06. August 2012

Erró ist bekennender Monsterfilm-Fan. Das trashige Horror-Genre fasziniert mit einer einzigartigen Ästhetik und birgt spannende Bezüge zu politischen Realitäten. Wir stellen einige dieser Kultfilme vor.

In Errós Porträtserie „The Monsters“ (1967/68) treffen tief im Bildgedächtnis der Geschichte verwurzelte Gesichter, etwa von Ludwig van Beethoven, Joseph Stalin und Charlie Chaplin, auf groteske Fratzen. Der isländische Künstler collagiert mit Vorliebe Bilder, die man im Medium Malerei kaum erwartet. Dieses Prinzip findet sich auch in „The Monsters“: Die Ungeheuer sind Protagonisten trashiger Filme, die zur Entstehungszeit der Serie extrem populär waren.

Angst und Schrecken

Monsterfilme gibt es schon fast so lange wie das Kino selbst. F. W. Murnau schockte 1922 mit dem Stummfilm-Klassiker „Nosferatu“, 1931 brachte Rouben Mamoulian „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ in die Kinos, und „King Kong“ trieb 1933 sein Unwesen auf der Leinwand. In den 1950er- und 1960er-Jahren erlebten die zwischen Horror- und Science-Fiction oszillierenden Filme einen wahren Boom. Amerikanische und japanische Studios legten Werke mit Titeln wie „Panik in New York“ oder „Das Grauen schleicht durch Tokio“ in rauen Mengen vor. Gewaltige Urzeitsaurier, haushohe Spinnen und furchteinflößende Glibberwesen aus dem Meer und dem All verbreiteten darin Angst und Schrecken. Geniale Wissenschaftler kämpften gegen sie an, meist zusammen mit der obligatorischen Schönen. Manchmal wurde die Schöne auch selbst zum Monster, wie in „Angriff der 20-Meter-Frau“ (1958), die durch Kontakt mit einem Außerirdischen eine spontane Genmutation durchmacht, zur Gigantin wird und Amok läuft. Natürlich erfolgt stets die läuternde Rettung, in der Regel durch einen Helden in Kooperation mit dem Militär.

Trailer von „Creature from the Black Lagoon“

Trash-Ästhetik mit Kultstatus

Viele dieser Unterhaltungsschlager sind so genannte B-Filme. Sie basieren auf simplen Skripten und wurden schnell und billig abgedreht, um den Unterhaltungshunger eines wachsenden Publikums zu stillen – meist einfach direkt am Set und mit den Schauspielern größerer Produktionen. 1932 entstand zum Beispiel „White Zombie“ am Set von „Dracula“. In beiden Produktionen spielte Bela Lugosi die Hauptrolle. Im Kino wurden meist gleich zwei Filme an einem Abend projiziert, zuerst die anspruchsvolle Produktion und dann der B-Film. Nicht selten dienten B-Filme auch als Karrieresprungbrett für Schauspieler und Regisseure auf dem Weg zu schillernden Hollywood-Karrieren, Jack Nicholson etwa begann als B-Film-Star. Die durch Skript und Umsetzung entstandene Trash-Ästhetik hat heute längst Kultstatus.

Angst vor der Atombombe und der Sowjetunion

Was auf den ersten Blick wenig tiefgründig wirkt, birgt eine tiefgreifende Beschäftigung mit politischen Realitäten. Viele Monsterfilme setzen sich mit dem Kalten Krieg und der drohenden Vernichtung der Menschheit auseinander – in ihrer ganz eigenen Sprache. „Godzilla“ (1954), einer der bekanntesten Monsterfilme, verarbeitet die kollektive Angst vor der nuklearen Katastrophe: Durch Atombombenversuche im Pazifik erwacht eine Steinzeit-Echse aus ihrem tausendjährigen Schlaf und zerstört Tokio. Viele in den USA gedrehte Monsterfilme kreisen um Themen der McCarthy-Ära, zum Beispiel die Angst vor sowjetischen Schläfern. „The Invasion of The Body Snatchers“ (1956) übersetzt sie in eine außerirdische Macht, die sich in die Köpfe der Menschen einnistet.

Deutscher Trailer von „Gigant des Grauens“

Kulturtheoretikerin Susan Sontag widmete dem kultigen Genre den 1966 veröffentlichten Essay „Imagination of Desaster“. Die von den Monstern ausgehende Faszination erklärt sie so: „Wenn wir diese außerhalb der Kategorie des Menschlichen existierenden Freaks anschauen, verspüren wir Lust. Ein Überlegenheitsgefühl vermischt sich mit dem Nervenkitzel der Angst und ermöglicht es uns, moralische Skrupel über Board zu werfen und das Grausame zu genießen.“

Wir waren verrückt nach Monsterfilmen

Auch Erró und seine Pariser Künstler-Kollegen – er verbrachte Zeit mit Avantgarde-Größen wie Salvador Dalí oder Roberto Matta – waren ausgemachte Fans des Monsterfilm-Genres: „Wir gingen gerne ins Lateinische Viertel, denn da gab es jede Menge kleine Kinos, die diese Filme zeigten. Einige richteten gemeinsam sogar ein Monsterfilm-Festival aus. Wir waren verrückt nach Monsterfilmen, das war eine großartige Zeit.“ Der Hype brachte sogar Zeitschriften hervor. In der Erró-Ausstellung in der Schirn ist eine Ausgabe der „Famous Monsters of Filmland“ von 1965 zu sehen. Das auf dem Cover abgebildete Brimstone Beast diente Erró als direkte Vorlage zur Kreuzung mit Joseph Goebbels’ Konterfei.

Auch andere berühmte Filmmonster lassen sich in der Porträtserie wiedererkennen. „Frankenstein“ (1931) geht eine groteske Liaison mit Charlie Chaplin ein. Marshall McLuhan macht Bekanntschaft mit dem grünen Kiemenmenschen aus „Der Schrecken vom Amazonas“ (1954) und die „Die Rache des Ungeheuers“ (1955), der eine Expeditions-Truppe auf Trab hält. Dante trifft auf den „Gigant des Grauens“ (1958), ein radioaktiv verseuchter US-Oberst, der zum Riesen wird, in Los Angeles Busse und Menschen durch die Gegend wirft und sich schließlich das Leben nimmt, indem er eine Oberleitung berührt. C.G. Jung teilt sich die Leinwand mit dem haarigen Monster aus „Der Schrecken schleicht durch die Nacht“ (1958), das eigentlich ein ganz normaler Wissenschaftler war, bevor es mit einem genverändernden prähistorischen Fisch in Kontakt kam.

Hoch- und Populärkultur verschmelzen in Errós Werk. Wenn er Comic-Helden und Filmmonster auf die Leinwand holt und so das dem Medium Malerei anhaftende Sakrale süffisant auf die Schippe nimmt, eröffnet er dem Betrachter eine erfrischende Perspektive – und Raum für wilde Interpretationen.