23. Januar 2014

Théodore Géricault war ein Gegner der Sklaverei, in Frankreich wurde sie erst 20 Jahre nach seinem Tod abgeschafft. In der Lithografie „Die Boxer“ lässt der Künstler den Kampf der Rassen aufleben.

Von Sabine Weier

Zwei Männer stehen sich mit erhobenen Fäusten gegenüber, einer ist schwarz, der andere weiß, ihr Stand ist fest, die Körper athletisch, die Blicke bestimmt. Eine Schar Zuschauer sitzt um sie herum und verfolgt staunend das Spektakel, einen Boxkampf, den Théodore Géricault im Jahr 1818 in einer Lithographie festhält. Das Bild ist mehr als nur die Szene eines Boxkampfes, es ist eine Allegorie auf den Kampf der Rassen. In Frankreich diskutierte man zu dieser Zeit heftig um den weltweit florierenden Sklavenhandel. Liberal Denkende wie Géricault befürworteten die Abschaffung.

Frankreich war im 17. Jahrhundert neben Portugal, Spanien, England, den Niederlanden und weiteren Ländern in den lukrativen Handel mit Menschen aus Westafrika eingestiegen. Händler deportierten sie in die Karibik und nach Nordamerika oder verschleppten sie nach Frankreich, wo sie Haussklaven Adliger wurden. Der unter Ludwig XIV erlassene „Code Noir" versorgte die Sklaverei in den französischen Kolonien mit einer rechtlichen Grundlage. Er regelte unter anderem, wie man entflohene Sklaven zu bestrafen hatte: Waren sie länger als einen Monat verschwunden, schnitt man ihnen die Ohren ab, beim zweiten Fluchtversuch schnitt man ihnen die Achillessehne durch, beim dritten Mal richtete man sie hin.

Befreiungskämpfe auf Haiti

Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit: Die Ideale der Französischen Revolution passten nicht zu dem, was in den Kolonien geschah. Im Jahr 1794 schaffte der nach der Französischen Revolution vorübergehend eingesetzte Nationalkonvent die Sklaverei zwar formal ab, doch schon 1802 bestätigte Napoleon sie wieder, vor allem, um wirtschaftlich nicht hinter England zurückzubleiben. Ab 1791 machten die Sklaven auf Saint Domingue, dem heutigen Haiti, mit Aufständen auf sich aufmerksam und führten in der Folgezeit erfolgreich Kämpfe gegen die französischen Kolonialherren. Rund 90 Prozent der 600.000 Bewohner waren Afrikaner, die meisten Sklaven. Vielleicht inspirierte ihr Anführer Toussaint L'Ouverture, ein freigelassener Sklave, Géricault zu seiner Darstellung des schwarzen Boxkämpfers. 1804 wurde Saint Domingue zum unabhängigen Staat Haiti, die Sklaverei wurde umgehend abgeschafft. L'Ouverture erlebte das nicht mehr, er starb kurz zuvor in einem französischen Gefängnis.

Als Vorlage für „Die Boxer" könnte auch ein Kampf zwischen dem freigelassenen nordamerikanischen Sklaven Tom Molineaux und dem Engländer Tom Cribb im Jahr 1810 gedient haben. In Virginia hatte Molineaux mit seinen Boxkämpfen Plantagenbesitzer unterhalten müssen, denen er bei Wetten außerdem beträchtliche Summen einbrachte. Nach seiner Freilassung war er nach England übergesiedelt, um dort eine Karriere als Profiboxer zu beginnen. Tom Cribb war englischer Meister. Den Titel konnte der überlegene Molineaux ihm aber nicht abnehmen, weil er sich die Hand verletzte, als das aufgebrachte Publikum kurzzeitig in den Ring drängte. Doch der Kampf hatte Symbolkraft. Schon Ende des 18. Jahrhunderts hatte sich in England eine Bewegung für die Abschaffung der Sklaverei formiert, doch erst 1834 wurden alle Sklaven im britischen Kolonialreich für frei erklärt. In Nordamerika sollte die Sklaverei noch bis in die 1860er-Jahre legal sein.

Ein schwarzer Held auf dem „Floß der Medusa"

Maler griffen das Thema im 19. Jahrhundert immer wieder auf. 1840 etwa schuf der britische Künstler William Turner das Gemälde „The Slave Ship". Darauf ist ein Segelschiff auf stürmischer See zu sehen, um das herum schemenhaft ins Wasser geworfene Körper und Fesseln auszumachen sind. Inspiriert soll ihn dazu ein Vorfall aus dem Jahr 1781 haben, bei dem der Kapitän eines Sklavenschiffs 133 Menschen über Bord werfen ließ, um Versicherungsgelder zu kassieren. Turner setzte sich gemeinsam mit anderen Abolitionisten für ein konsequenteres Vorgehen gegen den weltweiten Sklavenhandel ein.

Auch Géricault thematisierte die Sklaverei in seinem berühmten Gemälde „Das Floß der Medusa", das im Pariser Louvre hängt. Zu sehen sind verzweifelte Schiffsbrüchige auf einem selbstgezimmerten Floß, die zuvor auf einer französischen Fregatte namens „Medusa" unterwegs waren, um die westafrikanische Kolonie Senegal wieder in Besitz zu nehmen. Der einzige, der aufrecht steht, ist ein schwarzer Mann. Dem Betrachter hat er den Rücken zugewendet, im Hintergrund ist am Horizont schemenhaft das Segel eines Schiffes sichtbar. Der Mann stützt sich auf einen Knieenden und hält mit gestrecktem Arm rote Stoffreste in die Höhe, die wie eine Flagge im Wind wehen: ihm allein gehört die heroische Pose. Als das Bild 1819 im Pariser Salon vorgestellt wurde, löste es Diskussionen aus, nur den schwarzen Helden und die in ihm implizierte Kritik an der französischen Regierung schwieg man tot.

Wie Géricaults Boxkampf ausgehen wird, ist ungewiss, so wie es 1818 noch ungewiss war, wie der Kampf der Rassen ausgehen würde. Bei näherer Betrachtung aber wirkt der schwarze Boxer überlegen, der weiße lehnt sich ein wenig mehr zurück in die Defensive und auf seiner Stirn lassen sich Sorgenfalten ausmachen. Ahnt er schon, dass er verlieren wird? Die Abschaffung der Sklaverei in Frankreich sollte Géricault nicht mehr erleben. Das Gesetz wurde 1848 erlassen, mehr als 20 Jahre nach seinem Tod.