12. September 2017

Ende der 1990er-Jahre prägt der französische Kritiker Nicolas Bourriaud den Begriff „relationale Ästhetik“ für eine neue Kunstströmung, in der die zwischenmenschliche Begegnung ins Zentrum rückt.

Von Marie Beckmann

Wenn lebende Ratten mit italienischem Käse gefüttert werden, um anschließend als Kunstwerke in limitierter Auflage verkauft zu werden (Maurizio Cattelan), wenn Künstlerinnen Aerobic-Kurse im Galerieraum geben (Christine Hill) und Sammler die Zutaten für ein Thai-Curry erwerben (Rirkrit Tiravanija), ist klar: die Begrifflichkeiten, mit Hilfe derer Kunst bis dato dekodiert und analysiert wurde, greifen nicht mehr. Wie kann das Material, die Form, die Ästhetik von Werken beschrieben werden, die sich meist als flüchtige Begegnungen oder temporäre, interaktive Situationen darbieten? Dieser Frage widmet sich der französische Kurator und Kritiker Nicolas Bourriaud in seiner Essay-Sammlung „Relational Aesthetics“ (1998/2002).

Rirkrit Tiravanija, Pad thai, Image via onarto.com

Seine These: In den 1990er-Jahren herrscht eine Übersättigung an Kommunikation und Konsum und auch der Bereich des Sozialen – Beziehungen, Unterhaltungen, Begegnungen – wird kaum mehr als solcher erlebt, sondern beginnt zu einer spektakulären Repräsentation seiner selbst im Debord’schen [Guy Debord, franz. Autor, Filmemacher, †1994] Sinne zu verschwimmen. Diese Behauptung erscheint heute, angesichts der andauernden, zwanghaften Instagram-Inszenierung, umso nachvollziehbarer. Bourriaud spricht von einer „society of extras“, von einer Gesellschaft, in der es von allem genug und noch viel mehr gibt.

Raum für Zwischenmenschlichkeit

Die "relationalen Kunstwerke", die in jener Zeit entstehen, bezeichnet er daher als „hands-on utopias“ – denn sie formen nicht länger imaginäre, utopische, symbolische Realitäten, sondern bezeichnen tatsächliche Lebensweisen und Handlungen, die sich im Realen abspielen und einen sozialen Zwischenraum bieten, dessen (zeitliche) Struktur sich jener des durch Produktivität und Nutzen geprägten Alltags entgegenstellt und stattdessen Raum für zwischenmenschliche Kommunikation lässt.

Alix Lambert, Marriage Project, exhibition view "Mind-bending with the Mundane," at ICA/MECA,  Image via adrianeherman.com

„The artist dwells in the circumstances the present offers him, so as to turn the setting of his life (his links with the physical and conceptual world) into a lasting world.“ Die Künstler beziehen sich auf die Bedingungen ihrer jeweiligen gelebten Gegenwart. Es geht um Kollaborationen, Geselligkeit, Kontakte und Verträge – zwischen Künstlerin und Galeristin, zwischen Künstler und Sammler, zwischen einander fremden Individuen, zwischen Museumsbesuchern, Passanten und Supermarktkunden.

Kunstwerk als Apparatur

Was dabei grundsätzlich neu gedacht werden muss, ist die Form, das Materielle: Bourriaud borgt hier Louis Althussers [franz. Philosoph, †1990] Begriff eines „Materialismus der Begegnungen“, der nicht von einem vorherigen Vorhandensein ausgeht, sondern Formen als das Ergebnis einer willkürlichen Begegnung von Elementen versteht. So kann ein Kunstwerk als Apparatur verstanden werden, die, mit einem bestimmten Grad an Willkürlichkeit, jene Begegnungen herbeiführt.

On KAwara, I Met, Image via guggenheim.org

On Kawaras Serie „I met“ besteht aus Notizbüchern, in denen er zwischen 1968 und 1979 jeden Tag chronologisch die Namen jener Personen notierte, mit denen er sich unterhalten hat. Die zwölf Bücher fassen insgesamt 4790 Seiten. Dominique Gonzalez-Foerster materialisierte die Kindheitserinnerungen ihrer Galeristin Esther Schipper in der Installation „The Daughter of a Taoist“ (1992). Im selben Jahr schloss Alix Lambert für ihr Projekt „Wedding Piece“ über einen Zeitraum von sechs Monaten vier Ehen und ließ sich genauso schnell wieder scheiden. Philippe Parreno lud Menschen ein, am 1. Mai, zum Tag der Arbeit, ihre liebsten Hobbies auszuführen – allerdings auf dem Fließband einer Fabrik. Kunst als konstanter Zustand der Begegnung.

Neue Welten kreieren

„Frieden zeigt sich nicht als Gegenstand, sondern als Prozess von Interaktion und Kommunikation“, so heißt es in der Ankündigung zur PEACE-Ausstellung. Teilnehmende Künstler und Künstlerinnen wie Lee Mingwei, Surasi Kusolwong und Isabel Lewis binden die Besucher der Ausstellung in ihre Werke ein, machen sie zum notwendigen Bestandteil. Sie evozieren, in der Tradition der relationalen Ästhetik, immer wieder ein Zusammenstoßen unterschiedlicher Dinge, Individuen, und Stimmungen. Und wenn diese Begegnungen von Dauer sind, kreieren sie vielleicht sogar Welten. Denn, so Bourriaud: „In order to create a world, this encounter must be a lasting one.“

INTERVIEW. ISABEL LEWIS

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