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André Ostier, Leonor Fini in ihrem Kostüm für den „Bal du Panache“, 1947

Eine unerwartete Seite ihres Schaffens zeigt Leonor Fini in Werken, in denen sie mit dem Farbauftrag und der Materialität der Farben experimentiert. Hier löst sie sich nicht nur vom genauen Pinselstrich ihrer „altmeisterlichen“ Malweise, sondern auch von der konkreten Form.

Zwischen Abstraktion und konkreten Bildelementen changiert „Die scharlachrote Erde“. Die satten Rot- und Purpurtöne lassen an eine Unterweltszenerie denken, möglicherweise das unterirdische Erdreich oder ein Schnitt durch Sedimentschichten. Vereinzelt meint man Formen von Würmern oder Kriechtieren zu erkennen. Schemenhaft erscheinen die Umrisse vegetabiler Körper am oberen Bildrand. Handelt es sich um Pflanzen oder Naturgeister? Die Motive sind zu unkonkret, um sie bestimmen zu können. Noch stärker in Richtung Abstraktion bewegt Fini sich mit dem Werk „Abendschimäre“, das in seinen unruhigen roten Farbflächen vor dunkelblauem Hintergrund kaum erkennbare Formen zeigt, sondern vielmehr einem Rorschach-Bild gleicht: Uns Betrachtenden bleibt es überlassen, den Formen bestimmte Bedeutungen zuzuordnen. Für Fini selbst steht hier sicherlich das Experimentieren mit Farbauftrag und Malschichten im Vordergrund. Durch ihren Austausch mit der surrealistischen Kunstszene und ihre Freundschaft mit Max Ernst kennt sie Techniken wie die Dekalkomanie oder die Grattage und setzt diese selbst ein.

Die scharlachrote Erde, 1961
Abendschimäre, 1961

Zwischen Zufall und Transformation

In giftigem Rauch und in apokalyptischer Atmosphäre findet eine Verwandlung statt.

Zweideutige Verwandlungen, 1953

Ein Ringen um Existenz, ein Tanz zwischen Leben und Tod, Verwesung und Neuentstehung. Drei überlängte Gestalten füllen den Bildraum aus. Ihre Körper erscheinen zunächst menschlich, bei genauem Hinsehen stellt man jedoch fest, dass manche Gliedmaßen fehlen, andere durch tierische oder maschinelle Elemente ersetzt wurden. Das Wechseln von Zuständen, die Verwandlung und das Uneindeutige greift Fini hier erneut auf und benennt das Werk entsprechend „Zweideutige Verwandlungen“. Hinzu kommt ein komplexer Farbauftrag, der zahlreiche dünne Schichten mit dick-pastosen Partien kombiniert und so dem Werk eine mineralische Anmutung verleiht. In Verbindung mit der Farbwahl aus Tönen im Spektrum von Grau-Beige bis hin zu Schwefelgelb und Orange lassen sich alchemistische Experimente und Hexerei assoziieren.

Abgründiges, Hässliches, Unheimliches

Frauenfiguren jenseits von Begehren und Idealisierung: Leonor Fini verleiht ihnen abgründige Macht und Düsternis. In ihren Werken scheint der Tod kein Schreckbild zu sein, sondern ein mächtiger Verbündeter.

Elegant und mit zielgerichtetem Blick tritt uns „Der Engel der Anatomie“ entgegen. Es handelt sich um eine schlanke und von der Haut befreite Figur, deren rotes Fleisch und helle Knochen vor dem düsteren Hintergrund leuchtend in Erscheinung treten.
Die Anatomie des menschlichen Körpers übt auf Fini eine große Faszination aus. Bereits in ihrer Jugend besucht sie das Leichenhaus in Turin und sieht beim Präparieren der Toten zu, was sich in dem Gemälde „Der Engel der Anatomie“ niederschlägt. Gleichzeitig steht das Werk mit seinen düsteren Farben und dem undefinierten Hintergrund in altmeisterlicher Maltradition, die auch in der dramatischen Inszenierung mit dem drapierten Umhang und den ausgebreiteten Flügeln sichtbar wird. So lässt es an barocke Darstellungen von Caravaggio mit starkem Hell-Dunkel-Kontrast denken, oder auch an Martyrienszenen wie die des heiligen Bartholomäus, der gehäutet wurde.
In vielen Werken kommt Finis Vorliebe für düstere und abgründige Themen zum Ausdruck. Das androgyne Skelettwesen könnte aber auch ein weiteres Selbstporträt sein. Das Gesicht wirkt jung und zeitlos und die theatralische Haltung passt zu ihren sonstigen Selbstinszenierungen.

Skelette oder Totenschädel tauchen häufig in Finis Werken auf. Auch das Motiv des Totentanzes greift sie auf. Der Gedanke, dass alles vergänglich ist und dass es im Tod keinen Unterschied macht, ob man zu Lebzeiten arm oder reich war, klingt in dem von ihr gestalteten vierteiligen Paravent an.

Paravent / Metamorphose / Vier Skelette, 1974

Vier prächtig gekleidete Skelette zieren jeweils ein Paneel des Raumteilers. Fini verarbeitet hier den bis in die Antike zurückreichenden Gedanken des „Memento Mori“: Dabei geht es darum, sich bewusst zu werden, dass man sterblich ist. Die Anordnung der Skelette erinnert zudem an das Motiv des Totentanzes, bei dem der personifizierte Tod in einem Reigen Menschen symbolisch aus dem Leben führt. Finis Vorliebe für aufwendige Kostüme trifft hier auf eine ironische Darstellung prächtig gekleideter Damen, die in Wirklichkeit wandelnde Skelette sind.

