03. Mai 2017

Richard Gerstl weigerte sich standhaft, auch nur in die Nähe des berühmten Kollegen Gustav Klimt gerückt zu werden. Ihre künstlerischen Ideen standen sich diametral gegenüber.

Von Daniel Urban

Leidenschaftlicher Hass zwischen Künstlern ist etwas, von dem nicht selten berichtet wird: Ähnlich wie sich heutzutage Hip-Hop Stars – nicht immer unernst – dissen oder Popstars gegeneinander ätzen und so beispielsweise Art Garfunkel seinen Band-Kollegen Paul Simon einen „Idioten mit Napoleon-Komplex“ nannte, so gerieten auch die Grandseigneurs der bildenden Kunst wie Michelangelo und Leonardo oder William Turner und John Constable aneinander.

Während die genauen Ursachen für eine abgrundtiefe Abneigung dem Außenstehenden natürlich verbogen bleiben müssen, so gibt bei Künstlern doch manchmal das Werk selbst eine mögliche Antwort auf die Frage nach dem Warum der Feindschaft und befeuert so noch einmal zusätzlich die neugierige Lust an den Animositäten berühmter Maler.

Sexuell aufgeladen und plump

Wie sich Richard Gerstl den Beinamen „Der Anti-Klimt“ verdiente, erzählt eine kleine Anekdote: Der noch junge Gerstl wurde von der renommierten Wiener Galerie Miethke zu einer Gruppenausstellung eingeladen, schlug diese jedoch mit der Begründung aus, er wolle unter keinen Umständen gemeinsam mit Gustav Klimt ausstellen. Mit seiner Abneigung dem berühmten Wiener Secessionisten gegenüber war Gerstl bei Weitem nicht alleine: Der schlagfertige Schriftsteller und Kritiker Karl Kraus polemisierte schon 1900 in seiner Zeitschrift „Die Fackel“ gegen dessen Fakultätsbilder, die Klimt zur Ausschmückung der Decke des Festsaals der Uni Wien angefertigt hatte. Kraus waren die Ornamente zu sexuell aufgeladen, schlichtweg zu plump.

Gustav Klimt, Image via wikipedia.org

Die Weigerung Gerstls, gemeinsam mit Klimt auszustellen, reiht sich in eine ganze Reihe von Abgrenzungsbezeugungen des jungen Berserkers ein, der beispielsweise ebenso leidenschaftlich gegen seinen liberalen Dozenten und Förderer Heinrich Lefler, Professor an der Wiener Akademie, rebellierte. Dennoch stellt sie ein bemerkenswertes Faszinosum dar, torpediert sie doch direkt das ureigene Interesse eines Künstlers, namentlich ausgestellt und im besten Falle be- und anerkannt zu werden.

Das Verdrängte im Fokus

Ein Blick in die Werke beider Künstler, und der Betrachter bekommt eine Ahnung, warum Gerstl den Maler Klimt und alles was ihn ausmachte, so abgrundtief ablehnte. Puren Neid auf das Können des anderen kann man ausschließen, schaut man sich das Porträt der Smaragda Berg an, in dem sich Gerstl den Stil der Wiener Secessionisten mühelos und in vielleicht bloß ironischer Weise aneignet. Die mystische Aufladung hingegen, aus der sich Klimts Bilder speisen und die plastische Schönheit, die in ebenjenen zur Schau gestellt wird, widersprechen allem, was uns in Gerstls eigenen Bildern begegnet. Werke beider Künstler lassen sich psychoanalytisch deuten, scheinen doch der eine wie der andere Kerngebiete des Verdrängten in den Fokus zu rücken – die Sexualität und nachgerade die Libido, sowie das Ausbrechen von Traumbildern aus dem Unbewussten.

Richard Gerstl, Couple in a Field, July 1908, © Leopold Museum, Wien

Während jene jedoch bei dem einem in Gold und ästhetisch ansprechend repräsentiert werden und somit in die Sphäre des Mystisch-Göttlichen überhöht scheinen, holt der andere sie im gleichen Atemzug in die Lebenswelt des Menschlichen hinein und gibt sie somit auch der Hässlichkeit preis, gleich einer offenen Wunde. Bei Gerstl ist kaum etwas einfach nur schön und zauberhaft, hiervon zeugen unter anderem die unzähligen Selbstbildnisse sowie die Porträts seiner heimlichen Geliebten Mathilde Schönberg. Diese sind mehr als eine bloße Abbildung der objektiven Realität, stoßen vielmehr die Tür auf zum Verdrängten, das an die Oberfläche gezogen wird.

Kunst ist allergisch

Im krassen Gegenzug hierzu steht Klimts Weigerung, sich selbst zu porträtieren, die er einmal wie folgt begründete: „Von mir gibt es kein Selbstporträt. Ich interessiere mich nicht für die eigene Person - eher für andere Menschen, weibliche. […] Wer etwas über mich wissen will, soll meine Bilder aufmerksam betrachten, daraus erkennen zu suchen, was ich bin und will.“ Jene Bilder nun könnte man gewagt als Allgemeinbilder des Verdrängten begreifen, die das Konkrete und Spezifische scheuen und viel eher an Archetypen aus mythischen Zeiten, wie sie C.G. Jung später beschrieb, rekurrieren. Gerstls Bilder hingegen wirken beinahe so, als würden sie Theodor W. Adornos Worte proklamieren: „Die Rede vom Zauber der Kunst ist Phrase, weil Kunst allergisch ist gegen den Rückfall in Magie.“ Zumindest Gerstl selbst scheint allergisch gegen jenen Rückfall gewesen zu sein.

Gustav Klimt, Der Kuss, 1907-1908, Image via kunst-zeiten.de