25. August 2016

Timur Si-Qin präsentiert in der August-Ausgabe des Double Feature seine Arbeit „Attain Mirrorscape“.

Von Daniel Urban

Was der Mensch über die Welt, die ihn umgibt, sagen kann und wie er zu diesen Einsichten kommt, sind Fragen, mit denen sich die Philosophie seit jeher beschäftigt. Versuchte die Metaphysik noch die Dinge an sich zu entschlüsseln und ihnen auf den Grund zu gehen, richtete Kants kopernikanische Wende den Blick von den Objekten der Erkenntnis auf die Frage, wie die Vernunft und mithin also das Erkennen selbst funktioniert. Der sogenannte „linguistic turn“ wiederum brachte im 20. Jahrhundert  einen erneuten Paradigmenwechsel: dem Denken liegt die Sprache zu Grunde, so die Annahme. Nur diese können wir analysieren und zu verstehen suchen. Ob jenseits der Sprache und damit außerhalb unseres eigenen Bewusstseins Dinge an sich überhaupt existieren oder nicht, darüber lässt sich im Zweifelsfall gar nichts sagen oder wie Wittgenstein es pointiert formulierte: Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Der Einfluss dieser Theorie auf den philosophischen und soziologischen Betrieb war enorm, und hatte damit auch großen Einfluss auf Kunstströmungen und -rezeption.

Timur Si-Qin, Attain Mirrorscape (video still), 2016. Courtesy of the artist and Société Berlin

Seit einigen Jahren rumort es in Teilen des philosophischen Wissenschaftsbetriebs, und einige meinen schon einen neuen Paradigmenwechsel auszumachen: vom linguistic turn zum material turn. Lose zusammengefasst unter den Selbstbezeichnungen New Materialism oder Spekulativer Realismus rückbesinnen sich einige Philosophen auf die Metaphysik und beschäftigen sich nun wieder mit der Wirklichkeit, also jenem, was sich außerhalb unseres eigenen Bewusstseins befindet.

Matter matters

In der Austellung „Speculations on Anonymous Materials“ konnte man im Kassler Fridericianum vom 29. September 2013 bis zum 23. Februar 2014 den Einfluss dieser philosophischen Strömung auf den jungen Kunstbetrieb sehen: Neben Künstlern wie Ed Adkins oder Pamela Rosenkranz stellte auch der in Berlin geborene Künstler Timur Si-Qin (*1984) dort aus. In seinen multimedialen Arbeiten bestehend aus Skulpturen, Videoarbeiten und Rauminstallationen wie auch in Interviews mit dem Künstler selbst wird dessen direkte Bezugnahme auf den New Materialism deutlich. „Matter matters“ (Das Material ist bedeutend), wie es der italienische Philosoph Maurizio Ferraris auf dem die Ausstellung begleitenden Symposium in seinem Vortrag proklamierte, könnte man als begleitende Unterschrift unter Si-Qins Werk setzen.

Image via timursiqin.com

Timur Si-Qin, Attain Mirrorscape (video still), 2016. Courtesy of the artist and Société Berlin

In seinen Arbeiten greift er häufig auf Bilder oder Produkte der Werbeindustrie zurück, thematisiert deren Materialität. In der Skulpturen-Reihe „Axe Effect“ sieht man so auf einem Samurai-Schwert aufgespießte Duschgel-Flaschen, inszeniert als gewaltvoller Einbruch in die Körperhygiene, gleichzeitig das Machobild der Werbekampagne aufgreifend: die Produkte bluten Reinlichkeit. In seinem diesjährigen Berlin Biennale-Beitrag installierte Si-Qin mit „A reflected Landscape“ eine künstliche Landschaft. In dieser ruht ein LED-Bildschirm, der von einer Webcam übertragene Live-Bilder des Ausstellungsraumes und damit die Installation mitsamt ihrer Ausstellungsbesucher zeigt. Die Landschaft rezipiert sich selbst im Auge der Technik, die Trennung zwischen Technologie und Natur zerfließt.

Das Portrait einer agierenden Landschaft

Für einige Arbeiten hat Si-Qin ein eigenes Markenlogo entwickelt: „Peace“, „Truth by Peace“ und aktuell „New Peace“. „New Peace“ ist hierbei als das Logo einer spekulativen künftigen New Materialism-Religion mit dem Slogan „Replication Serves Variation“ zu verstehen. Die Arbeit „Attain Mirroscape“, die im DOUBLE FEATURE zu sehen sein wird, mutet wie ein knapp siebenminütiger Werbefilm der New Peace-Religion an. In langsamen Kamerafahrten wird eine virtuelle Landschaft gezeigt, unterlegt von sphärischer Musik und immer wieder auftretenden Klick-Geräuschen. Betrachtet man „Attain Mirroscape“ im Lichte neuster naturwissenschaftlich-philosophische Theorien, nach denen alles Leben auf der Welt mitsamt der Flora und Fauna als fühlendes Subjekt zu verstehen ist, meint man hier nicht ein digital-lebloses Panorama zu sehen, sondern das Portrait einer agierenden Landschaft.

Si-Qins Arbeiten als ironisch distanzierte Kommentare zu Kapitalismus oder Werbewahnsinn zu deuten, missversteht die Arbeit als postmoderne Konzeptkunst. Vielmehr könnte man den spekulativen Realisten folgend die Bilder, die sich beispielsweise Werbung zu Eigen macht, als Repräsentation einer tatsächlichen Realität verstehen, die unabhängig von sprachlichen oder kulturellen Codes existiert.

Abgesang auf die postmoderne Selbstreferenzialität

Für den zweiten Teil des DOUBLE FEATURE hat sich Timur Si-Qin gegen einen klassischen Spielfilm und stattdessen für einen YouTube-Walkthrough des Videospiels „Until Dawn“ entschieden. Bei dem Ende des letzten Jahres auf der Playstation 4 erschienen Spiel handelt es sich um ein interaktives Drama aus dem Genre der Survival-Horror-Adventures. Es erzählt die Geschichte eines Ausflugs von acht Freunden in eine entlegene Berghütte, in deren Nähe im Jahr zuvor zwei Freundinnen spurlos verschwunden sind. „Until Dawn“ besteht hauptsächlich aus langen Erzählsequenzen, bei denen der Spieler zwischendurch immer wieder Entscheidungen treffen muss, die wiederum starken Einfluss auf den Verlauf der Geschichte haben.

Timur Si-Qin, Attain Mirrorscape (video still), 2016. Courtesy of the artist and Société Berlin

Er habe sich den kompletten Walkthrough des Spiels angesehen, erklärt Si-Qin, da sich dieser problemlos wie ein überlanger Genrefilm schauen lasse. Fasziniert zeigte er sich davon, dass das Spiel es schaffe, den simulierten Raum als tatsächliche Realitätsmöglichkeit statt als Fiktion oder Virtualität zu präsentieren. Ganz ähnlich also wie in seinen eigenen Arbeiten, deren Beschreibung der Welt man vielleicht so zusammenfassen könnte: Den Dingen kommt, ob nun virtuell oder nicht, im philosophischen Sinn allein schon deshalb eine Wirklichkeit zu, weil sie in welcher Form auch immer existieren. Im Fokus stehen die Gegenstände und deren Materialität selbst, was man durchaus als Abgesang auf die postmoderne Selbstreferenzialität verstehen kann.