Die Harvard Art Museums beherbergen die größte Lyonel-Feininger-Sammlung der Welt. Doch wie kam es dazu und in welcher Beziehung stand der Künstler zu der weltbekannten Institution? Ein Archivbesuch und Gespräch mit den Direktorinnen Lynette Roth und Laura Muir.

Es ist ungewöhnlich warm für Anfang Dezember, als ich den Gehweg in Cambridge heruntereile, um Lynette Roth und Laura Muir von den Harvard Kunstmuseen zu treffen. Ich war schon einige Male dort, normalerweise betrete ich das Gebäude allerdings vom Broadway aus. Um zu Lynette und Laura im Art Study Center zu gelangen, mit denen ich über ihre beachtliche Sammlung von Lyonel Feiningers Werken sprechen möchte, hat man mir allerdings gesagt, dass ich den Seiteneingang neben den Laderampen nehmen soll. Mir verbleiben nur noch fünf Minuten bis zu unserem Termin und natürlich – wie sollte es anders sein – habe ich Schwierigkeiten, den Eingang zu finden. 

Architekturen aus Glas und Licht

Erleichterung durchflutet mich, als ich endlich die großen grauen Rolltore auf der Rückseite des massiven Backsteinbaus entdecke, der einst das Fogg Museum beherbergte und neben denen eine unauffällige Glastür die einfache Aufschrift „Mitarbeiter“ trägt. Als ich ins Foyer trete, empfängt mich eine äußerst freundliche Rezeptionistin, die bereits meinen Namen kennt, mir einen ausgedruckten Sticker reicht, den ich sichtbar auf meinen Pullover tragen soll und mich bittet, auf Jennifer, die PR-Beauftragte, zu warten. Wie in jedem öffentlichen Gebäude in den USA seit 2001 wird meine Handtasche kontrolliert und ein portabler Scanner stellt sicher, dass ich in friedlicher Absicht komme. Jennifer taucht kurz danach hinter den Glastüren auf und fordert mich auf, ihr in den vierten Stock zu folgen. Als wir den Aufzug verlassen, muss ich meine Handtasche und meine Jacke in der Garderobe abgeben – in das Art Study Center darf ich ausschließlich mein Handy und meinen Notizblock mitbringen, um die Integrität der Kunstwerke und des Raumes zu wahren. Wir waschen uns sogar gründlich die Hände an den Waschbecken, die im Korridor untergebracht sind. Als ich endlich das Art Study Center betrete, bin ich erstmal geblendet – metaphorisch und im wahrsten Sinne des Wortes. Anstatt von Wänden ist der Raum von Glaspanelen umrandet, einige sind mit weißen Jalousien abgedeckt, um die auf den umlaufen Einbauten ausgestellten Kunstwerke zu schützen. 

Broadway, Foto: Natalie Wichmann
Seiteneingang Harvard Art Museums, Foto: Natalie Wichmann

2014 wurden die drei großen Kunstinstituten von Harvard – das Fogg Museum, das Busch-Reisinger Museum und das Arthur M. Sackler Museum – unter einem durchsichtigen Dach vereint. Ein Geniestreich des Stararchitekten, auch bekannt als „Meister des Lichts“, Renzo Piano. Um das Alte mit dem Neuen zu vereinen, hat Piano eine Glaspyramide auf das massive Backsteingebäude des Fogg Museums gesetzt und in der Mitte einen überdachten Innenhof erschaffen, der heute das Herz der Harvard Kunstmuseen bildet und Besucher*innen die Möglichkeit bietet, einen Blick in jede der vier Etagen, bis hinauf in den Himmel, zu erhaschen. Die Galerien der Museen sind in chronologischer Reihenfolge aufgebaut, angefangen mit der zeitgenössischen Kunst im Erdgeschoss, folgt in jeder weiteren Etage „ältere“ Kunst. Das Art Study Center sitzt direkt unter dem bereits erwähnten Glasdach, der Schaltzentrale der Harvard Art Museums, und ist reserviert für eine Recherche, die Kunststudierende, Forschende und Akteur*innen der Kunstwelt ganz nah ans Kunstwerk heranlässt. 

