18. Februar 2017

Auf der Berlinale lassen sich Filmkunst und Kunstfilm nicht wirklich voneinander trennen. Und was ist eigentlich mit Politik und Weltgeist? Das SCHIRN MAG sucht den roten Faden zwischen 399 Filmen.

Von Daniel Urban / Katharina Cichosch

Das Jahr 2017 scheint im Zeichen der nationalstaatlichen Grenze zu stehen: Anfang des Jahres verkündete der frisch gekürte 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ein zentrales Wahlversprechen so schnell als möglich in die Tat umzusetzen und eine Mauer zwischen den USA und seinem südlichen Nachbarn Mexiko zu erreichten, die dortige Grenze also baulich zu manifestieren. Doch was genau ist eigentlich eine Grenze?

Die amerikanischen Filmemacher Joshua Bonnetta und J.P. Sniadecki widmen sich in ihrem experimentellen 16mm-Dokumentarfilm „El Mar La Mar“ voll und ganz dem Grenzland zwischen beiden Ländern. Ins Bild gesetzt werden hier hauptsächlich die Landschaft und deren tierische Bewohner sowie diverse Wetterphänomene; die illegalen Überquerer der Grenze sowie die Hüter jener wiederrum gibt das Bild kaum preis, da beide hauptsächlich im Schutz der Dunkelheit agieren und das grobkörnige Filmmaterial so nur das Schwarz der Nacht, die Finsternis des prekären Lebens als Nicht-Bild einfängt.

Formale und inhaltliche Strenge

„El Mar La Mar“ steht stellvertretend für eine ganze Reihe an Berlinale-Filmen, die eine Geschichte ohne wirkliches Subjekt erzählen: Bewusst haben sich die Filmemacher dazu entschieden, aus ihren wenigen sichtbaren Protagonisten wie einem Cowboy keine individuell handelnden Figuren, sondern eine Art Symbolbild zu machen. Diese formale und inhaltliche Strenge bewahrt die Dokumentation zugleich davor, sich zu sehr ins altbekannt anklagende Polit-Engagement-Kino einzureihen.

El Mar La Mar, Joshua Bonnetta, J.P. Sniadecki

Und natürlich könnte der Zeitpunkt der Aufführung jetzt, zu Zeiten der berühmten wie gefürchteten Mauer, kaum aktueller sein – allerdings betonen beide Filmemacher, dass illegale Einwanderer beispielsweise auch unter Barack Obama massenhaft abgeschoben wurden. Same Story, different day: Indem sich der Film für poetische Bilder und fantastische Soundkulissen entscheidet, für Landschaft statt für Betroffenheitsberichte, geht er über die bloße Nacherzählung des brutalen Alltags hinaus – und schafft es erst aus dieser Position heraus, wirklich etwas Neues zu vermitteln.

Zwischen Filmkunst und Kunstfilm

Die filmische Topographie von Orten als Handlungs- wie auch Lebensraum ist dann auch ein roter Faden (bei knapp 400 Filmen in neun Reihen plus diversen Sonder- und Unterreihen selbstverständlich: neben anderen), der sich durch weitere Filme zieht: Wenn in Thomas Arslans Wettbewerbsfilm „Helle Nächte“ die mehr als mühsamen Kommunikationsversuche zwischen Sohn und Vater von einer minutenlangen, schweigsamen Kamerafahrt durch kurvige Bergstraßen in immer dichteren Nebel auf filmsymbolische Ebene gehievt wird, wenn im Dokumentarfilm „Aus einem Jahr der Nichtereignisse“ in grobkörnigen 8- und 16mm-Filmmaterial Flora und Fauna immer mehr den eigentlich Protagonisten aus dem Bild verdrängen oder wenn sich die Protagonistin in Hong Sangsoos wundervollem Wettbewerbsfilm „Bamui haebyun-eoseo honja – At the beach at night alone“ immer wieder über Schönheit der sie umgebenden Natur selbst zu definieren sucht.

At the beach at night alone, Kim Jinyoung, CR 2017 Jeonwonsa Film Co.

Im Forum Expanded, der ausdrücklich als Kunst- und Experimentalfilm gewidmeten Unterreihe des Forums, wird der Raum zum Ausgangspunkt verschiedener Arbeiten. Ein Besuch lohnt sich, auch wenn das kuratorische Gesamtkonzept allenfalls vage durchschimmert: Im Dunkel der Akademie der Künste kann man Video-Installationen mit einer Gesamtlänge von insgesamt gut einem Arbeitstag entdecken, ganz ohne sich in die Berlinale-üblichen Warteschlangen einzureihen. Unter den dreizehn Arbeiten beschäftigen sich einige mit der medialen Vermittlung politischer und historischer Narrationen, ohne dabei ihren eigenen Standpunkt inhaltlich oder künstlerisch besonders in Frage zu stellen.

