08. Juni 2018

Systematische Monokulturen, großflächige Waldrodungen, erschöpfte Ressourcen. Was längst keine Dystopie mehr ist, thematisiert der Künstler Julian Charrière in seiner aktuellen Ausstellung in der Kunsthalle Mainz.

Von Maria Sitte

Nach der Kernspaltung und den neuesten Entwicklungen in der Gentechnologie scheint die nächste Stufe der Naturbeherrschung durch den Menschen erreicht. Die babylonischen Auswirkungen verheißen nichts Gutes. Als essentielle Grundlage des menschlichen Daseins befindet sich das sensible Ökosystem im stetigen Wandel. Und: es ist längst nicht mehr unerschöpflich.

Umgeben von den drängenden Themen unserer Zeit, erkundete der Französisch-Schweizerische Künstler Charrière auf seiner jüngsten Expedition nach Indonesien sowohl menschliche Eingriffe in das dortige Ökosystem als auch natürliche Umweltkatastrophen, wie den Ausbruch des Vulkans Tambora im Jahre 1815, der die gesamte Erdatmosphäre kurzzeitig abkühlen ließ. Den gleichzeitigen Blick in die Gegenwart und Vergangenheit Indonesiens vermengt Charrière in seinen neu entstandenen Arbeiten zu einem Strudel von Querverweisen. Am deutlichsten wird dies in der aus Asche bestehenden Wandcollage „To observe is to influence“ (2018). Durch die Verbrennungsrückstände weckt sie nicht nur die Erinnerung an den Vulkanausbruch, sondern verweist auch auf die aktuellen Regenwaldrodungen für den Anbau von Ölpalmen. Ein Leitgedanke hält dabei seine gesamte Werkgruppe zusammen: die Natur als erschöpfte Ressource.

Zwischen Palmfett-Quader und Techno-Rave

Der Parcours durch die Ausstellung folgt einer atmosphärischen Dramaturgie, das Thema Palmöl taucht immer wieder auf. Dabei steht vor allem die ökologische Ausbeutung im Vordergrund, denn in Indonesien werden jedes Jahr riesige Flächen von Torfmoorwäldern für den Anbau niedergebrannt. Dem industriellen Endprodukt begegnet man direkt in der ersten Installation „The other side of Eden“ (2018): meterhoch stapeln sich die aus Palmfett gepressten Quader auf polierten Edelstahlpaletten. Wer einen aufmerksamen Blick auf den angeschlossenen Stromerzeuger wirft, kann beobachten, wie das goldgelbe Öl als Treibstoff für die intakte Nebelmaschine nutzbar gemacht wird und anschließend verdampft. Spätestens hier wird die grenzenlose Verfügungsgewalt über die Natur deutlich; aber auch das Bewusstsein über die vollständige Abhängigkeit von ihr.

Julian Charrière, To Observe is to Influence, 2018, Installation View, An Invitation to Disappear, Kunsthalle Mainz, Photo by Jens Ziehe, (c) VG Bild-Kunst
Julian Charrière, The Other Side of Eden, 2018, Installation View, An Invitation to Disappear, Kunsthalle Mainz, Photo by Jens Ziehe, (c) VG Bild-Kunst

Doch das eigentliche Herzstück der Ausstellung ist Charrières Film „An invitation to disappear“ (2018), den er auf einer kultivierten Palmöl-Plantage drehte. Die ekstatischen Klänge des Films dröhnen schon von Weitem und wirken, gepaart mit den grellen Lichtern und der im Nebel liegenden Atmosphäre der Anbaufläche, wie ein hipper, aber menschenleerer Techno-Rave. Irgendwie wirkt das kontrastreiche Spektakel hypnotisch und anziehend zugleich. Mit der romantisierten Vorstellung vom Naturidyll hat das jedenfalls nichts zu tun.

Im Anthropozän angekommen

Charrière ist aller Skepsis zum Trotz jedoch nicht an der Dualität zwischen Mensch und Natur interessiert, sondern sieht den Menschen als Teil von ihr. Mit anderen Worten: Natur und Kultur stehen sich nicht als Antipole gegenüber, sondern sie verschmelzen miteinander. Diese Sichtweise auf den Menschen als geologischen Faktor spiegeln schon Charrières frühere Arbeiten wider. Hierfür hat er bereits schmelzende Gletscher in Island erklommen oder radioaktive Gebiete in Kasachstan und dem Bikini-Atoll erkundet. Der Mensch formt die Natur, so der Tenor.

Die Ausstellung in der Kunsthalle Mainz knüpft an diese Überlegungen an und lebt insbesondere von der physischen Erfahrung, die sie den Besuchern bietet. Wechselnde Raumtemperaturen, sanfte Rauchschwaden und sichtbare Materialveränderungen verwandeln die Ausstellung in einen laborartigen Erfahrungsraum. Spannend ist vor allem der den Arbeiten innewohnende diagnostizierende Blick Charrières. Ein Blick, der zeigt, dass unsere Vorstellung einer unberührten Natur überholt ist und vor allem die technologisierte Welt unser Bild von ihr bestimmt. Skandalträchtig ist dabei lediglich, dass dies für uns schon zur Normalität geworden ist.

Julian Charrière, Tambora, 2018, Installation View, An Invitation to Disappear, Kunsthalle Mainz, Photo by Jens Ziehe (c) VG Bild-Kunst
Julian Charrière, We Are All Astronauts, 2013 Foto: Norbert Miguletz, © Julian Charrière (c) VG Bild-Kunst