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André Ostier, Leonor Fini mit Löwenmaske, 1951

Aufhellung der Farbpalette und Anspielungen an die Ästhetik des Symbolismus – Ende der 1960er-Jahre entwickelt Leonor Fini eine unerwartete ästhetische Komponente und zeigt eine neue Seite in ihrem Schaffen. Dabei verbindet sie den nackten Körper mit Selbstermächtigung.

Der menschliche Körper als Ausdruck von Identität, Erotik und Macht ist ein Motiv, das sich kontinuierlich durch Leonor Finis Schaffen zieht. In der Art, wie sie die Körper inszeniert, ist die Künstlerin jedoch sehr wandelbar. Die Hauptfigur in „Die Angeprangerten“, eine nackte Frau, ist ohne ihre Kleidung nicht verletzlich, sondern erscheint mächtig und selbstbewusst. Während ihre zwei bekleideten Geschlechtsgenossinnen wie an einem Pranger stehen und in unterwürfigen Posen verharren, hat sie sich ihrer Fesseln entledigt. In der „Botanikstunde“ dominiert die nackte Figur das Geschehen, sie erscheint als Wissende und gibt ihre Kenntnisse an die deutlich schmächtigere und gefangen erscheinende Person rechts weiter.

Die Angeprangerten, 1984

Die Fesseln, auf die der Bildtitel verweist, werden von Fini eindeutig mit Kleidung und damit mit gesellschaftlichen Normen in Verbindung gebracht. Sie zwingen die bekleideten Personen in den Hintergrund und auf die Knie. Die Loslösung aus dieser Unterdrückung inszeniert Fini durch das Ablegen der Kleidung und das selbstbewusste Präsentieren des weiblichen Geschlechts. Dadurch erreicht die Hauptfigur die Befreiung von gesellschaftlichen Moralvorstellungen.

Die Botanikstunde, 1974

Es ist kein Zufall, dass die überdimensionierte Pflanze in ihren Formen dem weiblichen Geschlecht ähnelt. Dieses repräsentiert das in dieser Unterrichtsstunde weitergegebene Wissen. Die nackte, lehrende Figur erscheint androgyn, selbstbewusst und dominant gegenüber ihrer Schülerin. Diese wird durch ihre Kleidung eingeschränkt und buchstäblich in Zwängen gehalten. Gleichzeitig betont die einengende Kleidung ihre weiblichen Formen im Sinne eines männlichen Begehrens. Sie muss den Weg der Befreiung noch gehen.

Eine scheinbar idyllische Szene an einem Teich wird zum Spiel mit Doppelgängern und interpretiert einen antiken Mythos neu. Fini präsentiert den Betrachter*innen den männlichen Körper unverhüllt und in Perfektion.

Von makelloser Schönheit ist der nackte Jüngling, der den Betrachtenden unerschrocken entgegenblickt. Seine helle Haut unterstreicht das leuchtend feuerrote Haar, das wiederum einen Komplementärkontrast zu dem stillen Seerosenteich bildet, in dem der junge Mann seine Füße badet. Der Werktitel verrät, dass es sich bei ihm um die mythologische Figur des Narziss handelt, Fini bezeichnet ihn sogar als „unvergleichlich“. Der antiken Legende zufolge war dieser so sehr in sein Spiegelbild verliebt, dass er alles andere vergaß und über dieser Liebe zugrunde ging. Indem Finis Narziss aus dem Bild direkt die Betrachter*innen anschaut, werden sie in diese Selbstreflexion einbezogen. Neben Narziss steht eine weitere Person, von der nur die Beine sichtbar sind. Ihr Spiegelbild im Wasser enthüllt die Umrisse einer weiblichen Gestalt, möglicherweise die Nymphe Echo. Ihre Liebe zu Narziss blieb unerwidert und führte schließlich zu ihrer Selbstaufgabe, sodass ihr Körper allmählich verschwand und nur noch ihre Stimme übrigblieb.

Unvergleichlicher Narziss, 1971

Neben der für Fini typischen erotischen Komponente zeugt das Gemälde von ihrem breiten literarischen Wissen und ihrer umfassenden geisteswissenschaftlichen Bildung. Ganz im Sinne der Surrealisten verweist sie hier auf die Psychoanalyse Sigmund Freuds und Carl Gustav Jungs: Während der Narziss-Mythos Freud als literarische Folie diente, um die Selbstliebe als bedeutende Phase der menschlichen Entwicklung zu etablieren, sah Jung im Spiegelbild dagegen ein Symbol für die unbewusste Psyche, bei der das Verlieben in das eigene Bild die Gefahr des Verschlingens durch das unbewusste Selbst darstellt.

Psychoanalyse

Zwei junge Frauen träumen erschöpft in einem Nachtzug. Ihre leichte Kleidung lässt an eine schwüle Sommernacht denken. Die zarten, opulenten Formen dieser Szene und die Kleidung der Frauen erinnern an Art-déco-Motive der 1920er-Jahre.

