09. Juli 2013

Knud Wechterstein, Gründer der Terrorschwestern und bestens vertraut mit allem, was nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht, veranstaltet den KingQueen of Glam Contest in der SCHIRN. Ein Gespräch auf dem SCHIRN MAG.

Von Fabian Famulok

Knud Wechterstein ist in einem kleinen Vorort von Rüsselsheim aufgewachsen. Sein Vater ist evangelischer Pfarrer, direkt ans Wohnhaus der Familie grenzt das Gemeindezentrum. Was zunächst nach enger Vorstadt-Idylle klingt, bot Wechterstein als Teenager allerdings ungeahnte Möglichkeiten der freien Entfaltung: Die Altkleidersammlung im Gemeindezentrum war eine unerschöpfliche Schatzkiste für ihn und seinen Freundeskreis: Schrille Kostüme wurden zu einer Faszination für die Gruppe von 16- bis 20-Jährigen, die sich bei Wechterstein einfanden, um in sehr unkonventionellen Outfits die Kleinstadt unsicher zu machen. „Wir haben uns an den Wochenenden ausgetobt, trashige Musik gehört, in den Kostümen gefeiert und uns darin gefilmt und fotografiert. Von den Jungs waren viele schwul und hatten gerade ihr Coming-Out, aber auch Heteros und viele Mädels haben mitgemacht“, erinnert sich Wechterstein an die Anfänge der Gruppe vor 25 Jahren.

Mit der Zeit erlangte die bunte Gesellschaft einen gewissen Bekanntheitsgrad: „Wir wurden zu einem lokalen Fußballturnier eingeladen und gaben unserer Mannschaft den Namen Terrorschwestern. Der Begriff Terror war damals noch anders belegt als heute: Wir assoziierten damit Eigenschaften wie laut, stressig oder schrill.“ Auf dem Turnier waren sie die unangefochtenen Stars und wurden daraufhin von befreundeten DJs zur gemeinsamen Veranstaltung einer Party eingeladen. „Die Clubbesucher waren mitgerissen von den wilden Partys. Die Kombination aus grellen, enthusiastisch feiernden Club-Kids in freakiger Kostümierung und der gerade neuen House-Musik funktionierte bestens“, beschreibt Wechterstein die Zeit. „Die Party war plötzlich ein bundesweit bekannter Szene Hot-Spot und wir wurden von anderen Clubs angefragt. Das waren die Anfänge der heute professionellen Agentur Terrorschwestern.“

Das Spiel mit den Geschlechterrollen

In der Ausstellung „GLAM! The Performance of Style“ finden sich nicht wenige Verbindungen zu der Gruppe um Knud Wechterstein: „Ich habe mich in der Ausstellung oft wiedergefunden. Speziell in den Bildern der Leute, die sich zum Ausgehen fertig machen. Oder in dem Spiel mit Geschlechterrollen und dem Austesten der eigenen Grenzen.“

Wechterstein ist, nachdem die Terrorschwestern kommerziell etabliert waren, noch maßgeblich an der Gründung weiterer Formationen beteiligt gewesen, die seine Leidenschaft für schwulen Underground und Nachtleben-Kultur wiederspiegeln. „Im Jahr 2008 etwa entwickelte sich in meinem Freundeskreis die Formation Hysterik Klamour. Mit Hysterik Klamour haben wir beispielweise, finanziert vom Cocoon Club, tolle Internetvideos gedreht.“ Diese Formationen sind heute nicht mehr aktiv. Die Terrorschwestern aber sind noch immer im Geschäft: Die professionellen Tänzerinnen und Tänzer der Event-Agentur treten auf Firmenveranstaltungen, als GoGo-Tänzer, zu Promotion-Zwecken oder für Musik-Acts auf.

Auch bei Andrew Logan geht es um alternative Schönheitsbegriffe

Der KingQueen of Glam Contest, der am 20. Juli im Rahmen von Schirn At Night zur GLAM!-Ausstellung stattfindet, wird maßgeblich von Knud Wechterstein organisiert. „Diese Veranstaltung wird nicht nur ein phantastischer Abend, sondern wegen der authentischen Menschen aus der Szene, die als Kandidaten, Moderatoren und Künstler an der Show teilnehmen, eine echte Wirkung auf das Publikum haben“, kündigt Wechterstein an. Bei dem Wettbewerb geht es nicht in erster Linie um Verkleidungen, sondern um die Präsentation eines anderen, alternativen Schönheitsbegriffs. „Es soll deutlich werden, dass es viel Spannenderes als die gängigen Schönheitsideale gibt“, erklärt Wechterstein seinen Anspruch an die Veranstaltung.

Der Gedanke des alternativen Schönheitsbegriffs wurde in dieser Form bereits von Andrew Logan mit dem von ihm veranstalteten Alternative Miss World Contest aufgegriffen. Andrew Logan startete mit dieser Veranstaltungsreihe 1972, während die Glam-Bewegung in voller Fahrt war, und veranstaltet den Contest bis heute in unregelmäßigen Abständen. Auch bei Logan geht es um von der Norm abweichende Schönheit, oft im Zusammenhang mit dem Rollenspiel zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit. „Das Gedankengut von Andrew Logan, der Geist seines Alternative Miss World Contest, fließt natürlich auch in den KingQueen of Glam Contest in der SCHIRN ein“, bestätigt Wechterstein. Die Parallelen in den Biografien von Andrew Logan und Knud Wechterstein sind nicht zu übersehen: Auch Logan führte ein alternatives Leben, interessierte sich für unkonventionelle Optiken, und auch bei Logan entstand der heute weltbekannte Alternative Miss World Contest zu allererst in seinem Freundeskreis.