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André Ostier, Leonor Fini mit Fliegenmaske, 1950

LWeibliche Figuren stehen im Mittelpunkt von Finis künstlerischem Universum. Anders als das von surrealistischen Künstlern häufig reproduzierte Klischee der „Kindfrau“ stellt sie Frauen als kämpferische Göttinnen, Schöpferinnen und Visionärinnen dar. Finis Protagonistinnen hinterfragen herkömmliche Rollenbilder und leben ihre spirituelle und physische Kraft aus. Ihre Darstellungen von Schimären, Sirenen, Alchemistinnen und Hexen verbinden Elemente der Mythologie mit einer eigenständigen Bildsprache.

Ein wiederkehrendes Motiv ist die Sphinx, mit der sich Fini selbst identifiziert. Ihre Sphingen sind Mischwesen mit katzenhafter Körperhaltung, erotisierter Frauenbüste sowie einem Gesicht und der Haarpracht schöner junger Frauen. In der an die griechische Mythologie anknüpfenden Bildtradition wie auch in der surrealistischen Rezeption erscheint die Sphinx häufig als Rätselwesen, das dem männlichen Helden gegenübersteht. Fini gestaltet sie hingegen als autonomes weibliches Subjekt, das Macht, Erkenntnis und Selbstbestimmung verkörpert.

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Wiederholt zeigt Fini Frauen in Beziehung zu schlafenden Männern.

Diese Bildkonstellation erinnert an den griechischen Mythos von Endymion – dem schönen Jüngling, der in einen ewigen Schlaf versetzt wurde, damit die Mondgöttin Selene für immer mit ihm vereint bleiben konnte. Es lässt sich aber auch eine weitere Bedeutungsebene erschließen: Die tief schlafenden Männer sind passiv statt aktiv: Fini ist aufgrund ihren Kindheitserfahrungen mit einem machohaften Vater an einem neuen Männerbild interessiert, das beide Seiten ihres Wesens zulässt. Im Kontext der politischen und sozialen Umbrüche des 20. Jahrhunderts erhält dieses Motiv zugleich eine zeitgeschichtliche Dimension.

Sphinx Philagria II, 1947‒48

Die Sphinx entsteigt einer modrigen, von Verfall wie von Metamorphose geprägten Naturwelt mit einem Vogelschädel, knolligen Wurzeln und großen Blättern und wacht zugleich über diese. Ihre Büste geht nicht in einen Löwenleib über, sondern verschmilzt mit der sie umgebenden Natur. „Philagria“ steht für die Liebe zu Pflanzen und der Natur – so steht es in einem Mythologie-Verzeichnis aus dem 19. Jahrhundert, das sich in Finis Bibliothek befand. Auch hier ist die Figur der Sphinx das Alter Ego der Künstlerin, die sich selbst häufig als machtvolles, geheimnisvolles und hybrides Wesen darstellt. In weiter Ferne ist die rotbraune Silhouette einer Stadt zu erkennen, die den Eindruck erweckt, als stünde sie in Flammen. Dies, die morbide Vegetation sowie die dunkle Farbpalette erzeugen eine unheimliche Atmosphäre, in der sich die Schrecken des erst wenige Jahre zurückliegenden Zweiten Weltkrieges in symbolisch-allegorischer Form zu spiegeln scheinen.

Stryges Amaouri, 1947

Ein von Efeu überwucherter Mann schläft auf dem mit Weinlaub und seidenen Tüchern bedeckten Erdboden. Über einen Zaun beugen sich zwei Wesen zu ihm herab. Die rechte Figur ist eine Selbstdarstellung Finis: Mit ihrem vollen Haar und dem von Pflanzen umrankten Fuchsschädel als Kopfschmuck erscheint sie als naturverbundene Priesterin eines mystischen Kultes. Die linke Gestalt, ein pelziges Mischwesen, hält ein Ei – Sinnbild des heiligen Weiblichen und der Wiedergeburt. Der Werktitel deutet darauf hin, dass es sich hierbei um zwei Striges handelt. Der römische Dichter Ovid beschreibt die Striges als vogelartige Wesen, die Säuglinge fressen. Zudem erwähnt er, dass es sich um Frauen bzw. Hexen handeln könne, die sich durch Zauberei in diese Wesen verwandeln. Finis Striges erscheinen jedoch weniger bedrohlich oder unheilbringend, sondern vielmehr als schützende Mächte, die über den Schlafenden wachen.

Das Gemälde „Die Zukünftigen“ greift das Motiv der Metamorphose als Sinnbild fluider Identität und als grundlegendes Prinzip des Lebens auf. Die scheinbar aus Feuer und organischen Strukturen hervorgehenden Wesen entziehen sich einer eindeutigen Kategorisierung als Mensch oder Tier und verkörpern den Prozess ständiger Transformation und Selbsterschaffung. Fini arbeitet mit einer fein nuancierten Ölmalerei, deren weiche Übergänge die Grenzen zwischen Körpern und Umgebung auflösen.

Die Palette wird von warmen Ocker-, Rot- und Brauntönen dominiert, deren Leuchtkraft an Feuer und alchemistische Transformation erinnert. Transparente Lasuren und eine differenzierte Hell-Dunkel-Modellierung verleihen den Figuren eine zugleich plastische und immaterielle Erscheinung. Finis Malstil zeichnet sich durch eine ausgefeilte, an der Maltechnik der sogenannten Alten Meister orientierte Pinselführung aus. Die Verbindung dieser Technik mit einer imaginären Bildwelt und modernen Elementen ist charakteristisch für Finis Œuvre.

