Zwischen Zufall und Transformation

Max Ernst, Die faszinierende Zypresse, 1940

Die Surrealisten befreien sich nicht nur von Konventionen der Gesellschaft, sondern hinterfragen auch gängige Praktiken künstlerischen Schaffens. Von der Entfremdung bis hin zur Provokation setzen sie auf eine Verbindung aus traditionellen Maltechniken und experimentellen Verfahren, um die rationale Kontrolle des Verstandes auszuschalten und eine uneingeschränkte Entfaltung der Kreativität zu ermöglichen. Dementsprechend spiegeln sich die Loslösung von der Vernunft sowie das intuitive Schöpfen nicht nur inhaltlich in den Werken, sondern auch technisch in den Bildoberflächen wider.
Schnelle Striche und unkontrollierte Bewegungen – sogenannte Automatismen, die im literarischen Bereich fußen – ermöglichen eine intuitive Vorgehensweise. Das willkürliche Kombinieren von Motiven und heterogenen Materialien manifestiert das Fantastische in der Wirklichkeit.
Der Surrealist Max Ernst nutzt verschiedene Zufallstechniken gezielt zur Entdeckung verborgener Motive und entwickelt diese weiter. Zunächst wendet er sich der Frottage zu, bei der Strukturen durch einen Durchrieb auf dem Bildträger festgehalten werden. Daraus entwickelt er in einer Art Umkehrschluss die Grattage, bei der noch feuchte Farbschichten mit Werkzeugen wie Spachteln, Messern und Kämmen wieder abgekratzt werden, sodass darunterliegende Muster und Objekte sichtbar werden. Hinzu kommt die Dekalkomanie – eine Technik, bei der durch das Abklatschen von Farbe auf dem Bildgrund unvorhergesehene Verästelungen, Farbverläufe, Texturen sowie biomorphe Formen entstehen, aus denen Ernst felsartige Landschaften, bizarre Kristallwelten und verborgene Wesen herausarbeitet. Er setzt die Natur gänzlich verfremdet ins Bild und erschafft somit ambivalente Naturerfahrungen.

Leonor Fini lernt Max Ernst auf einer Feier kennen. Aus Bekannten werden zunächst Geliebte, anschließend entwickelt sich eine lebenslange Freundschaft. Inwieweit Ernsts Schaffen und seine bevorzugten Techniken Fini beeinflussen, lässt sich nur vermuten.
Bei Fini sind es ihre Arbeiten der sogenannten „mineralischen Periode“, in denen sich eine ähnlich experimentelle Herangehensweise zeigt. Die Werke aus dieser Schaffensphase unterscheiden sich deutlich von ihrer sonst symbolisch aufgeladenen, stark figural geprägten Kunst. Mit leuchtenden, kontrastreichen Farben beschwört sie die Elemente. Kristalline Strukturen und fossile Formationen deuten mineralartige Körper an, die kaum noch menschliche Anatomien aufweisen. Sie wirken wie in einer Momentaufnahme, in ihrer Metamorphose für die Ewigkeit auf die Leinwand gebannt – die einen, als formierten sie sich neu, die anderen, als lösten sie sich auf. Doch nie im Sinne des Todes, vielmehr bildet Fini Zwischenstadien, Übergänge, Verwandlungen ab.
Damit wird deutlich, dass die experimentellen Verfahren im Surrealismus weniger einer dekorativen Funktion dienen, sondern weit über technische Innovationen hinausgehen. Sie dienen als Mittel, innere Bildwelten hervorzurufen und Prozesse der Transformation sichtbar werden zu lassen.