16. Juli 2013

Die Street-Art Szene in Ägypten ist jung, wild und lebendig. Ein Erfahrungsbericht über das Arbeiten auf den Straßen Kairos zwischen Chaos und Inspiration.

Von Nora Al-Badri und Jan Nikolai Nelles

Es waren noch drei Tage bis zum 30. Juni 2013, dem Tag an dem die Ägypter einen der größten friedlichen Protestmärsche aller Zeiten mobilisieren sollten. Es ist schon dunkel geworden. Die Haupteinkaufsstraße in Downtown Kairo, die Talat Harb, quillt über vor Menschen und Autos. Hupen, Schreien so wie immer. Schritt für Schritt kämpfen wir uns durch die Straßen vorbei an der bekannten El Horreya Bar. Hier sitzt man hinter verbarrikadierten Fenstern - geschützt vor den Blicken der Passanten - und frönt dem Alkoholgenuss. Es sprudelt die Stella Bier Quelle scheinbar ohne Ende, auch unter einer Regierung aus Moslembrüdern. Unser Ziel heute ist ein kleines Café am Platz Babeluk. Die Menschen sehen hier anders aus. Ihre Gesichtszüge wirken entspannter. Junge Frauen und Männer sitzen gemeinsam in kleinen und großen Gruppen im Café und trinken Mokka oder schwarzen Tee. Hier beginnt der Teil der Stadt, an dem sich die Literaten, Künstler, Musiker und sonstige Freigeister versammeln.

Eine neue Freiheit für die Künstler in Ägypten

Wir treffen Alaa Abd El Hamid, einen jungen Bildhauer, und den Maler und Street-Artist Ammar Abo Bakr. Sie bereiten seit mehreren Wochen eine größere Wandarbeit vor und haben uns eingeladen etwas dazu beizutragen. Später kommt noch Sameh Ismael Tawfik dazu. Er arbeitet vor allem mit Kalligraphie – auch auf Wänden. Das geplante Mural wird in der Qasr El Nil, einer der großen Straßen, die auf den Tahrir Platz führen, realisiert werden. Am 30. Juni 2013, dem Jahrestag des Amtsantritts von Präsident Mursi, soll es fertiggestellt sein. Eben für diesen Tag sind bereits seit Wochen landesweite Proteste angekündigt. Eine Revolution mit Ansage.

Bereits an diesem Abend, drei Tage vor dem Stichtag, spürt man, wie die Temperatur der Gemüter stetig steigt. Auf dem Weg zum Atelierhaus durchqueren wir kaum beleuchtete Straßenzüge. Unzählige Grüppchen junger Menschen und knatternde Zweitakt-Motoren bestimmen das Bild dieser Straßen. „Keine Regeln!“, die Polizei traue sich schon lange nicht mehr hierher – und die Islamisten, Salafisten und Moslembrüder auch nicht, denn das würden sie nicht überleben, erklärt uns Ammar. Was bedeutet das für uns? Presseberichte über ‚Gang-Rapes’ und Schießereien im Gedächtnis vermischen sich mit dem Gefühl von ausgelassener, autonomer Selbstbestimmung zu leisem Unbehagen. Es ist eine neue Freiheit für die Künstler in Ägypten, denn es gibt tatsächlich keine Regeln mehr. Wie lange noch weiß keiner.

In Gruppen findet man Schutz auf der Straße

Wir ziehen weiter ins Atelier. Es ist ein schönes, altes und hohes Haus und nachdem wir sieben Stockwerke erklommen haben fängt jeder an zu arbeiten. Zwischendurch wird geplaudert. Wir reden über unsere Arbeiten und finden so viele Parallelen, dass wir lachen müssen. Die Idee, eine Wand mit Skulptur, Malerei, Text und Fotografie zu beleben, gefällt uns allen. Wir werden ununterbrochen gefilmt. Alle paar Minuten klingelt es an der Tür. Zwei Stunden später herrscht Aufbruchsstimmung. Eine verzweifelte Rede an das Volk von Mohammed Mursi wird auf den Tahrir-Platz übertragen. Schon seit einiger Zeit hört man auf der Straße die Menge in Bewegung, ein ungleichmäßiges Rauschen. Wir wollen etwas von der Energie der Menschen auf dem Tahrir mitnehmen, meint Alaa. Gesagt, getan: Zwischen dem Ü-Wagen, der während der Rede des Präsidenten die unmittelbare Reaktion der Massen auf dem Tahrir Platz überträgt und den brennenden Postern und Fahnenschwenkenden, waren auch immer wieder Familien mit Kindern zu sehen. Eine sonderbare Mischung aus Volksfest und Volksaufstand. Nur vereinzelt waren Polizeifahrzeuge beklebt mit Protestbannern vor Ort.