Das Busch-Reisinger Museum: Schwerpunkt für deutsche Kunst in den USA

Es gibt Bleistiftskizzen und Aquarelle, Comicstrips, Tuschezeichnungen und Holzschnitte, die das Werk von Lyonel Feininger von 1892 bis weit in die 1950er-Jahre umspannen. Im ersten Moment bin ich sprachlos angesichts der Vielfältigkeit der Kunstwerke, die sich im Raum befinden. Dann kommt Lynette Roth auf mich zu, die Direktorin des Busch-Reisinger Museums, zusammen mit Laura Muir, der Direktorin für Academic and Public Programs. Beide sind sehr freundlich, insbesondere nachdem ich gleich im ersten Moment einen der Bleistifte durchbreche – um Unfälle zu vermeiden, darf ich meinen eigenen Kugelschreiber nicht benutzen. Nicht  überraschend, bei den einzigartigen Werken, die ganz in der Nähe stehen. 

Art Study Center, Foto: Natalie Wichmann
Foto: Natalie Wichmann
Lynette Roth und Laura Muir, Foto: Natalie Wichmann

Lynette, was können Sie uns über das Busch-Reisinger Museum erzählen? Was ist Ihr Fokus und wie passt die Sammlung von Feiningers Werken dazu?

Lynette Roth: „Das Busch-Reisinger Museum ist einzigartig in den USA mit der Ausrichtung auf Kunst aus dem deutschsprachigen Raum und besonders auf Kunst aus Deutschland. Es wurde 1903 noch als Germanisches Museum gegründet. Ich denke oft an Feiningers Beziehung zum Museum: Er ist ein Deutsch-Amerikanischer Künstler, der so ziemlich seine ganze Karriere, naja so lange es eben ging, in Deutschland verbracht hat und oft nur in diesem Zusammenhang gesehen wird. Aber für mich ist diese transnationale Beziehung der eigentliche Grund für die Existenz des Museums. Als Lehr- und Forschungsinstitut sind wir der ideale Ort für ein Archiv. Und genau das sind wir: das Feininger Archiv.“ 

Sie haben hier also oft Studierende, die zur Forschung kommen?

Lynette Roth: „ Auf jeden Fall! Für uns ist das hier (sie schwenkt mit der Hand über den Raum) in vielerlei Hinsicht das Herz des Museums. Als wir das Gebäude 2014 eröffnet haben, war die Idee von Anfang an, einen Großteil des Raumes für den Kunststudienraum zu reservieren, um die Sammlung für Lehre und Forschung zugänglich zu machen. Wir veranstalten hier auch regelmäßig Kurse.“

Laura Muir: „Fakultäten von Harvard aber auch von anderen lokalen Universitäten und Colleges bringen ihre Studierenden oft zu uns.  Das sind nicht ausschließlich Kunststudierende, auch Student*innen aus verschiedensten Forschungsrichtungen von Wirtschaft bis Soziologie und mehr kommen zu uns. Es ist uns wichtig, dass die Sammlung als Hilfsmittel für alle Studierenden gesehen wird. Wir haben ja auch nur einen ganz kleinen Anteil der Sammlung unten in den Ausstellungsräumen, etwa 2%, der Rest ist im Lager und kann ausschließlich durch diesen Raum hier erfahrbar gemacht werden. Bei uns kann man der Kunst ganz nahe kommen ohne störendes Glas vor den Kunstwerken, wir sind ein Ort des langsamen Entdeckens, das ist uns allen hier besonders wichtig. Wir machen auch öffentliche Programme, die wir Art Study Center Seminare nennen. Heute Morgen war gerade erst eins, bei dem wir uns die Rückseiten von Gemälden angeschaut haben mit all den Aufklebern, an denen man die Geschichte eines Kunstwerks nachvollziehen kann. Ich habe das hier mitgebracht (sie zieht ein Buch hervor und fängt an durch die Seiten zu blättern, bis sie ein Schwarz-Weiß-Foto findet): Das hier ist die Adolphus Busch Hall, die erste Heimat des Busch-Reisinger Museums.“  

