22. November 2017

Der Künstler John Skoog zeigt im DOUBLE FEATURE am 27. November seinen Film "Shadowland", in dem die wandlungsfähige Landschaft des US-amerikanischen Westens die eindrucksvolle Hauptrolle spielt.

Von Daniel Urban

In einem der bekanntesten amerikanischen Folk-Lieder sang Woody Guthrie programmatisch: “This land is your land, this land is my land / From California to the New York Island / From the Redwood Forest, to the Gulf stream waters / This land was made for you and me.” Die unglaubliche geographische Vielfalt der Vereinigten Staaten klingt in den Liedzeilen schon an, das Reisen durch die verschiedenen Landstriche wird in Guthries Song zu einem quasi metaphysischen Erlebnis, dem selbstredend auch eine politische Implikation innewohnt.

Und wer könnte es leugnen: Die endlosen Weiten der unterschiedlichen geographischen Zonen eignen sich wunderbar als Sehnsuchts- und Assoziationsbild. Nicht zuletzt auch dieser Umstand trieb die amerikanische Filmindustrie in den 1910ern von New Jersey nach Kalifornien: Neben wirtschaftlichen Gründen, vorteilhafteren klimatischen Bedingungen sowie besseren Lichtverhältnissen barg die Landschaft Kaliforniens mit ihren elf geomorphologischen Gebieten von alpinen Bergketten über malerische Küstengebiete bis hin zu Wüsten einen ungeheureren Reichtum an potenziellen kostenlosen Drehsets für nahezu alle denkbaren Filmgeschichten.

Größtenteils menschenleere Orte

„Shadowlands“ (2014) des schwedisch-stämmigen Künstler John Skoog (*1985) nimmt uns mit in das Reich der kalifornischen Landschaften: Langsam gleitet die Kamera durch einen dunklen Tunnel, die Linse vollkommen fixiert auf das Licht am Ende jenes. Just bevor die Freiheit erreicht ist, erfolgt ein Schnitt auf eine düstere, nebelverhangene Bergkette in der Dämmerung. Es folgt eine Fahrt durch die Steppe, ein Blick auf das Meer samt beeindruckender Felsformationen, dann eine alpine Berglandschaft. Den kontrastreichen 16mm Schwarz-Weiß-Aufnahmen ist eine gewisse melancholische Nostalgie eingeschrieben: Das grobkörnige Filmmaterial zeigt größtenteils menschenleere Orte, die Tonspur gibt mal vermeintliche O-Töne wieder, dann ist sie durchdrungen von abstrakterem Sounddesign.

John Skoog, Shadowland, 2014, film still, copyright the artist
John Skoog, Shadowland, 2014, film still, copyright the artist

Eine kurze Sequenz gibt Aufschluss, was es mit all diesen Orten auf sich hat, die Skoog in „Shadowlands“ präsentiert: Ein Mann zeigt Set-Fotografien alter Hollywood-Filme und erzählt dabei eine kleine Anekdote über das amerikanische Verteidigungsministerium, das ihn im Rahmen einer Suche nach Sets für militärische Trainingsvideos kontaktiert hatte. Der Mann konnte aushelfen: Drehorte für Westernfilme gingen problemlos als afghanische Steppe durch, vorausgesetzt, die Ausstattung stimmt – Soldaten statt Cowboys, anstelle von Pferden militärische SUVs. Und wer könnte in der Tat den Unterschied erkennen?

Der Garten Eden und der Mars

Und so zeigen alle Aufnahmen in „Shadowlands“ ehemalige Drehorte alter Hollywoodfilme. Die Abspanntafel klärt den Betrachter sodann darüber auf, welche Location jeweils welchen Filmort gespielt hat; darunter Plätze in England, Mexico, Alaska, Italien, Schweiz und eben Afghanistan. Aber auch für das Batcave des DC-Comic-Helden Batman hielt die kalifornische Landschaft einen passenden Drehort parat, ganz zu schweigen von entsprechenden Sets für den Garten Eden, Robinson Crusoes Insel oder gar den Mars: Die kalifornische Landschaft als wandelbarste „Schauspielerin“ auf diesem Planeten.

John Skoog, Shadowland, 2014, film still, copyright the artist
John Skoog, Shadowland, 2014, film still, copyright the artist

Schon die Filmemacherin Babette Mangolte war von der Landschaft des US-amerikanischen Westens fasziniert. Ihr Film „The Sky on Location“ (1982), den sich John Skoog als Lieblingsfilm für den DOUBLE FEATURE-Abend ausgesucht hat, fokussiert jene Landstriche, nimmt nahezu die Perspektive der ersten Siedler auf ihre Reise in den Westen ein und spürt dem Himmelslicht der verschiedenen Jahreszeiten nach. Für die in Frankreich aufgewachsene Mangolte stellten die amerikanischen Gefilde eine ungeahnte Weite dar, ungezähmt und unberührt, die sie aus ihrem Heimatland so nicht kannte. Ähnlich erging es Skoog auf längeren Autofahrten durch Kalifornien, bei denen sich innerhalb von wenigen Stunden die Topographie komplett veränderte.

Eine eigene Zeitrechnung

Die Landschaft blieb dem Filmemacher lange in Erinnerung, in „Shadowland“ erscheint sie dem Betrachter überaus vertraut und geheimnisvoll zugleich. Was mag sich an den Orten abspielen, die gezeigt werden. Oder kommt dem Ort selbst tatsächlich die Hauptrolle zu? Diesen mächtigen Gebieten, die sicher unendlich von Freud und Leid, dass sich auf ihnen abspielte, berichten würden, könnten sie nur reden. Auf das Befragen eines Ortes auf eine solche Narrationsfähigkeit scheint es Skoog auch in anderen Werken abgezielt zu haben: In der Arbeit „Reduit (Redoubt)“ setzte er so beispielsweise das Haus eines schwedischen Arbeiters ins Bild, das dieser aus Angst vor einer sowjetischen Invasion in eine Art Betonfestung umgebaut hatte. In der Fotoserie „Palace“ zeigte der Künstler alte US-amerikanische Kinosäle, beeindruckende Filmpaläste, deren Patina gleichwohl vom alten Glanz einer Ära wie auch deren Verfall berichten.

Babette Mangolte, Sky on Location, 1982, Film Still, Image via broadway1602.com

Babette Mangolte, Image via broadway1602.com

Solcherlei rapider Niedergang droht den Orten in „Shadowlands“ natürlich nicht: Die aktuellen Aufnahmen wirken weder sonderlich historisch noch aktuell, scheinen viel eher einer eigenen Zeitrechnung zu entstammen, und berichten trotz ihrer Unfähigkeit zu sprechen einem jeden Einzelnen eine ganz eigene Geschichte.