30. Oktober 2017

Im DOUBLE FEATURE im Oktober zeigt die Künstlerin Ani Schulze ihren neuesten Film "Merchants Freely Enter".

Von Daniel Urban

Rätselhafte Dinge scheinen in Ani Schulzes Arbeit „Merchants Freely Enter“ (2017) vor sich zu gehen, dabei geschieht zu Beginn augenscheinlich gar nicht viel. Hochauflösende Nahaufnahmen der Natur im Wald - ein Bach, Blätter, Nebel zieht durch den Bildausschnitt. Der Wald-Atmo auf der Tonspur gesellen sich perkussive Elemente hinzu; zwischenzeitlich verzerrt die Tonspur hörbar, beinahe so, als würde sie in ihre digitalen Bestandteile zerlegt. Personen in schwarzer Montur tauchen auf, zunächst nur von der Taille abwärts sichtbar, dann auch vollständig, und spielen mit Holzvögeln. Nun löst sich die Kamera vom Boden und überfliegt große Kornfelder, den Blick immer auf den Boden, nie in die Ferne gerichtet.

Ani Schulze, Merchants Freely Enter [filmstill], 2017, Copyright the artist

In Ani Schulzes (*1982) Arbeiten tauchen bestimmte Elemente immer wieder auf: Verlassene Orte, das In-Szene-setzen von Architektur, die Gegenüberstellung von Schriftsprache und Bild, der Versuch, eine visuelle Sprache zu kreieren, die mehr kommuniziert als nur das offensichtlich Gezeigte. In der Mixed-Media-Installation „Vacant Lands“ fokussierte so beispielsweise die Videoarbeit „Fecund Soil“ (2016) Das surreale Setting eines Naturschutzgebietes im Hafenareal Antwerpens, direkt neben einem der größten Chemiekonzerne der Welt.

Anknüpfen an Sehgewohnheiten

„From Aerial Vortices“ (2015) setzt sich mit dem rekonstruierten modernistischen Innenausbau der Aubette, einem klassizistischen Gebäude in Straßburg, auseinander, der Ende der 1920er-Jahre durch Künstler der De Stijl- Gruppe durchgeführt wurde. Im Ausstellungskontext zeigt Schulze ihre Filme in raumgreifenden Installationen, kombiniert sie mit Zeichnungen, Malereien oder Skulpturen, wie etwa gerade in Schloss Ringenberg in der Ausstellung "The Crop" zu sehen.

Ani Schulze, Merchants Freely Enter [filmstill], 2017, Copyright the artist
Ani Schulze, Merchants Freely Enter [filmstill], 2017, Copyright the artist

In der Welt von „Merchants Freely Enter“ weiß man als Betrachter so auch nie genau, woran man ist oder wo man sich befindet: Die Aufnahmen evozieren bestimmte Gefühlswelten, knüpfen an gewisse Sehgewohnheiten an, lassen die erweckten Erwartungen im Folgenden jedoch dem Anschein nach ins Leere laufen. Möchte man die Arbeit in verschiedene Teile aufschlüsseln, so wiederholt sich die Struktur des ersten Teils im Folgenden. Anstatt der Nahaufnahmen der Natur werden nun jedoch auf dem Boden liegende Personen in close-ups von der Kamera eingerahmt. Schlafen die Personen? Sind sie überhaupt am Leben? Was hat es mit den Kaufleuten, auf die der Titel verweist, auf sich?

Niemand sieht den gleichen Film

Auffallend ist der Kontrast von Statik und Bewegung: entweder die statische Kamera fängt fließende Bewegungen ein, oder aber sie filmt in ruhigen Fahrten regungslose Gegenstände ab. Trotzdem die Kamera fast nie den Blick aufs Ganze mittels einer weiten, offenen Totale freigibt und somit Einordnung ermöglicht, entsteht dennoch kein klaustrophobes Bilderkorsett. Entledigt von jeglicher Sprache, gesprochener wie auch geschriebener, entwickelt sich „Merchants Freely Enter“ immer mehr zu einer Art Imaginations-Maschine, die sich für den Betrachter als Ausgangspunkt eigener Filmversionen andient, bei der niemand den exakt gleichen Film zu sehen scheint.