Altmeisterlicher Malstil

Leonor Fini arbeitet häufig mit Schriftstellern, Dichtern, Bühnenbildnern und Filmregisseuren aus ihrem Umfeld zusammen, darunter die Franzosen Jacques Audiberti und Jean Cocteau. 1957 illustriert sie in technisch virtuoser Weise das Buch „Le Sabbat ressuscité“ (dt. „Der wiedererweckte Hexensabbat“) von Audiberti. Der Band enthält 35 auf Tuschezeichnungen basierende Radierungen sowie einen begleitenden Text Audibertis, der den dargestellten Figuren Namen und kurze Geschichten zuweist. Charakteristisch für Finis detailreiche Blätter sind ein lockerer, unregelmäßiger Strich und starke Hell-Dunkel-Kontraste.

Das Buch thematisiert ein nächtliches Treffen von Hexen – einen Hexensabbat.

Die Hexen fliegen auf ihren Besen durch die Lüfte, einige erscheinen bedrohlich, andere eher freundlich und humorvoll. In ihren Radierungen knüpft Fini an die Bildtradition der Hexendarstellungen in der deutschen Renaissance an, insbesondere an die Werke Albrecht Dürers und Hans Baldung Griens. Wie viele Künstlerinnen im Umfeld des Surrealismus deutet Fini die traditionelle Vorstellung um. Die dämonisierte, furchteinflößende Hexe weicht einer rebellischen und selbstbestimmten Figur, die eigenständig über ihre magischen Kräfte verfügt.

Le Sabbat ressuscité, 1957
Le Sabbat ressuscité, 1957
Le Sabbat ressuscité, 1957

Eine der Radierungen zeigt eine schaurige Hexe auf einem Reisigbesen. Ihr maskenhaftes Gesicht wird von strahlenförmig abstehenden, kantigen Formen umrahmt; aus dem von borstigen Strukturen bedeckten Rücken ragen flügelartige Fortsätze hervor. Den Besen teilt sie mit einer rundlichen Katze, die die Betrachtenden mit weit geöffneten Augen fixiert. Eine weitere Darstellung zeigt eine junge, elfenhafte Hexe, die lustvoll auf einem Blütenstiel reitet und sich dabei frivol von einem phallischen Blütenstempel penetrieren lässt. Ihr Körper geht allmählich in Blütenblätter über, ihr Haar besteht teilweise aus Rankpflanzen, aus ihren Gliedmaßen sprießen Wurzeln hervor. Die dritte Hexengestalt wirkt bedrohlich. Mit verzerrtem, dämonischem Gesicht und zwei runden Gnomenköpfen anstelle der Brüste reitet sie auf einem dornenbewehrten Besen. Auch sie übernimmt seine Eigenschaften, indem ihr fellbewachsener Körper von Stacheln und Dornen besetzt ist.

Die Hexen beim Sabbat sind groteske und bizarre Mischwesen. Selten bringt Fini ihre Visionen von vegetabilen und animalischen Metamorphosen und Symbiosen in vergleichbarer Intensität zum Ausdruck wie in dieser Serie. Das Morbide und das Erotische werden hier auf drastische, aber auch humorvolle Weise miteinander verbunden.

Hüterinnen des Unsichtbaren

LDie Frau erscheint in Finis Œuvre immer wieder als Schicksalsweberin, Alchemistin oder auch als spirituelle Führerin oder Seherin. Innerhalb der von der Künstlerin entworfenen imaginären Bildwelten nehmen diese Darstellungen eine zentrale Position ein: Als Trägerinnen schöpferischer und transformativer Kräfte scheinen diese Frauenfiguren die Zyklen der Natur – und damit auch jene von Leben und Tod – zu lenken.

Vor einer dramatisch inszenierten Landschaft erscheint die weibliche Figur reglos, beinahe irreal. Ihre Haltung erinnert an eine Statue. Ihre Starrheit vermittelt den Eindruck, als existiere sie an der Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Sphäre des Mythos. Bekleidet mit einem hellen Umhang und einem orangefarbenen Gewand, das ihre runden Brüste sichtbar lässt, hält sie ein Ei von der Größe ihrer Handfläche in den Händen. Um die Frau herum versammeln sich große Vogelwesen mit spitzen Schnäbeln und silbrigem Gefieder, die der Bildtitel als Phönixe ausweist.

Selbstporträt mit Eule, 1936

Diese frühe Selbstinszenierung Finis mit wild aufgelöstem Haar enthält zahlreiche Bezüge zur Ikonografie der Athene, der Göttin der Weisheit. Fini porträtiert sich in einer Herrenjacke, möglicherweise in Anlehnung an die strategischen Fähigkeiten von Athene im Krieg. Ein Umhang hüllt die Künstlerin ein, dessen goldene Farbe ebenfalls mit Athene assoziiert wird. Auf dem Pinsel in ihrer ausgestreckten Hand sitzt eine Eule – Sinnbild der Weisheit und geistigen Wachsamkeit sowie treue Begleiterin der Athene. Die fotografischen Porträts von Fini, in denen sie Federboas und Eulenkostüme trägt, zeigen, dass dieser Vogel für sie eine besondere Bedeutung besaß. In diesem überzeitlich wirkenden Selbstporträt erscheint die Künstlerin als Hüterin von Weisheit und als Wissende, die sich zwischen Kunst, Mythos und verborgenen Sphären der Erkenntnis positioniert.