23. März 2018

Wie fühlt es sich an, ganz allein durch eine menschenleere Stadt zu laufen? In "Unsettled Matter" streift Holly Zausner durch ein gespenstisch leer gefegtes New York City.

Von Daniel Urban

1987 ging der deutsche Dramatiker Heiner Müller hart mit New York City ins Gericht. Im Vorwort zu Arno Fischers Fotoband „New York Ansichten“ war zu lesen: „New York ein Gebilde, das aus seiner eigenen Explosion besteht, UNSTET UND FLÜCHTIG im Sinn der biblischen Verfluchung […] Eine Stadt der Einsamkeit: nirgendwo hört man so viele Menschen mit sich selber reden wie in den Straßenschluchten von New York. […] Bevor man stirbt, sollte man New York gesehen haben, einen der großen Irrtürmer der Menschheit.“ 

Der Fotoband selbst zeigt dann sehr wohl die Stadt, allen voran aber das, was sie in den Augen der meisten sicher ausmacht: die Bewohner; deren Misere, Vereinzelung und gesellschaftliche Trennung Müller im Vorwort anprangert. Doch was verrät uns eine Stadt unabhängig von seinen Bewohnern über sich? Können wir sie nie menschenleer erleben?

Am seidenen Faden

Die gebürtige US-Amerikanerin und Künstlerin Holly Zausner kann dem Problem beikommen: In „Unsettled Matter“ (2015) vollbringt sie ein filmisches Wunder und zeigt ein von Menschen befreites New York City. Der Filmloop beginnt im Atelier; an Sicherungsseilen hängend arbeitet die Künstlerin an einer großformatigen Fotocollage auf einem Tisch unter ihr. Etwas unsicher gleitet Zausner wie im gravitationslosen Raum oberhalb ihrer Arbeit, bis sich plötzlich die Sicherung der Seile löst und sie auf den Tisch stürzt – die kleinteilige Arbeit mit Hunderten von Fotos ist zerstört und der leblose Körper baumelt über dem kaputten Tisch.

Eine Stadt der Einsamkeit: nirgendwo hört man so viele Menschen mit sich selber reden wie in den Straßenschluchten von New York.

Heiner Müller, 1987
Holly Zausner, Unsettled Matter, 2015, Video still, © the artist

Die darauf folgende Szene ist die einzige in „Unsettled Matter“, die uns die Metropole in gewohnter Manier zeigt: Holly Zausner steht reglos am Time Square, die Menschenmassen wuseln im Zeitraffer um sie herum. Der im Anschluss eingeblendete Titel kommt einer Zäsur gleich, die Künstlerin ist von nun an komplett allein in die Stadt. Sie wandert steten Schrittes über den leeren Broadway, durch Chinatown, Wall Street, das MoMa und die Grand Central Station. Gekleidet in einen dunklen Trenchcoat mit Sonnenbrille läuft sie, unklar ob zielgerichtet oder gehetzt, hält nur kurz in einer Bar, dem Museum, einem Kino – in dem Antonionis Klassiker über die Isolation des modernen Individuums, „L’Avventura“, läuft – oder einem Buchladen inne.

Eine gespenstische, fast bedrohliche Atmosphäre

Die Abwesenheit jeglicher Bewohner verleiht „Unsettled Matter“ eine befremdliche Atmosphäre, die Ungutes zu verheißen scheint. Menschenleere Straßen sind wohlbekannt aus amerikanischen Film Noirs – auf die Zausner auch durch ihre Kleidung zu rekurrieren scheint –, wie beispielweise John Hustons „Asphalt Jungle“, in dem Gauner und Taugenichtse in ausgestorbenen Städten ihr Unwesen treiben. Jene Szenen spielen sich aber genregemäß nachts und nicht am helllichten Tag ab. Das Fehlen der Bevölkerung, die Existenz und Sinnhaftigkeit von Städten überhaupt erst begründen, gibt den Blick frei auf die Metropole selbst, die nun abwechselnd gespenstisch, melancholisch und bedrohlich wirkt.

