17. Juni 2017

Das SCHIRN MAGAZIN präsentiert 10 surrealistische Filme, die in ihrer Darstellung nicht unterschiedlicher sein könnten und das gesamte Genre hinterfragen.

Von Katharina Juliana Cichosch und Daniel Urban

Auf gerade einen einzigen Film konnten sich seinerzeit alle Surrealisten einigen. Welcher das ist und wieso man sich im Zweifel eher für einen Hollywood-Affen denn für einen dadaistischen Maler begeisterte, darüber soll folgende Liste Aufschluss bringen. Solcherlei Streitpunkte liegen im Genre des surrealistischen Films selbst begründet – nicht nur, dass es zu jenem keine einheitliche Definition gibt, sondern auch, weil das Medium Film diversen Theoretikern zu Folge selbst bereits surrealistische Eigenschaften an sich besitzt. Eine Aufzählung kann ergo niemals vollständig sein, so könnten doch unzählige Filmemacher wie Alfred Hitchcock („Marnie“), Federico Fellini (8½) oder neuere Regisseure wie David Lynch („Eraserhead“) oder Guy Maddin („My Winnipeg“) genauso gut genannt werden. Hier deshalb nur eine kleine Auswahl.

01

Un chien andalou (Luis Buñuel und Salvador Dalí, 1929)

Der surrealistische Klassiker, der natürlich in keiner Liste fehlen darf. Dalí und Buñuel, die sich bereits seit ihrer Studienzeit kannten, verfilmen hier eigene Träume, die sie mittels der Technik des „automatischen Schreibens“ noch weiter verfremdet und ineinander verwoben hatten. Aller Erklärungsversuche und Rationalisierungen zum Trotz: der Film sollte explizit nicht symbolisch, logisch oder psychologisch erklärbar sein. Zur Uraufführung füllte Buñuel seine Taschen mit unzähligen Steinen – aus Angst vor wütenden Reaktionen des Publikums. Diese blieben aus – im Kino hätten nur „Aristokraten und Künstler“ gesessen - und der Rest ist Geschichte: Die Rasierklinge, die das Auge einer Frau zerschneidet, ging in den universellen Bilderkanon des Kinos ein.

02

L’Age d’or (Luis Buñuel, 1930)

Mit „L’Age d’or“ schaffte Bunuel den einzigen Film, der von den Surrealisten uneingeschränkt als surrealistisch gewürdigt wurde. Bei „Un chien andalou“ hatten einige noch die Mitarbeit Salvador Dalís moniert, der hier zwar auch noch am Drehbuch, jedoch nicht mehr an der Produktion beteiligt war. „L’Age d’or“ kreist im Wesentlichen um die Geschichte eines Liebespaares, dessen Vereinigung aufgrund der vorherrschenden Moralvorstellungen seitens Familie, Kirche und Gesellschaft verunmöglicht wird. In bizarren Szenarien formuliert Buñuel einen Frontalangriff gegen jegliche Autoritäten und erschafft mit „L’Age d’or“ nebenher noch einen der ersten französischen Tonfilme.

03

King Kong (Merian C. Cooper und Ernest B. Schoedsack, 1933)

Theoretiker streiten bis heute, ob King Kongs Rahmenhandlung einer realen oder einer fantastischen Grundannahme folgt und wie der Film ergo einzuordnen wäre – vielen Vertretern der Bewegung seinerzeit jedenfalls erschien die Geschichte um das erste Hollywood-Monster der Welt surrealistischer als manch ausgewiesener Avantgarde-Film.

04

Meshes of the afternoon (Maya Deren und Alexander Hackenschmied, 1943)

Ein Telefon, ein Messer, eine rote Kornblume sind die unguten Vorboten in diesem Kurzfilm, den die Avantgarde-Filmemacherin Maya Deren zusammen mit Alexander Hackenschmied inszenierte. Ihre Protagonistin schicken die Künstler über Treppenstufen und an schwankenden Wänden vorbei, die nicht preisgeben, ob sie selbst die Schwerkraft außer Kraft setzen oder ob sie nur auf die psychischen Spannungen jener reagieren. Wie bei vielen ihrer Filme arbeitete Deren auch hier mit dem japanischen Komponisten Teiji Ito zusammen, der „Meshes of the afternoon“ mit wenigen Klängen seine leichtfüßig-albtraumhafte Atmosphäre verleiht. Ein surrealistischer Film noir am hellichten Tag.

