Das Digitorial zur Ausstellung

Eine Künstlerin ‒ viele Identitäten. Leonor Fini war in ihrem Schaffen wie auch in ihrem Privatleben eine Rebellin. 1907 in Buenos Aires geboren und in Triest aufgewachsen, entwickelte die Autodidaktin eindrucksvolle Darstellungen starker Frauen und androgyner Figuren und interpretierte dabei oft historische Vorbilder. Trotz ihrer Nähe zum Surrealismus wahrte Fini ihre Unabhängigkeit und entwickelte eine unverwechselbare Bildsprache. Traum, Mythos, Verwandlung und Tod prägen ihr Werk genauso wie der spielerische Umgang mit Masken und Kostümen. Zugleich eröffnen ihre Arbeiten einen unmittelbaren Zugang zu gegenwärtigen Diskursen rund um Emanzipation, Umkehrung der tradierten Geschlechterrollen und Machtverhältnisse. Die Ausstellung der SCHIRN erzählt mit Gemälden, Zeichnungen, Fotografien und Objekten aus rund 70 Jahren von Finis Schaffen die Geschichte einer der eigenwilligsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts.

Leonor Fini schuf zahlreiche Selbstporträts, in denen sie sich stets neu inszenierte und die verschiedenen Facetten ihrer expressiven Persönlichkeit zum Ausdruck brachte. Die Reflexion über ihre Rolle als Frau und Künstlerin bildet ein zentrales Motiv dieser Werke. Zudem verweisen diese Darstellungen auf die Wandelbarkeit menschlicher Identität, die sich nie vollständig offenbart oder eindeutig entschlüsseln lässt.

Selbstporträt mit Skorpion, 1938

Leonor Fini stellt sich als Halbfigur vor neutralem Hintergrund dar, den Blick auf die Betrachtenden gerichtet. Sie trägt eine modische Frisur und ein hochgeschlossenes Oberteil, dessen geschlitzte Ärmel an die Mode der Renaissance erinnern. Die kaskadenartige Drapierung weckt Assoziationen mit einer Rüstung oder dem Panzer eines Skorpions. Der Giftstachel eines solchen ragt aus dem Handschuh an ihrer linken Hand. Die Künstlerin inszeniert sich einerseits als kriegerische Amazone, andererseits als Femme fatale – als dämonische Verführerin, die den todbringenden Skorpion wie ein Schmuckstück in ihrer Hand trägt und sich dabei seine vielschichtige Symbolik aneignet: als Sinnbild für Tod und Zerstörung, aber auch als Symbol für ungezügelte Sexualität.

Selbstporträt mit großem Kragen, 1938

Im Dreiviertelprofil zeigt sich die Künstlerin mit geneigtem Kopf und kritischem, herausforderndem Blick. Auffällig sind ihre wilde Haarpracht sowie der ausladende Kragen mit gezackter Außenkante und tiefem Ausschnitt. Während der freigelegte, erotisch aufgeladene Hals Verletzlichkeit vermittelt, lässt die scharfe Kante des exzentrischen Kragens Stärke und Distanz erkennen. Fini inszeniert sich hier als Verführte und Verführerin zugleich.

Frau auf einem nackten Mann sitzend, 1942

Ein nackter Jüngling schläft in einer idyllischen Landschaft. Auf ihm, gleichsam wie auf einer Trophäe, thront nachdenklich eine der Künstlerin ähnelnde Frau. Im Gegensatz zu ihm ist sie bekleidet. Die Szene erinnert an die Bildtradition der liegenden und schlafenden Venus, wie sie sich insbesondere seit der Renaissance herausbildete: An die Stelle der ruhenden Venus tritt hier jedoch ein schlafender Eros. Fini kehrt die klassische Rollenverteilung von der Frau als erotisiertem Naturwesen und dem Mann als Kultur- und Vernunftmensch um. Die Frau verkörpert in diesem Werk Handlungsmacht, der Mann hingegen Passivität und Verletzlichkeit.

Im Turm (Selbstporträt mit Constantin Jelenski), 1952

Die Szene wirkt geheimnisvoll: Fini steht an einem lichtdurchfluteten Portal und blickt mit erhobener Hand zu dem ihr wie in Trance folgenden Schriftsteller Constantin Jelenski zurück. Seit 1952 waren die beiden ein Liebespaar und lebten zusammen mit dem surrealistischen Maler und italienischen Konsul Stanislao Lepri in einer Dreiecksbeziehung. Hier kehrt Fini erneut traditionelle Geschlechterrollen um und eignet sich die Darstellungsweise männlicher Künstler an, die ihre weiblichen Modelle häufig leicht oder unbekleidet malten. Vollständig bekleidet übernimmt sie die führende Rolle und weist dem weitgehend nackten und sehr jung wirkenden Jelenski den Weg.

Die Hirtin der Sphinxe, 1941

Eine amazonenhafte Hirtin steht inmitten einer Herde weiblicher Sphinxe in einer apokalyptisch anmutenden Wüstenlandschaft. Der knapp bemessene metallische Lendenschurz und das löwenhafte Haar prägen ihr Erscheinungsbild. Sie verkörpert weibliche Macht und eine zugleich erotische wie bedrohliche Sexualität. Die Sphingen liegen wie harmlose Weidetiere der Hirtin zu Füßen. Zwei von ihnen umarmen sich auf homoerotische Weise. Einen Kontrast dazu bilden die herumliegenden Fischgräten und Knochen – die Überreste ihrer letzten Mahlzeit. In der Bildtradition der Femme fatale erscheinen diese Fabelwesen zugleich verführerisch und bedrohlich.

Surrealismus und Finis Netzwerk