Altmeisterlicher Malstil

WĂ€hrend Leonor Finis Bildwelten bahnbrechend und visionĂ€r sind, ist ihr Malstil von BezĂŒgen auf frĂŒhere Jahrhunderte geprĂ€gt. Obwohl Fini nie eine Kunstakademie besucht hat, Ă€hnelt ihre virtuose Malweise jener der Alten Meister. In vielen europĂ€ischen Museen studiert sie intensiv die Maltechnik berĂŒhmter Vorbilder von Leonardo da Vinci bis Gustav Klimt. Dadurch eignet sie sich eine ausgefeilte und detailreiche Technik an. Sie arbeitet in einer lasierenden Malweise, schichtend, mit kaum sichtbaren Pinselspuren und glatter OberflĂ€che. Dies erzeugt sanfte ÜbergĂ€nge, weiche Schatten und verleiht ihren Figuren eine porzellanĂ€hnliche Haut. Mit ihrem eleganten Erscheinungsbild und ĂŒberlangen Proportionen weisen sie eine NĂ€he zum Manierismus auf, ebenso wie Finis zurĂŒckhaltender Einsatz von krĂ€ftigen PrimĂ€rfarben.

Angelo Bronzino, Pygmalion und Galathea, 1529/30

EinflĂŒsse der schwarzen Romantik und des Symbolismus lassen sich ebenfalls im Werk Finis finden – sie zeigen sich in der Faszination fĂŒr VergĂ€nglichkeit und das Verborgene, den Okkultismus und Mythen. Jenseits der RealitĂ€t verschwimmen die Grenzen zwischen Leben und Tod, Tier und Mensch. Sphingen, Priesterinnen, androgyne Wesen und andere hybride Kreaturen bevölkern ihre hyperrealistischen Bildwelten. Ihre Zeichnungen sind jedoch höchst prĂ€zise, ihre Figuren niemals zufĂ€llig, sondern bewusst inszeniert und vermitteln weit mehr als ihr oberflĂ€chliches Erscheinungsbild – sie wirken rĂ€tselhaft, selbstbewusst und vielschichtig. Anatomie und Proportionen sind dabei außergewöhnlich sicher, nicht zuletzt aufgrund der intensiven Anatomiestudien, fĂŒr die die wissbegierige KĂŒnstlerin schon in jungen Jahren die Leichenhalle in Triest besucht hat.

Johann Heinrich FĂŒssli, Der Nachtmahr, 1790/91



Und obwohl ihre Technik tief in der europĂ€ischen Maltradition verwurzelt ist, sind ihre Bildthemen modern. Fini malt mit der technischen PrĂ€zision der Alten Meister, ĂŒbernimmt die Eleganz des Manierismus und verbindet sie mit den psychologisch aufgeladenen Traumwelten des Surrealismus. So entstehen GemĂ€lde, die zugleich jahrhundertealt und ĂŒberraschend zeitgemĂ€ĂŸ wirken – klassische Malerei im Dienst einer vollkommen eigenstĂ€ndigen, imaginĂ€ren Bildsprache.