22. März 2016

In der März-Ausgabe des DOUBLE FEATURE ist die Schwedin Annika Larsson zu Gast. Im Anschluss an ein Gespräch mit der Künstlerin wird ein Film des amerikanischen Künstlers James Benning gezeigt.

Von Daniel Urban

Die Mahnung, aus der Geschichte seine Lektion zu lernen, übergeht geflissentlich die Tatsache, dass man in der Regel nicht eine, sondern etliche Lehren aus der Vergangenheit ziehen kann und sagt erst recht nichts über die Richtigkeit der gezogenen Schlüsse aus. Der Filmemacher Alexander Kluge berichtete 2012 in der Wochenzeitung „Die Zeit“ von seiner (schaurigen) Faszination über die Parallelitäten unserer Zeit zu jener der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, die in den größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte mündete: ein Wirtschaftskollaps, der abermals zur „Entgleisung der Welt führen könnte“. Vier Jahre später und man könnte im Sinne der These einer Geschichtsschleife auch den neuaufkeimenden Nationalismus, Bürgerkrieg, territoriale Streitigkeiten und wiederauftretender Imperialismus sowie das Erstarken politischer oder religiöser Ideologie hinzuzählen.

Die in Stockholm geborene und mittlerweile in Berlin lebende Künstlerin Annika Larsson (*1972) überkam 2010 beim erstmaligen Lesen von Georges Batailles „Le Bleu du Ciel“ (Das Blau des Himmels) ein ähnliches Gefühl. Das Buch, welches Batailles bereits 1935 fertiggestellt hatte, das seine Erstveröffentlichung jedoch erst 1957 erfuhr, stellt die Beziehungen des durchtriebenen Protagonisten Henri Troppmann zu drei unterschiedlichen Frauen am Vorabend des spanischen Bürgerkrieges und der Entstehung des nationalsozialistischen Reiches in Deutschland dar. Erstaunt über die zahlreichen historischen Parallelen zwischen jener Zeit und der Gegenwart, begann die Künstlerin die Arbeit zu „Blue“: eine über vierjährige Internetrecherche zu Schlüsselbegriffen der Novelle mündete in einer massiven Sammlung von Videomaterial, die das Ausgangsmaterial für das Werk darstellt.

Cover des Buchs "Le Bleu du Ciel" von Georges Bataille, via delcampe.net

„Blue“, mit einer Länge von knapp 55 Minuten, präsentiert sich auf den ersten Blick als eine umfangreiche Collage von albernen, bizarren und mitunter unheimlichen privaten Internet-Videos. Die erste Szene zeigt offensichtlich stark alkoholisierte Jugendliche, die des Nachts in einer Stadt herumbrüllend auf Autodächer klettern und ein Motorrad umwerfen. Im Anschluss führt uns eine wacklige Handkamera durch die Flure eines Hotels, schließlich sehen wir – augenscheinlich in einem Hotelzimmer – einen Betrunkenen auf dem Boden liegend, eng eingeklemmt zwischen Bett und Wandspiegel, glasige Augen; auf der Tonspur hört man das schadenfrohe und schockierte Lachen der anderen Anwesenden. Immer wieder werden Szenen von Demonstrationen und Straßenschlachten zwischengeschnitten, gefolgt von verwackelten und überaus privaten Einblicken von Individuen, in die man sich als Betrachter ungebeten hineinkatapultiert sieht.

Annika Larsson, Porträt

Nicht zufällig beginnt Batailles „Le Bleu du Ciel“ mit dem hemmungslosen Besäufnis des Protagonisten Troppmann in einem Hotelzimmer und in der Tat stellt Larssons „Blue“ ein Art Nacherzählung der Hauptmotive des Romans mit anderen Mitteln dar. Die wiederkehrenden Ausschnitte von Straßenschlachte rekurrieren auf den politischen Zeithintergrund des Romans, während andere Szene auf die persönlichen Erlebnisse sowie inneren Zustände des Protagonisten verweisen, gleichzeitig aber eben auch mitunter merkwürdige Zeitdokumente von Privatpersonen der Gegenwart sind. „Blue“ könnte man so als eine Art assoziative und verstörende Gegenwartsanalyse sehen, die sich der eher aus der Musik bekannten Arbeitsweise des Sampling bedient, bei der durch selektive Auswahl und Bearbeitung aus bestehenden Musik- oder Tonschnipseln etwas neues kreiert, der Bezug zum Original jedoch nie verleugnet wird.

Annika Larsson, Film Still: BLUE, 2014, 54,47 min loop, stereo sound, © the artist

Im Anschluss an „Blue“ wird James Bennings (*1942) „Youtube Trilogy: 4 Songs, History, Asian Girls” aus dem Jahr 2011 zu sehen sein. In vorangegangenen Filmarbeiten hatte Benning sich in experimentellen und stark formalistischen Arbeiten unter anderem mit dem Einfluss von Geschichte und Politik auf Landschaften auseinandergesetzt – in Arbeiten wie „Deseret“ (1995) beispielsweise wird auf der Tonspur die Geschichte des Mormonenstaates Utah anhand von Artikeln der New York Times nacherzählt, während auf der Bildebene durch sorgfältig komponierte Landschaftsaufnahmen der Einfluss jener Historie auf die Landschaft sichtbar gemacht wird. In „Youtube Trilogy: 4 Songs, History, Asian Girls“ wendet sich Benning dem Web 2.0 zu, in dem der Konsument zum Produzent wird und selbst Inhalt zur Geschichtsmaschine Internet beiträgt.

Der US-amerikanische Avantgarde-Filmemacher und Dokumentarfilmer James Benning, via elbsalon.de

Der Film ist via Zwischentitel in die drei Abschnitte „4 Songs“, „History“ und „Asian Girls“ unterteilt und zeigt dem Betrachter erstmal genau dies: zu Beginn vier Aufnahmen von religiös konnotiertem Liedgut singende Kinder, gefolgt von einer Collage aus ebenso welthistorischen wie privaten Videoschnipseln, bevor im letzten Abschnitt „Asian Girls“ beim E-Gitarre spielen, Spiegelbild küssen, im Schlamm wälzen oder Klavierspielen gezeigt werden. Benning selbst beschrieb gerade den zweiten Teil seiner Arbeit als „my own sketchy tongue-in-cheek history“ – also die persönliche, skizzenhaft augenzwinkernde Geschichte – und scheint auszuloten, inwiefern der Content auf YouTube als persönliche wie auch allgemeine Geschichtsschreibung fungieren kann.

Still aus James Bennings Film "YouTube Trilogy", via filmmuseum.at

Beide Arbeiten fragen so nach allgemeingültigen Aussagen in der je einzelnen Geschichte, auf die man heutzutage nicht mehr nur ausschließlich mittels wissenschaftlicher Methoden wie der Oral History zurückgreifen kann, sondern derer man sich ganz simpel im Internet, direkt vom historischen Subjekt selbst erstellt, bedienen kann. Über die Auswirkungen der Geschichte auf eben dieses oder dessen Lernfähigkeit ist dann freilich noch gar nicht gesprochen.