Lynette Roth: „Es ist ein faszinierendes Gebäude, gebaut für das Germanische Museum, das immer noch unsere Sammlung von Gipsabdrücken beherbergt. Das Museum war zuerst für Reproduktionen bestimmt, bevor es angefangen hat, Originalkunstwerke zu sammeln. Es war so eine Art Lehrlabor: Wenn man nicht nach Deutschland reisen konnte, um die Originale wie Kirchen und Kathedralen zu sehen, dann konnte man deren architektonische Elemente in Gipsform direkt hier in Cambridge entdecken. Dieses Bild hier zeigt, wie weit die Beziehung zwischen Feininger und dem Museum zurückgeht und wie sehr das, was wir heute machen, bereits in unserer DNA angelegt ist.“ 

Lyonel Feininger: Freight Steamer, 1932, Foto: Natalie Wichmann

Feininger besuchte Harvard und das Busch-Reisinger Museum regelmäßig von den frühen 1950er-Jahren an, als sein Sohn T. Lux in Harvard arbeitete und Walter Gropius an der Universität lehrte.

Laura Muir: „Wie Lynette schon gesagt hat, die frühe Sammlung besteht ausschließlich aus Reproduktionen. Erst in den 1930er-Jahren hat das Busch-Reisinger Museum angefangen, Originalkunstwerke zu sammeln. Und Feiningers Arbeiten waren unter den ersten Originalen, die das Museum erworben hat. Dieses Foto hier ist aus den 1950er-Jahren und stammt von Feininger selbst; es zeigt seine Frau Julia und den damaligen Kurator des Busch-Reisinger Museums: Charles Kuhn. Es liegen ein paar Bauhaus-Objekte auf dem Tisch, aber auch die ersten Original-Ankäufe des Museums von Lyonel Feininger: Illustrationen zu den so genannten Geistergeschichten, die aktuell allerdings in unserem Bereich in Somerville sind. Aber diese melancholische Meereslandschaft dort drüben (sie zeigt auf eines der Bilder, das auf einem der Einbauten an der äußeren Glaswand aufgestellt ist), der „Freight Steamer“ (Frachtdampfer) von 1932, wurde von Charles Kuhn in Berlin erworben und ist wahrscheinlich das erste Originalwerk in unserer Feininger Sammlung.“   

Lynette Roth: „Charles Kuhn war 1934 in Deutschland und hat Werke von Künstlern aufgekauft, die da bereits als entartete Kunst gehandelt wurden – der Terminus wurde vielleicht noch nicht offiziell gebraucht, aber das war der Kurs, auf dem Deutschland da schon einige Zeit war. Die gesamte Geschichte des Museums ist verbunden mit der Geschichte Deutschlands, mit der transnationalen Beziehung zwischen Deutschland und den USA, mit dem Einfluss, den Kultur und Politik auf Kunst und Künstler*innen hatte. Ich sage immer, dass diese Kunstsammlung nicht existieren würde, ohne die historischen Entwicklungen zu durchdenken, die zu ihr geführt haben. Was zum Beispiel hat den Fokus auf moderne Kunst zu Beginn der 1930er-     Jahre eingeläutet? Was es auch war, führte zu einem enorm wichtigen Umschwung für das Museum – und Feininger, genauer seine Werke, waren immer mittendrin.“

Laura Muir: „Die Feininger Familie wusste, dass Harvard und der Kurator, Charles Kuhn, eine Sammlung etablierten, die sich auf deutsche Kunst konzentrierte. Als Feininger dann in die USA zurückkehren musste – wie durch ein Wunder war er fähig, viele seiner Werke mitzubringen – suchten sie nach einem Ort, an dem seine Kunst aufbewahrt und Studierenden zum Lernen zur Verfügung gestellt werden konnte. Zeitgleich kam auch Gropius in die USA und hatte bereits eine Verbindung zu Harvard, welche die Bauhausinitiative in den USA beflügelte. Es machte also Sinn für die Feininger Familie, für Lyonel und nachdem er verstorben war auch für Julia und ihre gemeinsamen Söhne, weiterhin Schenkungen zu machen und dieses Forschungszentrum, das auf Lyonels Arbeit fokussiert war, mitzugestalten.    

LYONEL FEININ­GER. RETRO­SPEK­TIVE

27. Oktober 2023 – 18. Februar 2024

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