23. Januar 2015

Pop in deutschen Städten, Teil 4: in München bleibt die Pop Art trotz ihrer Vielstimmigkeit ein Intermezzo.

Von Sabine Weier

„POP" titelt die deutsche Zeitschrift „Das Kunstwerk" 1964 und berichtet ausführlich über die junge Kunst aus Großbritannien und den USA. Werke von Robert Rauschenberg, Jasper Johns, Jim Dine und Claes Oldenburg sind im gleichen Jahr bei der Biennale in Venedig zu sehen -- Rauschenberg wird dort sogar ausgezeichnet -- und auch die dritte Documenta in Kassel zeigt Arbeiten von Rauschenberg, Johns und Allen Jones. Einige Kritiker fürchten eine amerikanische Kulturkolonisation. Einige Künstler nehmen den Pop begeistert an.

Mit etwas Verspätung auch die Münchner. Im Umfeld der Akademie der Bildenden Künste haben sich seit den späten Fünfzigerjahren Gruppen gebildet. Der Bildhauer Lothar Fischer und der Maler Heimrad Prem etwa gehören zu „Spur", beide nehmen an der dritten Documenta teil. 1965 fusionieren „Spur" und die Gruppe „Wir" zu „Geflecht" -- der Name soll die in der Pop Art so essenzielle Verbindung von Kunst und Leben beschreiben. In engem Austausch entstehen in den kommenden drei Jahren eigene Interpretation der Pop Art.

Die Infragestellung des Geniekults, der gerade der Malerei und der Bildhauerei anhaftet, gehört zu den wichtigsten Prinzipien des Pop. Die Künstler der Gruppe „Geflecht" -- darunter Hans Matthäus Bachmayer, Reinhold Heller, Florian Köhler, Heino Naujoks, Helmut Rieger, Helmut Sturm und HP Zimmer -- schaffen Werke im Kollektiv, zum Beispiel ihre „Antiobjekte". Das sind dreidimensionale Arbeiten, nicht ganz Objekt, nicht ganz Bild, Hybride zwischen Skulptur und Malerei. Geschwungene Elemente, in Materialien wie Papier, Blech oder Draht ausgeführt, treffen in den meist abstrakten Arbeiten auf poppige Farben. Sogar ein „Antiobjekt"-Manifest entsteht.

Nicht alle Gruppenmitglieder identifizieren sich mit den Entwicklungen, so verlassen gerade die prominenten Persönlichkeiten Fischer und Prem „Geflecht" schon früh. 1968 schließlich, dem Jahr der Studentenproteste und der zunehmenden Politisierung der deutschen Pop Art, löst sich die Gruppe ganz auf. Schon in den Jahren zuvor haben die Künstler leidenschaftlich gesellschaftspolitische Diskussionen geführt. Die Mitglieder Sturm und Bachmayer konzentrieren sich nach der Auflösung ganz auf die 68er-Proteste: Die Kunst geht im Leben auf.

Dem männlichen Blick setzt Ludi Armbruster als einzige Frau etwas dagegen

In der Münchner Szene breitet sich die Pop Art auf individuellen Wegen aus. Viele Künstler entwickeln einen eigenen Umgang mit Material, wie Prem in seinen „Polsterbildern", figurativen Arbeiten, die durch Unterpolsterung einiger Elemente wie Reliefs wirken. Michael Langer wendet sich dem Film zu, Uwe Lausen schafft beeindruckende figurative Gemälde und verschreibt sich später der Musik. Die „Geflecht"-Künstler widmen sich neben ihren Antiobjekten der Collage und der Druckgrafik.

Die Pop-Sprache der Münchner erinnert mitunter stark an die der US-amerikanischen Kollegen. Alltagsobjekte werden zum künstlerischen Motiv. Lothar Fischer schafft 1968 etwa die Ton-Skulptur „Große Tube": eine große Zahnpastatube, die gegen einen Podest lehnt und aus der gelb-weiß-gestreifte Paste quillt. Schon 1965 schafft Helmut Sturm eine farbenfrohe Collage, in der er Elemente aus Modefotografien mit gemalten Figuren kombiniert, die auf Kleidungsstücke reduziert sind. Eine männliche trägt ein Hemd, auf dem die Buchstaben „US" zu erkennen sind.

Vor allem Fischer und Prem arbeiten sichtlich beeinflusst von den US-amerikanischen Pop-Künstlern Claes Oldenburg und Tom Wesselmann kontinuierlich mit der Figur, vor allem der weiblichen. Sie greifen Promi-Porträts auf und zeigen auch mal einen halbbekleideten Damenkörper im Bad. Ihre Arbeiten sind 1967 in der Münchner Galerie van de Loo zu sehen. Ein Jahr zuvor wurden Werke von Wesselmann, Warhol, Dine und anderen in der Münchner Galerie Friedrich & Dahlem in der Schau „11 Pop Artists" gezeigt. Dem männlichen, oft chauvinistisch geprägten Blick setzt Ludi Armbruster als einzige Frau etwas dagegen, sie zeigt den weiblichen Körper betont unerotisch. Trotz der Vielstimmigkeit bleibt Pop in München ein Intermezzo, von dem sich einige der Künstler explizit distanzieren. Fischer wird die damals entstandenen Arbeiten Jahre später als „Irrtum" bezeichnen.