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Inszenierte Identitäten

Eine Reihe von Finis Gemälden zeigt scheinbar intime Bühnenräume, die Verborgenes sichtbar machen. Finis Faszination für Maskeraden führt sie über die Malerei hinaus zu Theater, Oper, Ballett und Film. Sie entwickelt theatralisch geprägte Bildwelten, greift filmische Impulse auf und entwirft Masken und Kostüme.

Paris bleibt über sechs Jahrzehnte hinweg, von ihrer Ankunft 1931 bis zu ihrem Tod 1996, Leonor Finis Lebensmittelpunkt. In Paris geht Fini oft ins Kino, zu Premieren auf den Champs-Élysées, zu Klassikern in der Cinémathèque und in winzige, auf der Rive Gauche versteckte Kinos. Dank ihrer Filmleidenschaft und ihres guten Gedächtnisses kennt sie die Namen und Filmografien zahlreicher Schauspieler*innen auswendig. Erinnerungen an bestimmte Szenen und Kameraeinstellungen überführt sie bisweilen in ihre Gemälde.
So erinnern die Silhouetten hinter einem Vorhang in „Jenseits des Traums“ an eine Szene aus dem Stummfilm „Gier“ (1924) von Erich von Stroheim, einem österreichisch-amerikanischen Filmregisseur, Drehbuchautor und Schauspieler. Stroheim arbeitet mit starken Hell-Dunkel-Kontrasten. In einzelnen Szenen erscheinen Figuren nur als dunkle Konturen, während andere Bildbereiche vom Licht hervorgehoben werden. Diese Bildsprache greift Fini ebenfalls auf.

Jenseits des Traums, 1978

Rätselhaft und spannungsgeladen: Eine mit dem Rücken zu den Betrachtenden gewandte Figur blickt auf das Geschehen hinter einem Vorhang. Ihr künstlich aufgetürmtes Haar erinnert an die kunstvollen, repräsentativen Perücken des Barock. Die hinter dem Vorhang agierenden Figuren sind als Schatten auf der Stoffoberfläche sichtbar. Ihre expressiv übersteigerten Körperhaltungen erzeugen eine dynamische Spannung und rufen Assoziationen mit einem Tanz oder einem Kampf hervor.

Screenshot aus dem Stummfilm "Greed", 1924, Regie: Erich von Stroheim, abrufbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=Xp7JZjxkVGQ, letzter Zugriff am 15.09.2026.
Screenshot aus dem Stummfilm „Greed“, 1924, Regie: Erich von Stroheim

Eine der zentralen Figuren in „Gier“ ist Trina Sieppe (ZaSu Pitts), die eine erhebliche Summe im Lotto gewinnt und zunehmend der Geldgier verfällt. Auch die anderen Charaktere werden von Neid und Habgier bestimmt und zerstören sich gegenseitig. Stroheim schildert diesen Prozess mit psychologischer Genauigkeit. Die Nebenhandlung um den Schrotthändler Zerkow (Cesare Gravina) und die von ihm ermordete Maria Macapa (Dale Fuller) gehört zu den gestrichenen Teilen der ursprünglich längeren Fassung. 1999 wurden sie anhand von erhaltenen Produktionsfotografien rekonstruiert. Das Foto zeigt den Moment, in dem Trina hinter einem Vorhang Marias Leichnam entdeckt.

Rasch, Rasch, Rasch, meine Puppen warten, 1975

Ein Mädchen, das von einer knienden Frau eingekleidet wird, blickt durch ein Fenster auf fünf nackte oder nur teilweise bekleidete Frauen in fließenden Seidenstoffen und aufwendig geschmückten Kopfbedeckungen. Fini erklärte, dass das Mädchen sie selbst darstelle. Der Titel entstand während der Fertigstellung des Gemäldes, als sie sich an die Worte erinnerte, die sie als Kind benutzte, wenn sie ihrer deutschen Gouvernante entkommen wollte.
Als Kind kleidete Fini ihre Puppen in kostbare Stoffe. In diesem Gemälde sind aus den Puppen Frauen geworden, die auf sexuelle Begegnungen warten – jedoch selbstsicher und zu ihren eigenen Bedingungen. Die Frauen richten ihre Blicke teilweise direkt auf die Betrachtenden: Sie werden nicht nur beobachtet, sondern beobachten ihrerseits.
Die Darstellung erinnert an die Bordellszenen der französischen Maler Henri de Toulouse-Lautrec und Edgar Degas, unterscheidet sich jedoch entscheidend von deren Perspektive. Fini nähert sich der Welt der Bordelle und sexueller Übergriffe aus der Perspektive einer Frau, die ihre eigene Sexualität selbstbestimmt erlebt, anstatt die dargestellten Frauen als passive Opfer oder als Objekte männlichen Begehrens zu zeigen.

