11. Oktober 2016

Für das SCHIRN MAGAZIN besuchte Katharina Cichosch die in Berlin lebende Künstlerin Rosa Barba in ihrem Studio. Es geht um Filme, das richtige Licht und ihre Installation "Blind Volumes" in der SCHIRN.

Von Katharina Cichosch

In Rosa Barbas Studio herrscht angenehme Ruhe: Das hier ist nicht der übliche Event-Atelier-Rundgang. Keine Musik, keine umherhuschenden Assistenten, keine frisch getropfte Farbe. Sowohl die Arbeiten als auch ein Großteil des Arbeitsprozesses finden außerhalb statt. Und wenn sie hier stattfinden, dann zumindest nicht 24/7: „Ich bin kein klassischer Studio-Künstler“, erklärt die 1972 im italienischen Agrigent geborene Wahl-Berlinerin.

Ideen werden hereingetragen, verarbeitet und wieder hinausgetragen. So wird das Studio zur Basis, in der Rosa Barba ihre Projekte mit einem kleinen Team ausarbeitet. Typisch für ihre Arbeitsweise ist die Kombination aus Skulptur und Analogfilm, oft zur begehbaren Installationen werdend. Daneben bearbeitet Barba Theorie und Praxis von Film in gedruckter Form – zehn Mal zum Beispiel als Edition „Printed Cinema“, eine Art persönlicher Reflektion, aber auch als Drehbuch für einen 90-Minüter, das ausschließlich Versatzstücke gescheiterter Drehbücher eines Science-Fiction Films umfasst und schlussendlich selbst niemals realisiert wurde, sondern lediglich auf Leinwand existiert. 

Experimente mit der Super8 

Wie ein nüchternes Projektbüro schaut Rosa Barbas Studio nicht aus: Im Vorraum steht der Midcentury-Schreibtisch, stellvertretend für eine Arbeitsweise, die auch viel Koordination, Recherche und Planung erfordert, im Studio der große Tisch, an dem Ideen ausgetauscht werden, darauf schon ein Modell für Barbas nächstes Projekt in Bordeaux; ein gemütliches Sofa, an der Wand hängen Arbeiten und Ausstellungsankündigungen. Und unzählbare Filmbänder in allen Breiten und Bearbeitungen: Beschrieben, im Glaskasten, belichtet, unbelichtet, händisch bearbeitet. Das Gros aber befindet sich im Nebenraum, Rosa Barbas Filmlager: Regale, bis oben hin mit Filmrollen befüllt, Sperrholzkisten, Equipment für den Filmschnitt. „Film war schon immer mein Medium, “ erklärt die Künstlerin, die als Teenager mit ihrer Super8-Kamera experimentierte und nach einem Studium der Theater- und Filmwissenschaften 1995 an die noch recht neue Kunsthochschule für Medien (KHM) in Köln wechselte, damals eine Avantgarde-Adresse des gerade aufkommenden Digitalfilms.

Während sich die anderen Studenten auf die neuen technischen Möglichkeiten stürzten, konnte Rosa Barba in Ruhe die 16mm-Kamera nutzen, viel experimentieren, dazwischen die hervorragenden Theorieklassen besuchen. Als klassische Film-, insbesondere Videokünstlerin sieht sie sich indes nicht: „Ich fühle mich da schon eher dem Maler näher, nur dass ich eben mit Licht arbeite.“ Analoger Film, das ist Materialität in Reinform: Nicht nur das Material selbst, auch der Aufnahmeprozess bleibt physisch präsent. „Ich brauche schon die Schwere der Kamera,“ erklärt Rosa Barba, auch wenn sie zum Beispiel bei ihren 35mm-Aufnahmen nicht immer selbst hinter jener steht. Im Prozess des Filmens kristallisiert sich ihre Arbeitsweise; wenn sie Landschaftszeichnungen, Einschreibungen in den Wüstensand aufnimmt, dann wird diese Einschreibung durch Einbrennen von Licht ins Filmmaterial reproduziert. 

