26. September 2016

Am 28. September zeigt der britische Künstler Ed Fornieles im DOUBLE FEATURE seinen neuesten Film über Selbstoptimierung und Biohacking.

Von Daniel Urban

Wenn man eine Antwort auf die Frage nach dem guten Leben sucht, schweben schnell Begriffe im Raum, die Tür und Tore für schlechterdings jeden, der gerne über und zu Menschen spricht, öffnet. Horden von Naturwissenschaftlern und Psychologen, von Philosophen und Esoterikern hantieren mal mehr, mal weniger beeindruckend mit Ausdrücken wie Glück, Gesundheit, Erfüllung oder Sinn – ganz zu schweigen vom guten Rat seitens Eltern, Freunden oder Bar-Bekanntschaften. Mag man die Frage nach dem guten Leben mit der Verbesserung des Bestehenden denken, so ist man auf dem besten Wege, sich mit ebenso bedeutungsschweren wie oftmals inhaltsleeren Begrifflichkeiten à la Effizienz, (Selbst-) Optimierung und Perfektionierung zu beschäftigen.

Ed Fornieles, Der Geist: Flesh Feast, 2016, Filmstill, © Ed Fornieles

In den letzten Jahren machten sogenannte Bio-Hacker immer wieder von sich reden: Do-It-Yourself-Biologen, die sich entweder in der Hobby- oder Entrepreneur-Variante mit den Forschungsgebieten der Naturwissenschaften, im Besonderen der Genetik beschäftigen. Neben der Kreuzung beispielsweise von Glühwürmchen mit Tabakpflanzen, deren Resultat eine Art Leselicht-Pflanze darstellt, beschäftigen sich andere eher mit der Modifikation respektive Optimierung des menschlichen Körpers. Unternehmer wie Dave Asprey, Erfinder der „Bulletproof“-Diät, werben nicht etwa mit Schönheit und Anerkennung, vielmehr mit einem „high-performance life“ mittels eines „hack“ der menschlichen Biologie. In Ed Fornieles (*1983, hier im Interview) Arbeit „Der Geist: Flesh Feast“ (2016) fühlt man sich mitten hineinkatapultiert in die Welt des Biologie-Hackings.

Alles, was das Leben ausmacht

Die gut achtminütige Videoarbeit ist Teil der Installation „Der Geist – Flesh Feast“, die dieses Jahr in Berlin zu sehen war. Vor aluminiumfarbenem Hintergrund ertönt eine Frauenstimme: „It is scary to think of all the potential that is lost by those who don’t have the courage to unleash it – You don’t find yourself, you create yourself”. Vor dem Auge des Betrachters eröffnet sich ein stetig oszillierender Bildersturm, in dessen Zentrum ein Comic-Fuchs steht, der durch die digitale Bilderwelt zu reisen scheint. Die Bilder umkreisen alles, was das Leben ausmacht – Geburt, Tod, Familie, Arbeit und immer wieder Essen. „Der Geist“ erinnert in seiner Ästhetik an Werbevideos, die viel mehr als nur ein Produkt verkaufen: ein besseres Ich.

Ed Fornieles, Der Geist: Flesh Feast, 2016, Filmstill, © Ed Fornieles

Wiederholt hört man eine männliche Stimme, die dem Fuchs – Fornieles Alter-Ego – zu gehören scheint. Sie verhandelt die Erlebnisse auf dem Trip zur Selbstoptimierung, spricht von Gedächtnisübungen und Work-Outs, die die Gedanken schärfen und schließlich im „hack“ des eigenen Verhaltens münden sollen: die Rekodierung der eigenen Identität. Immer wieder stellt Ed Fornieles Arbeit Bezüge zu Selbstoptimierungs-Diäten her. Der Fuchs taucht so beispielsweise in Produktpräsentationen von Dave Asprey auf, und im Rahmen der Installation „Der Geist – Flesh Feast“ wurden Starter-Diätpackungen feilgeboten, die nicht weniger als die Reise zum neuen Ich versprechen. Das komplizierte Subjekt wird hier zum formbaren Objekt, das man durch gezielte Eingriffe nach Belieben bearbeiten kann – so ist es nur folgerichtig, dass der Fuchs in „Der Geist“ eine Kosten-Nutzen-Analyse seiner selbst durchführt.

Befreiung vom ideologischen Ballast

Ihn interessiere die Ideologie der Selbstoptimierungs-Diäten, so Fornieles im Interview mit der Online-Plattform aqnb.com. In seinen Perfomance-Arbeiten versuche er den Manipulationsgehalt unterschiedlichster Phänomene herauszuarbeiten, um gegebenenfalls Alternativen aufzuzeigen oder anzubieten. In vergangenen Arbeiten wie „Animal House“ oder „Dorm Daze“ nutzte Fornieles soziale Netzwerke wie Facebook, um Flashmobs zu organisieren oder Soap-Opera-Geschichten im Online-Format zu erzählen. „Der Geist“ sei somit beides: Kritik am aktuellen Selbstoptimierungs-Angebot, zugleich aber auch ein Versuch, interessante Aspekte aus ebenjenen Konzepten herauszuschälen – befreit vom ideologischen Ballast.

Ed Fornieles, Der Geist: Flesh Feast, 2016, Filmstill, © Ed Fornieles

Ed Fornieles, scenes from "Animal House" (2010), Image via dazeddigital.com

In „Det perfekte menneske“ (1967) des dänischen Regisseurs Jørgen Leth, den Ed Fornieles als seinen Lieblingsfilm zeigen wird, hat der Mensch die Deutungshoheit über sich selbst verloren und wird nur noch als Studienobjekt vorgeführt. „Hier sehen wir den perfekten Menschen“, tönt die Stimme verheißungsvoll aus dem Off. Die Bilder zeigen Mann und Frau in einem weißen, artifiziellen Raum. Mann und Frau in stilvoller Abendkleidung, Mann und Frau im Bett, Mann und Frau am Esstisch. Großaufnahmen einzelner Organe, Aufnahmen vom An- und Ausziehen, vom Tanzen. Die Stimme liefert mehr Fragen denn Antworten: Wie bewegt er sich, warum bewegt er sich? Die Antwort stets: Schau hin! Der Mensch selbst kann auch nicht weiterhelfen: „Heute habe ich etwas erlebt. Ich hoffe, ich werde es in einigen Tagen verstehen.“

Das tanzende Skelett

Den perfekten Menschen versuchte Lars von Trier 2004 in seinem Film „Five Obstructions“ zu dekonstruieren, indem er Jørgen Leth Teile seines eigenen Films unter genauen Vorgaben neu drehen ließ. Im klassischen von Trier-Stil diente der Versuch eher einer narzisstischen Dekonstruktion seiner selbst, und so verschob der Regisseur das Klischee-Bild des Perfektionismus im Sinne einer Makellosigkeit hin zu einer Version des perfekten Menschen, die sich stattdessen in Depression und Unwissenheit manifestiert. In Leths Film weisen die perfekten Menschen trotz ihres makellosen Äußeren einen ähnlichen Mangel auf: Der Mann ist am Ende allein, fragt sich, warum das Glück so kapriziös sei und findet hierauf keine Antwort. Fornieles „Der Geist“ hingegen zeigt als letzte Bilder den tanzenden Fuchs und die ihm zugrunde liegende Struktur: ein tanzendes Skelett. Wer genau hier wen selbstoptimiert, muss der Betrachter dann für sich entscheiden.

Det perfekte menneske, Jørgen Leth (DK, 1968), Image via .dfi.dk