Ihre gesamte Karriere hindurch fasziniert Fini das Spiel der Maskerade. Der Dialog zwischen Verhüllen und Enthüllen bleibt ein zentrales Merkmal ihres Schaffens in unterschiedlichen Medien – von Malerei und Zeichnung über Bühnenbilder und Buchillustrationen bis hin zu ihrer Tätigkeit als Masken- und Kostümbildnerin. Durch ihre kostümierten Auftritte ermächtigt sie sich, unterschiedliche Rollen anzunehmen und sich selbst immer wieder neu zu inszenieren. In Paris kann Fini ihrer Leidenschaft für das Tragen von Masken und Kostümen bei opulenten Banketten und zahlreichen Kostümbällen nachgehen. So etabliert sie sich als geheimnisvolle und extravagante Ikone und erhält zahlreiche Aufträge für die Gestaltung von Bühnenbildern und Kostümen. Die Maske wird dabei zu einem wichtigen Ausdruck ihrer (künstlerischen) Identität.

Chinoiserie-Maske, um 1960

Mit Ziersteinen besetzte Stoffblüten überziehen die Oberfläche dieser Maske. Fini greift hier Gestaltungselemente der Chinoiserie auf, einer Kunstrichtung des späten 17. und 18. Jahrhunderts, die europäische Vorstellungen von chinesischer und ostasiatischer Kunst in eine eigene dekorative Formensprache überführte. Charakteristisch dafür sind die Vorliebe für Ornamentik, kostbare Materialien, leuchtende Farben und florale Motive. Diese Elemente finden sich in der Gestaltung der Maske wieder und verleihen ihr eine zugleich theatralische, geheimnisvolle und sinnliche Wirkung.

Katzenmaske aus korsischen Kieselsteinen, um 1960

Die Maske zeichnet sich durch eine organische, biomorphe Formensprache aus. Ihre Oberfläche wird durch geschwungene Linien, symmetrisch angelegte Flächen und abstrahierte Strukturen gegliedert, wodurch der Eindruck eines fremdartigen Wesens entsteht. Verstärkt wird dieser Eindruck durch das Zusammenspiel unterschiedlicher Materialien wie Samt, phosphoreszierende Pailletten, Perlmutt und Perlen. Die reduzierte Farbigkeit akzentuiert die lineare Gestaltung und die reliefartige Oberflächenstruktur.

Surrealistische Maske, 1958

Die Maske zeichnet sich durch eine organische, biomorphe Formensprache aus. Ihre Oberfläche wird durch geschwungene Linien, symmetrisch angelegte Flächen und abstrahierte Strukturen gegliedert, wodurch der Eindruck eines fremdartigen Wesens entsteht. Verstärkt wird dieser Eindruck durch das Zusammenspiel unterschiedlicher Materialien wie Samt, phosphoreszierende Pailletten, Perlmutt und Perlen. Die reduzierte Farbigkeit akzentuiert die lineare Gestaltung und die reliefartige Oberflächenstruktur.

Bestickte Katzenmaske, um 1960

Ein frontal dargestelltes Katzenantlitz mit schmalen Augen und einer betonten Schnauze prägt die Maske. Die Oberfläche kombiniert robustes schwarzes Textilnetz mit Filzelementen, Perlen sowie goldenen und silbernen Pailletten. Die unterschiedlichen Materialien und die fein gesetzten Verzierungen akzentuieren die katzenhafte Physiognomie und verleihen der Maske eine zugleich verspielte und kunstvolle Wirkung.

Bereits in den 1950er-Jahren und verstärkt in den 1960er-Jahren entwirft Leonor Fini regelmäßig Kostüme und Bühnenbilder für verschiedenste Produktionen vorwiegend an Pariser Bühnen, aber auch in Venedig, Rom und Mailand. Zu ihren bedeutenden Arbeiten zählt die Ausstattung einer Inszenierung von Richard Wagners „Tannhäuser“ am Théâtre National de l’Opéra in Paris, für die sie 1963 eine Reihe aufwendig gestalteter Kostüme entwarf.

Die Figur des Meeresgottes Triton taucht in Richard Wagners Oper „Tannhäuser“ während der rauschenden Szenen im Venusberg auf – einem mythischen, von der Göttin Venus beherrschten Ort, der für sinnliche Verführung, körperliche Lust und Fantasie steht. Während einer Festszene wird die Entführung der Europa gezeigt, die auf dem Rücken des weißen Stieres, von Tritonen und Nereiden geleitet, durch das blaue Meer fährt. Fini übersetzt diese mythologische Sphäre in eine körperlich erfahrbare Form: Überlappende, schuppenartige Elemente verwandeln die menschliche Gestalt in ein aquatisches, hybrides Wesen. Die holografischen blauen Kunststoffschuppen samt schillernder Kopfbedeckung erzeugen eine fremdartige und zugleich kostbare Wirkung.

Meeresgott, Kostüm für Tannhäuser von Richard Wagner, 1963