Ani Schulze, Merchants Freely Enter [filmstill], 2017, Copyright the artist
Ani Schulze, Merchants Freely Enter [filmstill], 2017, Copyright the artist

Als Lieblingsfilm hat sich Ani Schulze den ersten Teil der monumentalen Trilogie „As Mil e Uma Noites“ (Arabian Nights) von Miguel Gomes aus dem Jahr 2015 ausgesucht. Die Trilogie bedient sich lose der Struktur der titelgebenden Geschichten aus Tausendundeiner Nacht. In jener nimmt sich der König Schahrayâr, enttäuscht von der Untreue seiner ersten Ehefrau, jeden Tag eine neue Gattin, die er direkt nach dem Vollzug der Ehe töten lässt. Um dem Morden ein Ende zu setzen, lässt sich Scheherazade, die Tochter des Wesirs des Königs, mit jenem verheiraten und erzählt ihm jede Nacht eine unvollständige Geschichte, auf dass der König sie jeweils noch einen weiteren Tag leben lasse, um das Ende der Erzählung zu hören.

Der Regisseur flieht vom Set

In „Volume 1, O Inquieto“, zu Deutsch „Der Ruhelose“, schlüpft Regisseur Gomes selbst in die Rolle Scheherazades und dokumentiert über den Zeitraum von zwölf Monaten den Alltag und die Entwicklungen in Portugal während der jüngsten Wirtschaftskrise und die Folgen für die Bevölkerung. Der Film beginnt mit dem Aufeinandertreffen von Realität und Fiktion – hier: der Schließung einer Werft mit dem Versuch eines Spielfilmdrehs. Angesichts der aktuellen Umstände seines Landes, dessen Arbeits- und Perspektivlosigkeit, verzweifelt der Regisseur darüber, einen simplen, fiktiven Film zu drehen und flieht kurzerhand vom Set.

As Mil e Uma Noites, Miguel Gomes, Image via apaladewalsh.com

As Mil e Uma Noites, Miguel Gomes, Image via shifter.pt

Die Crew nimmt Gomes gefangen und droht mit seiner Hinrichtung, und so beginnt er wie einst Scheherazade,  Geschichten zu erzählen: Geschichten über ein Treffen von Ministerpräsident, Finanzminister und Gewerkschaftsbossen und deren Dauererektion, ausgelöst durch das Spray eines kecken Schamanen. Geschichten einer (realen) Gerichtsverhandlung über einen Gockel, der jeden Morgen viel zu früh die angrenzenden Nachbarn durch sein Geschrei aufweckte und hernach getötet werden sollte. Und auch Erzählungen von und über einfache Menschen, die ihre Arbeit verloren haben und nun an der Armutsgrenze ihr Dasein fristen.

Das Monumentale und Größenwahnsinnige

Der Film schildere „Geschichten von Armen und Reichen, Mächtigen und Unbekannten, Kindern und Alten, Menschen und Tieren“, so Miguel Gomes. Das an ein Film-Essay erinnernde Werk ist dabei verspielt, ernst, leichtfüßig, dramatisch und zuvorderst überaus human. Gomes versucht, die Bandbreite menschlicher Empfindungen in Geschichten und Bilder zu packen und das metaphorische Potential voneinander unabhängiger Geschehnisse zu erkunden. Gleichermaßen stellt der Film den Versuch da, explizit zeitnah und konkret auf gesellschaftliche, politische und historische Ereignisse einzugehen. Das Monumentale und vielleicht auch Größenwahnsinnige von „As Mil e Uma Noites“ birgt seiner Form nach dann auch immer etwas von dem in sich, wie der konkrete Einzelne, der hier seine Arbeit, seinen Besitzstand oder seine große Liebe verliert, sich gegenüber den Vorgängen in der Welt überhaupt fühlen muss: mal abgehängt, mal belustigt, mal traurig, mal grotesk.

As Mil e Uma Noites, Miguel Gomes, Image via revistainterludio.com.br