdum, da sie ihrer Erscheinungsform nach weit über den für sie angedachten Zeitraum hinausschielen. Ob die diversen Kalender dem einzelnen Betrachter nun auch heute noch gefallen oder nicht: das ist allemal mehr, als die aktuelle Kalenderlandschaft von sich behaupten kann.

Franz von Zülow, Kalender 1910, Heft Februar