25. Februar 2013

In einer aufwendigen, rund 100 Werke umfassenden Themenausstellung zeigt die SCHIRN vom 28. Februar bis 2. Juni 2013 „Letzte Bilder. Von Manet bis Kippenberger“.

In der Ausstellung demonstrieren herausragende Werke und Werkgruppen aus der Zeit vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart eindrücklich die abschließende Zuspitzung oder gar überraschende Wende eines künstlerischen Lebenswerks. Gezeigt werden Arbeiten von insgesamt 14 Künstlern, darunter etwa Claude Monet und Henri Matisse, die im hohen Alter ein inzwischen anerkanntes Spätwerk hervorbrachten, oder Martin Kippenberger und Bas Jan Ader, die jung verstorben ein unerwartetes oder nahezu unbekanntes „letztes Bild“ hinterließen. In sieben aufeinanderfolgenden Räumen werden thematisch gerahmte Gegenüberstellungen inszeniert, die Werke von Willem de Kooning, Alexej von Jawlensky, Georgia O’Keeffe und Andy Warhol bis hin zu Francis Picabia oder Ad Reinhardt versammeln und damit einen zuweilen überraschenden Blick auch auf das Gesamtwerk der ausgewählten Künstler ermöglichen.

In der Kunstgeschichte wurde und wird der Begriff des „Spätwerks“ fast ausschließlich im Hinblick auf die Existenz eines sogenannten Spät- oder Altersstils diskutiert. Die Gruppenausstellung der SCHIRN unterstreicht hingegen die Besonderheit, mit der sich der Abschluss eines Œuvres im Einzelfall vollzieht. Intensivierung, Radikalisierung oder auch eine Neuausrichtung aufgrund physischer Einschränkungen zeichnen viele der versammelten Werke aus. Aber auch neu gewonnene Freiheit, gesteigerte Produktivität oder Rückbesinnung auf die eigenen Anfänge bis hin zum verstärkten Spiel mit Aspekten des Zufalls, der Wiederholung und schließlich einer expliziten ästhetischen Auseinandersetzung mit der Frage nach dem „letzten Bild“ sind Facetten der abschließenden Werkphasen der gezeigten Künstler.

Die Präsentation in der SCHIRN ist bewusst nicht chronologisch aufgebaut. Vielmehr lässt sie in thematisch ausgerichteten Konfrontationen jeweils zwei Künstler in einen spannungsvollen, mitunter unerwarteten Dialog treten: So scheinen die Blumenstillleben Édouard Manets, an denen er in den Jahren 1882/83 bis wenige Wochen vor seinem frühen Tod arbeitete, und Claude Monets berühmte Seerosenbilder nur auf den ersten Blick verwandt.

Im gemeinsamen Kontext einer gesteigerten Experimentierfreudigkeit im Alter steht die Gegenüberstellung später Werke von Henri Matisse und Willem de Kooning. Während Matisse sich in den 1940er-Jahren krankheitsbedingt der Technik der Papiers découpés bediente, erfand sich de Kooning, einer der bedeutendsten Vertreter des Abstrakten Expressionismus, in den 1980er-Jahren als Maler gewissermaßen neu.

Eine erhöhte Produktivität im Bewusstsein des herannahenden Endes zeichnet die letzte Werkphase des 1864 geborenen Alexej von Jawlensky aus. Die als "Meditationen" bekannten, rund 1000 kleinformatigen Bilder fertigte der russische Künstler nahezu gelähmt in den Jahren 1934 bis 1937 unter äußerster Kraftanstrengung an. In der SCHIRN trifft eine konzentrierte Auswahl dieser Ölgemälde auf ein einzigartiges Werk des Experimentalfilmers Stan Brakhage. Für seinen letzten Film "Chinese Series" kratzte der US-Amerikaner Brakhage kurz vor seinem Tod 2003 mit den Fingernägeln zeichenhafte Formen in einen schwarzen Filmstreifen, dessen Emulsion er zuvor mit seinem Speichel aufweichte.

Offen für überraschende Themen und neue Formensprachen zeigten sich sowohl Georgia O’Keeffe als auch Walker Evans in ihrer letzten Werkphase. Die in der SCHIRN zu sehenden Spätwerke zählen zu den bisher weniger bekannten Arbeiten der beiden Künstler. Die Himmels- und Wolkenbilder der fast 80-jährigen O’Keeffe erweitern das bekannte Werk der bald darauf erblindeten Künstlerin um eine neue, faszinierende Dimension. Vor dem Hintergrund seines kanonisierten Œuvres ist die Werkphase, in die der damals fast 70-jährige Evans 1973 mit dem Erwerb einer neuartigen Polaroid-Kamera trat, besonders überraschend.

Unter dem Titel „Variation und Wiederholung“ stehen in der SCHIRN-Ausstellung letzte Arbeiten von Giorgio de Chirico und Andy Warhol einander gegenüber. Das bis heute umstrittene Spätwerk de Chiricos wird mit einer Auswahl von Bildern aus den allerletzten Schaffensjahren des italienischen Künstlers präsentiert. Aus Andy Warhols umfangreichen Werkgruppe "The Last Supper", die 1986 auf der Grundlage von Leonardo da Vincis berühmtem Wandgemälde "Das letzte Abendmahl" entstand, ist eines der monumentalen (über acht Meter breiten) Bilder erstmals seit 15 Jahren wieder in Europa zu sehen.

Mit seinem unausweichlich bevorstehenden Ende scheint sich der deutsche Maler Martin Kippenberger in seinen letzten Arbeiten auseinandergesetzt zu haben. Nach einer erschütternden Krebsdiagnose schuf der damals 43-jährige 1996 die gleichermaßen traurig-pathetische wie spielerische Bildserie "Jacqueline. The paintings Pablo couldn’t paint anymore". Die SCHIRN stellt Kippenberger eine wenig bekannte Werkgruppe aus den letzten Schaffensjahren des französischen Künstlers Francis Picabia gegenüber. Der Minimalismus und die willentlich „schlechte“ Malweise der sogenannten „Punktebilder“ wurden bei ihrer ersten Präsentation 1949 in Paris als regelrechte Provokation empfunden.

Wie kaum ein anderer verkörpert der niederländische Konzept- und Performancekünstler Bas Jan Ader die tragische Dimension eines fatalen Endes. Als zweiten Teil seiner Arbeit "In Search of Miraculous" plante er 1975 eine Atlantiküberquerung in einem Einmann-Segelboot. Im April 1976 konnte zwar das Wrack des Bootes geborgen werden, von Ader fehlte jedoch jede Spur. Unter ganz anderen Vorzeichen schuf auch der amerikanische Künstler und Kunsttheoretiker Ad Reinhardt ein im absoluten Sinn „letztes Bild“. Von 1960 bis 1966, während der letzten sechs Jahre seines Schaffens, arbeitete Reinhardt ausschließlich an den sogenannten "Black Paintings". Mit diesen geheimnisvollen schwarzen quadratischen Gemälden suchte er die Malerei an einen inhalts- und intentionsfreien Nullpunkt zu führen.

KÜNSTLER: Bas Jan Ader, Stan Brakhage, Giorgio de Chirico, Walker Evans, Alexej von Jawlensky, Georgia O’Keeffe, Martin Kippenberger, Willem de Kooning, Édouard Manet, Henri Matisse, Claude Monet, Francis Picabia, Ad Reinhardt und Andy Warhol

Die Ausstellung „Letzte Bilder. Von Manet bis Kippenberger“ wird vom Verein der Freunde der SCHIRN Kunsthalle e. V. gefördert.