Der eigene Rhythmus 

Rosa Barba kommt gerade von der Biennale aus São Paulo zurück, immer noch begeistert von der Selbstverständlichkeit, mit der dort der öffentliche Raum bespielt wird: Dreh- und Angelpunkt ist ein riesiger Park, wo Leute abhängen, Skateboard fahren, Sport machen. „Dann kommt ein Jogger mit Handtuch über den Schultern vorbei, kuckt sich mal zwei Videos an, und kommt vielleicht am nächsten Tag wieder.“ Viele andere Kunstevents seien von Anfang an nur für ein sehr spezifisches Publikum gemacht: Eintritte, Tageskarten, das müsse man sich erst einmal leisten können, so Barba. Von den typischen Kodierungen, der Sprache, die das Kunstpublikum kennt, das Gros der Öffentlichkeit aber nicht unbedingt, ganz zu schweigen. Und hat man erst einmal einen bestimmten Betrag fürs Ticket hingelegt, dann stellt sich schnell der Drang ein, möglichst viel in der gegebenen Zeit mitzunehmen. Rosa Barba findet das erschlagend, sie schätzt die Möglichkeit, Kunst im eigenen Rhythmus zu entdecken.

Dieses Draußen, das in São Paulo zelebriert wird, ist überhaupt sehr wichtig: Wenn die Künstlerin klassischere Räume bespielt, wie die Londoner Tate Modern, dann projiziert sie zum Beispiel die Straße in die Ausstellung hinein, auf dass die Passanten zum Teil der Installation werden. Als Kuratorin Esther Schlicht vor einiger Zeit auf sie zukam, war genau diese Zugänglichkeit ein Aspekt, der Rosa Barba gleich an der Rotunde der SCHIRN interessierte: Der öffentlich begehbare Raum befindet sich auf dem Weg in die Ausstellungsräume, aber die Barriere in Form von Museumskasse respektive – Rezeption fällt weg. 

Reisen als Beute 

Die Arbeit bis zur endgültigen Installation dauerte insgesamt zwei Jahre, in denen sich die Künstlerin mehrmals mit der Kuratorin getroffen, Ideen vorgeschlagen und wieder verworfen hat. Der öffentliche Raum ist nicht unkompliziert: Sicherheit steht hier an erster Stelle, und schließlich hatte auch noch ein Statiker das letzte Wort über die mehrere Etagen umfassende Konstruktion. Mit dem Ergebnis ist Rosa Barba nun aber mehr als zufrieden: Neben dem extra für die Rotunde konzipierten Gerüst umfasst ihre Arbeit mehrere Filme, darunter einen aus einer New Yorker Sternenwarte, die über einen Loop von analogen Projektoren auf verschiedene Leinwände projiziert werden. Ein physischer Vorgang, der nicht nur sicht-, sondern auch deutlich hörbar sein wird. Und ja, "Blind Volumes" ist voll begehbar, fast: „Hochklettern darf man leider nicht.“

Und sie nennt noch einen Grund, der gegen das Modell des klassischen Studiokünstlers spricht: „Ich bin gern auf Reisen. Ideen entwickeln sich eben, egal, an welchem Ort man sich gerade befindet.“ Die Jahre nach dem Studienabschluss hat Rosa Barba eine beeindruckende Reihe an Artist-in-residencies besucht und ist dabei jeweils meist noch ein bisschen länger geblieben, war in Amsterdam, in der Villa Aurora in Los Angeles und in der Chinati Foundation im texanischen Marfas – wo das Licht ein ganz besonderes und somit perfekt für die Arbeit mit Filmmaterial sein müsste, oder? „Das kann man ja fast gar nicht mehr sagen, weil es so ein Klischee ist, “ lacht Rosa Barba, aber ja, es sei einfach wunderschön dort. Ideen und Filmaufnahmen, geschossen bei einem Helikopterflug durch die Wüste oder im Sternen-Observatorium sind Beute, die sie mit ins Studio nimmt und hier weiter bearbeitet, zusammenführt. Und dann, siehe oben, wieder in die Welt hinausträgt.