Michael Wolgemut, Tanz der Gerippe, coloriert, 1493

Der Holzschneider und Lehrmeister Albrecht Dürers, Michael Wolgemut, zeigt für die 1493 in Nürnberg entstandene Weltchronik einen Totentanz: Mehrere Gerippe tanzen gemeinsam und symbolisieren den Tod und die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens. Der Tod fungiert als gleichmachende Instanz, die Standesunterschiede aufhebt und daran erinnert, dass irdische Reichtümer nicht von Bedeutung sind. Insbesondere nördlich der Alpen waren Totentanzdarstellungen seit dem 15. Jahrhundert weit verbreitet.

Rätselhaft, mächtig oder nachdenklich. Leonor Finis hybride Geschöpfe entziehen sich eindeutigen Interpretationen und bleiben mysteriös.

Morbide und geheimnisvoll wirken die Gemälde „Sphinx-Königin“ und „Die Nachdenkliche“. Das eine Werk zeigt eine der zahlreichen Sphingen Finis, die in einer düsteren Landschaft verschwindet. Es bleibt unklar, ob die unheimliche Umgebung von Tod und Verwesung geprägt ist oder ob es sich um einen verzauberten Wald handelt. „Die Nachdenkliche“ zeigt eine gedankenverlorene geflügelte Figur, eine Nachfahrin der personifizierten Melancholie, die in der Spätrenaissance ein beliebtes Bildmotiv altmeisterlicher Gemälde war. Leonor Fini stellt sich aber auch in die Tradition der Schwarzen Romantik, die düstere, mysteriöse und abgründige Erzählungen stimmungsvoll in Szene setzt.

Sphinx-Königin, 1943
Die Nachdenkliche, 1954

Legacy

Die SCHIRN widmet Leonor Fini die erste große Ausstellung in Deutschland und eröffnet damit einen umfassenden Blick auf das faszinierende Œuvre dieser Künstlerin. Zwischen Renaissance, Symbolismus, schwarzer Romantik und altmeisterlicher Maltradition entwickelt Fini eine ganz eigene Bildsprache – voller Traum, Mythos und Fantasie. Ihre weiblichen Figuren widersetzen sich tradierten Rollenbildern: Sie sind nicht passiv, sondern selbstbestimmte Wesen, die beobachten, entscheiden und den Raum um sich herum beherrschen. Fini präsentiert somit eine Art Gegenwelt zu den bekannten Geschlechterbildern des Surrealismus, in denen Frauen häufig als Muse inszeniert oder auf die Rolle der Femme fatale reduziert werden.
Leonor Finis Kunst, aber auch ihr Hang zur Selbstinszenierung und die Weigerung, sich gesellschaftlichen Normen zu beugen, haben eine reiche Nachfolge in der Breite der westlichen Pop-Kultur hervorgebracht. Insbesondere Modedesigner lassen sich durch ihre fantastischen Bildwelten inspirieren. Eine Einladung, in ihre außergewöhnliche Welt einzutauchen.

Schiaparelli, Butterfly Spiral, The Agony and the Ecstasy, 2026

Die skulpturalen Entwürfe Elsa Schiaparellis knüpfen direkt an Finis surrealistische Bildsprache an. Die Künstlerin und die Designerin kannten sich persönlich, Fini illustrierte viele Entwürfe Schiaparellis und porträtierte auch ihre Tochter.

Lady Gaga, MTV Video Music Awards, 2010

Finis Faszination für empowerte Figuren und Körper spiegelt sich in den visuellen Inszenierungen von Künstler*innen wie Beyoncé, Lady Gaga oder Doja Cat wider, die sich selbst oft als mächtige, göttlichen Frauen inszenieren.

Alexander McQueen, Savage Beauty Preview im Metropolitan Museum of Art, 2011

Finis dramatische Inszenierungen und ihr Hang zu morbiden Themen finden ein Echo in Alexander McQueens Kreationen. Ähnlich wie Fini in ihren Maskierungen verarbeitet er Materialien tierischen Ursprungs, wie z. B. Federn und Geweihe, oder greift auf Elemente des Skeletts zurück.

Screenshot aus dem Musikvideo zu Madonnas Song „Bedtime Story“, 1995

Die Pop-Ikone ist eine der bekanntesten Sammlerinnen von Finis Werken. In ihrem legendären Musikvideo zu „Bedtime Story“ (1994) zitiert sie visuell und ästhetisch Finis Gemälde „Das Ende der Welt I“.

Swen Pförtner, Christopher Street Day in Göttingen, 2023

Fini malte Männer und Frauen oft unabhängig von den ihnen gesellschaftlich zugeschriebenen Rollen. Sie trug Männerkleidung und feierte das Androgyne – lange bevor Begriffe wie nicht-binär in der Gesellschaft verankert wurden.

Alan Strutt, Yasmin Le Bon, La Chimère collection, 1997

Thierry Muglers Modekreationen spielen mit dem Hybriden und lassen Frauen zu Mischwesen mutieren. Insbesondere in seinen Kreationen der 1990er-Jahre gibt es Elemente, die Frauen als Amazonen, Insekten, Roboter, Göttinnen oder Fantasiewesen erscheinen lassen.

Leonor Fini mit Katze, um 1970
Sonntagnachmittag, 1980

Fini war nicht nur eine begeisterte Katzenliebhaberin, sie besaß selbst auch zeitweise bis zu 15 verschiedene Exemplare dieser Tiere. Sie spendeten ihr Trost und durften sogar in ihrem Bett schlafen. Verpassen Sie auf keinen Fall das Werk „Sonntagnachmittag“ in der Ausstellung.

Tauchen Sie bis zum 21. Februar 2027 in die magische Welt von Leonor Fini ein und entdecken Sie in der SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT die erste große Retrospektive der visionären Künstlerin in Deutschland.