05

Sleepers (Woody Allen, 1973)

Don’t call it Science Fiction! Miles Monroe (Regisseur und Hauptdarsteller Woody Allen) ist Besitzer des Happy Carrot Health Food Restaurant in der New Yorker Bleecker Street. Nach einer missglückten OP wird er in künstlichen Tiefschlaf versetzt und wacht 200 Jahre später wieder auf. Der filmische Kunstgriff funktioniert bestens für eine spöttische Betrachtung der Realität, die insbesondere Sex, Kunst und Vorstellungen vom gesunden Leben im Blick hat. Wobei Dialoge wie dieser heute noch ferner einer je denkbaren Realität scheinen als vor 45 Jahren:Dr. Orva: Here. You smoke this, and be sure you get the smoke deep down into your lungs.
Miles Monroe: I don't smoke.Dr. Orva: It's tobacco. It's one of the healthiest things for your body. Now go ahead. You need all the strength you can get.

06

Le Fantôme de la liberté (Luis Buñuel, 1974)

Buñuels vorletzter Spielfilm ist eine lose Aneinanderreihung skurriler Szenen, die einmal mehr einen satirischen Angriff auf bürgerliche Konventionen und Moralvorstellungen darstellen. Revolutionäre skandieren „Nieder mit der Freiheit!“ und „Lang leben die Ketten!“ bevor sie hingerichtet werden; eine Partygesellschaft sitzt vollkommen selbstverständlich um einen Tisch herum auf Kloschüsseln und nutzt diese während des Gespräch ebevor man sich zum Essen verschämt in eine kleine Kabine zurückzieht; ein Massenmörder wird nach der Verurteilung vor dem Gericht von Passanten wie ein Celebrity um Autogramme gebeten. Buñuel verschiebt durch surrealistische Verdrehung die Welt, ganz seinem Diktum entsprechend: „Die Welt wird immer absurder. Nur ich bin weiter Katholik und Atheist. Gott sei Dank!“

07

The Crimson Permanent Assurance (Terry Gilliams, 1983)

Diverse Werke von Monty Python-Mitglied Terry Gilliams tauchen dann und wann in Surrealistische Filme-Listen auf, dieser erfüllt eine ganze Reihe an Kriterien: Die Geschichte um eine altehrwürdige Versicherungsgesellschaft, in der irgendwann aus heiterem Himmel absurde Diskussionen über den Sinn des Lebens losgetreten werden, der permanente Spott übers bisweilen bizarre Leben im Kapitalismus plus ein grotesker Piraten-Überfall schreien geradezu „surreal!“ Und sogar das spontane Moment kommt, im Gegensatz zu vielen anderen Filmen, zum Zuge – Gilliams überredete seine Filmcrew, live aufzunehmen. Was ursprünglich als eine Szene in „Monty Python’s The Meaning of Life“ werden sollte, wurde schließlich zum Vorfilm des „Life of Brian“.

08

Alice (Jan Švankmajer, 1987)

Der tschechische Filmemacher Jan Švankmajer kann zwar allein biografisch bedingt kein Surrealist erster Generation sein, er selbst versteht sich aber als explizit surrealistischer Künstler. Zu seinen auch in Westeuropa bekanntesten Werken zählt die Neuadaption von „Alice“, in dem Švankmajer all das reinpacken wollte, was ihm in den bisherigen Verfilmungen des Märchens fehlte: Moralisches, Ambivalenzen, Düsternis. Die unwirkliche Atmosphäre wird gestützt durch ein komplett selbstgebautes Set, in dem die leibhaftige Alice verschiedenen Puppenwesen begegnet.

09

Everlong – Foo Fighters (Michel Gondry, 1997)

Immer wieder wird Michel Gondry als zeitgenössisches Beispiel surrealistischer Filmemacher angeführt. Ob seine verwunschen-fantastischen Sets tatsächlich dem Grundgedanken der Surrealisten entsprechen, darüber lässt sich streiten. Am nächsten dran an jenem morbide-faszinierten Spiel mit der Realität ist vielleicht gar nicht einer seiner Spielfilme, sondern dieses weit vor dem Debüt gedrehte Musikvideo für die Foo Fighters, in dem in schöner Gruselmärchenmanier Hände wie Ängste plötzlich überdimensional groß und Frauen durch Abreißen ihrer Gummigesichter zu Männern und wieder zu anderen werden.

10

Being John Malkovich (Spike Jonze, 1999)

Die erste Zusammenarbeit von Spike Jonze und Drehbuchautor Charlie Kaufmann ist eine brillante, absurd-surrealistische Tragik-Komödie: Der erfolglose Puppenspieler Craig (John Cusack) nimmt einen öden Job in der 7 ½ Etage (!) eines New Yorker Hochhauses an, verliebt sich dort unsterblich in seine Kollegin Maxine (Catherine Keener) und findet in seinem Büro einen geheimen Zugang in das Bewusstsein des Schauspielers John Malkovich. Der groteske Plot verwebt Spielwiesen des Surrealismus (das Unbewusste, die Zertrümmerung bürgerlicher Konventionen) und philosophische Identitätsfragen zu einer bitterbösen Mélange, die auch knapp zwanzig Jahre nach Entstehung nichts von ihrer Originalität und Finesse eingebüßt hat.