Die Stimmung wird immer paranoider

Aber es gibt sehr sehenswerte Ausnahmen: Wie die bildgewaltige 3D-Installation „Isla Santa Maria“ von Oliver Husain, deren Handlung nachzuverfolgen allein visuell viel Spaß macht. Ebenso die formal völlig entgegengesetzte, weil auf ein Minimum reduzierte Bildsprache der 3-Kanal-Installation „Twelve“ von Jeamin Cha, in der Verhandlungen über den Mindestlohn in Südkorea dargestellt werden – nüchterne Sachlichkeit par excellence.

Isla Santa Maria 3D,Copyright Oliver Husain

Im Berlinale-Forum präsentiert der französische Videokünstler Neil Beloufa seinen ersten Feature-Film „Occidental“: Während auf den Straßen Paris‘ Proteste und Demonstrationen ihren Lauf nehmen, buchen sich die beiden Italiener Giorgio und Antonio im Hotel „Occidental“ in die Hochzeitssuite ein. Der Hotelmanagerin kommen die beiden Figuren suspekt vor und so befindet sich alsbald die Polizei im Hause, während die Stimmung im Hotel immer aufgeheizter und paranoider wird.

I don’t like Slogans

Beloufa inszeniert ein kammerspielartiges Lustspiel, das in Ausstattung und Lichtsetzung stark an die Fassbinder-Melodramen der 70er-Jahre erinnert (in denen Fassbinder sich wiederum auf Douglas Sirks Melodramen bezog). „Occidental“ fasziniert in seiner ambivalenten Bildsprache und Beloufa rekurriert heiter sowohl inhaltlich als auch formal auf unterschiedlichste Genres und Narrationsformate: Melodram und Lustspiel, Untergangsdrama und gesellschaftliches Sittenbild, Kriminalfall und Liebesdrama. Beloufa hat den Film vollständig selbst finanziert und in seinem Studio die Kulissen des eklektisch eingerichteten Hotel Occidental entstehen lassen: einen gesellschaftlichen Mikrokosmos, in dem gesellschaftliche Themen wie Religion, Rassismus, Sexualität und ökonomische Fragen verhandelt werden, ohne diese jedoch mit banalen Antworten oder politischer Programmatik wieder zu demontieren – in den Worten von Neil Beloufa selbst: I don’t like Slogans.

Occidental, Neil Beloufa, CR Bad Manners

Das große Ganze sucht man auf dieser Berlinale vergeblich: Keine großen Verschwörungen, keine großen Filme über islamistischen Terror, keine Schlechtes-Gewissen-für-die-Privilegierten-Filme wie „We feed the world“. Ist das schon Eskapismus, die Flucht ins Klein-Klein der eigenen Scholle – oder eine willkommene Wiederentdeckung künstlerischer und filmischer Möglichkeiten, sich eben nicht für die Lösung aller realpolitischen Probleme einspannen zu lassen? Wo die Gegenwart nicht so recht begeistern kann, da funktionieren Filmkunst und Kunstfilm als hervorragendes Gegengift: Dem Eskapismus frönten sowohl die Retrospektive, in der man Science Fiction-Filme vergangener Jahrzehnte inklusive Rainer Werner Fassbinders großartiger „Welt Am Draht“ entdecken konnte, als auch die Hommage, die sich in diesem Jahr den schwelgerisch-opulenten Werken von Kostümbildnerin Milena Canonera widmete.

Nicht aus der Ruhe zu bringen

Gelegenheit zur Entdeckung der Gegenwelt bieten auch die neuen Produktionen, die hier gezeigt wurden und von denen zumindest einige in der nächsten Zeit auch im Kino anlaufen dürften, in jedem Fall: Von der fulminanten Queer-Camp-Klamotte „The Misandrists“, einem modernen Matriarchats-Märchen respektive einer liebevollen -Dystopie von Bruce LaBruce, über Pferdegötter bis hin zur jiddischen Version eines Indie-Films namens „Menashe“, die komplett in jener Sprache und mit Bewohnern der chassidischen Community in Brooklyns Borough Park gedreht wurde. Aki Kaurismäki, der finnische Analog-Vergötterer, dessen neuer Film „Die andere Seite der Hoffnung“ im Wettbewerb läuft, lässt sich schließlich auch vom aktuellen Lieblingstagesthema Flüchtlinge nicht aus seiner gewohnt stoischen Ruhe bringen: Bei ihm wird der syrische Protagonist mit all seinen Problemen kurzerhand ins filmische Kaurismäki-Amalgam aus kruden Dialogen und Räumen in sozialistischem Retro-Chic getaucht und auf echten 35 Millimetern Film auf die Leinwand gebracht.

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The Misandrists,© Jürgen Brüning Filmproduktion J.Jackie Baier
Die andere Seite der Hoffnung, Kaurismäki, CR Sputnik Oy