In "Unsettled Matter" wird die Stadt der ultimative Körper, mit seinen Blutbahnen aus Subway-Linien und Straßennetzen, die Häuser gleich unzähligen Gewebezellen.

Bereits in früheren Werken wie „Unseen“ (2007) zeigte Holly Zausner leere Straßen und Bahnhöfe: Dort trug die Künstlerin eine unförmige Puppe quer durch Einkaufspassagen, Museen und historische Plätze Berlins; der Fokus jedoch klar auf die eigene Körperlichkeit im Angesicht der kulturellen Schöpfungen der Menschheit gesetzt. In „Unsettled Matter“ ist davon keine Spur mehr, oder aber: hier wird die Stadt der ultimative Körper, mit seinen Blutbahnen aus Subway-Linien und Straßennetzen, die Häuser gleich unzähligen Gewebezellen.

Die Stadt lebt, ob mit oder ohne Mensch

Der Körper der Künstlerin selbst hingegen hängt ungelenk, bald leblos in Seilen oder ist später gar völlig im Schwinden begriffen. Die letzten Aufnahmen zeigen den Springbrunnen am Washington Square Park, immer näher fokussiert die Kamera das empor schießende Wasser, dessen tröstendes Blau sich in den unterbelichteten Aufnahmen alsbald in ein bedrohliches Schwarz, gleich einem Elixier, zu verwandeln scheint: Die Stadt lebt, ob mit oder ohne Mensch, unstet und flüchtig, wie Heiner Müller formulierte.

Als Lieblingsfilm für den zweiten Teil des Abends hat sich Holly Zausner für „La Jetée“ („Am Rande des Rollfelds“) des französischen Künstlers Chris Marker aus dem Jahr 1962 entschieden. Den „düsteren Zeitreisenklassiker“, wie ihn die NZZ einmal treffend beschrieb, bezeichnete Marker selbst als einen „Photo-Roman“. In der Tat besteht der Film bis auf eine Ausnahme ausschließlich aus Standbildern, unterdessen kommt aus dem dem Off die Erzählerstimme. Alfred Hitchcocks Film-Klassiker „Vertigo“ inspirierte Marker zu der Arbeit, der einen Großteil der Bilder für „La Jetée“ an einem freien Tag während der Dreharbeiten zu seinem Film „Le Joli“ schoss – die inhaltgebende Narration entwickelte der Regisseur jedoch erst beim Schnitt.

Ein düsterer Zeitreisenklassiker

Wie in „Vertigo“ ist auch hier der Protagonist (Davos Hanich) nahezu besessen von einer Frau, die er als Kind am Pariser Flughafen Orly gesehen hatte. Die Gegenwart ist indes deutlich trostloser: Der dritte Weltkrieg hat die Erdoberfläche unbewohnbar gemacht, in Katakomben unterhalb Paris hausen die Überlebenden. Der Mann, der dort gefangen gehalten wird, leidet unter stetig wiederkehrenden Flashbacks der vergangenen Begegnung und wird im weiteren Verlauf von Wissenschaftlern für Zeitreisen-Experimente missbraucht. Jene Reisen in Zukunft wie Vergangenheit bringen ihn schließlich seiner eigenen Obsession auf die Spur.

Davos Hanich in La jetée, Image via mubi.com

„La Jetée“ schrieb Filmgeschichte, wenngleich das Werk dem größeren Publikum erst in den 1990er Jahren bekannt wurde, nachdem sich die Drehbuchautoren von Terry Gilliams Science-Fiction-Apokalypse „12 Monkeys“ stark auf Markers Arbeit bezogen hatten. Dem gespenstischen Gefühl, das Holly Zausner in „Unsettled Matter“ hervorruft, ist hier eine trostlose Realität gewichen: Städte sind längst ins Schutt und Asche begraben und nur noch in der eigenen Erinnerung zu erleben, die allein der Menschheit geblieben ist. Die Erinnerung jedoch führt ihrerseits nur ins Verderben, ganz so, wie auch Zausner bei der Arbeit mit Fotos, Momentaufnahmen der Vergangenheit, aus den Sicherungsseilen fällt, die Bilder unter sich begräbt und leblos in den Seilen hängt.