Wieder im Atelier werden letzte Vorbereitungen getroffen. Qualm und Schaffensdrang wabern durch die Luft. Um zwei Uhr nachts finden wir uns auf der Straße wieder. Vor der Tür wartet ein Pick-up mit laufendem Motor auf uns und eine neue Gruppe, die uns die nächsten zehn Stunden begleiten wird. Das ist wichtig, denn in der Gruppe findet man Schutz auf der Straße, erklärt uns Ammar. Mit dabei sind viele andere Künstler wie der Bildhauer Ramy El Fass, die uns bei der Arbeit an der etwa 30 Meter langen Wand unterstützen werden. Der Pick-up fährt voll beladen los und kleine Gruppen machen sich auf den Weg. Wir haben die Orientierung für einen Moment verloren und finden uns auf dem inzwischen wieder leerer gewordenen Tahrir-Platz wieder. Ein beklemmendes Gefühl, denn dies ist nicht nur ein Ort der Freiheit sondern auch der Gewalt und der Mobs. Unser Gefühl trügt nicht, wie sich später herausstellen soll.

Militärhubschrauber ziehen ihre Kreise

Schnellen Schrittes ziehen wir weiter und kommen in der Qasr El Nil an. Ammar und Alaa bearbeiten schon die Wand. Mit viel Dreck, Farbe, Schweiß, Mokka und Montageschaum an den Fingern fliegen die nächsten zwölf Stunden an uns vorbei. Die Hochstimmung erhält lediglich einen Dämpfer, als wir neues Werkzeug besorgen und mit dem Motorrad eine Abkürzung über den Tahrir-Platz nehmen wollen. Dort, nur ein paar hundert Meter von unserer Wand entfernt, werden wir von aufgeregten Menschen aufgehalten, die uns den Weg versperren. Es hat eine Schießerei gegeben. Etwas später kommt Mohamed Ismail Shawki vorbei, der Teil des Künstlerkollektivs „Brigades Mona Lisa“ ist. Er hat gerade eine Mural in Zamalek, einem der wohlhabenden Bezirke der Stadt, fertig gestellt. Wir reden über die Situation der Künstler im Land. „Nach der Revolution hat sich die Kunstszene stark verändert. Viele Underground Bands sind bekannt geworden und die Kunst, wie Graffiti, Musik und Performance hat sich auf die Straße verlagert. Die Straße ist der richtige Ort, um mit den Menschen zu kommunizieren und wir wollen dabei helfen, ihrer Stimme Ausdruck zu verleihen“, erzählt Mohamed.

Als sich am Morgen wieder die Sonne zeigt, blicken wir erstaunt zum Himmel. Es ist das erste Mal in vier Wochen, dass wir Wolken sehen. Und wir sind so froh darüber, denn das macht das Arbeiten bei 40 Grad viel erträglicher. Ammar kommt zu uns und zeigt uns den Druck eines Wolkenhimmels, den er als Vorlage für das Mural gewählt hat. Als er uns erzählt, dass es eine Fotografie von einem bewölkten Himmel aus Deutschland ist, müssen wir alle grinsen. Wenig später tauchen vier Militärhubschrauber am Himmel auf und ziehen ihre Kreise über dem Tahrir Platz. Die Sonne wird stärker und wir ziehen uns zurück.

Die staubigen Wände in Kairo werden bunt

Das Mural von Alaa, Ammar und Sameh "Reclaiming Egyptian Identity" ist erst spät am nächsten Tag fertig. Die drei beziehen sich mit der Arbeit auf die ägyptische Identität, die heute von islamistischen Kräften und den Moslembrüdern unterdrückt wird. Diese Identität, das Vergangene, muss verstanden werden, damit eine Zukunft für die Gesellschaft möglich wird. Die Arbeit zeigt Ägypten als Frau, mit goldbrauner Haut – eine ikonografische Fusion aus dem altem und dem neuen Ägypten. Eine der Skulpturen von Alaa – aus Auspuffanlagen zusammengeschweißt und buntlackiert – eine Art Flügelwesen ziert die Stirn des Portraits.

Seit der ersten Revolution 2011 ist die Street Art-Szene lebendiger denn je und die Künstler erobern den öffentlichen Raum zurück. Die staubigen und von einer Sandschicht überzogenen Wände in Kairo sind heute bunt und der Ausdruck des Rufs nach der überall widerhallenden „Hurriya“ (Freiheit). In den letzten Tagen und Wochen herrschen schwierige Zeiten und unsere Freunde in Kairo wie Hamdy Reda, der Direktor des Art Spaces „Artellewa“ schreibt uns, dass er keine Worte für diese Zeit findet, aber auch dass es allen gut geht und sie nach wie vor optimistisch sind.